Eventi letterari Monte Verità 6-9 aprile 2017

I luoghi dell’utopia / Orte der Utopie / Les lieux de l'utopie

Focus du 10/04/2017 par Ruth Gantert

Nicht-Orte, Orte des Nichts und Orte der Sehnsucht

La torre dell’utopia heisst ein eher gedrungenes steinernes Gebäude, das im Park des Monte Verità liegt, hinter einer Abschrankung mit farbigen Bändern: «Vietato ai non adetti al lavoro». Eine steinerne Wendeltreppe windet sich um das Gebäude, deren unterste Stufen abgebrochen sind. Stattdessen ist ein Stuhl zu Füssen der Treppe platziert. Ein Nicht-Ort, der zum Verweilen einlädt, zum Ausbrüten von Ideen. Wer soll sich hier niederlassen und über das Festivalthema «Orte der Utopie» sinnieren?

Unter den eingeladenen Gästen – allerdings nicht auf dem Stuhl am Fuss der weggebrochenen Stufen, sondern im Borgo von Ascona am Lago Maggiore, im logobedruckten Zelt, hinter dem Platanen ihre knorrigen Fäuste recken – waren  der österreichische Autor Christoph Ransmayr, die weissrussische Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, der argentinische Schriftsteller und Essayist Alberto Manguel, die in Aserbaidschan geborene und in Berlin lebende Olga Grjasnowa und der slowenische Dichter, Autor und Übersetzer Aleš Šteger. Aus Italien kamen der Altphilologe, Historiker und Essayist Luciano Canfora, der Astronaut Umberto Guidoni und der Journalist und Autor Alessandro Leogrande. Der Premio Enrico Filippini ging an den «grössten Buchhändler Italiens, und vielleicht Europas» Romano Montroni, die Laudatio hielt der Philosoph und Theologe Vito Mancuso.

Aus der ganzen Schweiz reisten acht junge Schreibende an, die zu Beginn des Festivals einen kurzen eigenen Text – Poesie oder Prosa – vorlasen, und die danach im «Cenacolo» den mehrsprachigen Gedankenaustausch pflegten. Der Literaturprofessor und Autor Pietro De Marchi stellte Giorgio und Giovanni Orelli vor. Anhand von Gedichten seiner beiden Tessiner Lehrmeister, gefolgt von eigenen Texten, zeigte er, welche Utopien die Poesie bewegt. Peter Stamm las aus seinem letzten Roman Weit über das Land (S. Fischer 2016), der Publizist Frank A. Meyer hielt einen Vortrag über die Sehnsucht. Die Schauspielerin Sonia Bergamasco beschloss die Tagung mit einer Lesung aus Bruce Chatwins und Nicolas Bouviers Reiseerzählungen.

Nicht alle Veranstaltungen waren literarischer Art, der Bezug zum Thema «Orte der Utopie» war nicht immer klar ersichtlich, und nicht jedes Gespräch glückte. So zeigte die nicht nur aus technischen und sprachlichen Gründen schwierige Diskussion zwischen Andreas Breitenstein und Swetlana Alexijewitsch, dass die interkulturelle Verständigung bisweilen eine Utopie bleibt, was sie nicht weniger interessant macht. Zwei Höhepunkte des Festivals sollen im Folgenden hervorgehoben werden.

Christoph Ransmayr: die Bedeutung des sprachlich-kulturellen Nullpunkts

Joachim Sartorius, der künstlerische Leiter des Festivals, der zusammen mit Karin Graf und Paolo di Stefano das Programm gestaltet, stellte in seiner Einführung fest, dass Christoph Ransmayr, den die Repubblica als «grössten Gegenwartsautor deutscher Sprache» bezeichnet hatte, mit – in seinen Worten – «Ahnungslosigkeit und leichtem Gepäck» unterwegs sei, einerseits, um historische Ereignisse literarisch zu bearbeiten und mit der Gegenwart zu verknüpfen, andererseits um Grenzsituationen auszuloten, wie Werner Herzog dies in seinen Filmen tat.

Beides war dann in Ransmayrs Lesung auf eindrückliche Art zu hören: Er las aus seinem Buch Atlas eines ängstlichen Mannes (S. Fischer, 2012), in dem er in einer durch siebzig Episoden führenden Erzählung der Regel gefolgt war, nur von Personen zu sprechen, die mit Namen und Adresse existieren und in seinem Leben eine Rolle gespielt haben, und aus dem Roman Cox oder der Lauf der Zeit (S. Fischer, 2016), der eine Episode aus dem Leben des von einer historischen Figur inspirierten Londoner Uhrmachers des 18. Jahrhunderts Alister Cox beschreibt. Beide Male spielt die Handlung in China: Im ersten Text trifft der Ich-Erzähler auf der chinesischen Mauer einen Vogelbeobachter aus Swansea, während im zweiten Text Cox’ Ankunft in der chinesischen Stadt Háng zhōu beschrieben wird, in der am gleichen Tag der Scharfrichter 27 verurteilten Steuerbeamten in einer öffentlichen Strafaktion die Nase abschneidet. Der zauberhafte erste Bericht einer kurzen Begegnung zwischen dem Erzähler und dem walisischen Touristen wich so der sprachgewaltig geschilderten Grausamkeit, die der englische Ankömmling durch ein Fernglas erspäht.

Ransmayr betonte nach seiner mitreissenden Lesung, dass bei realen und fiktiven Reisen wie auch in der Beziehung zu fernen oder nahen Menschen «grenzenlose weisse Flächen» eine entscheidende Rolle spielten, die wir mit unserer Phantasie füllten. In der Literatur sei der sprachlich-kulturelle Nullpunkt des fremden Landes und der Begegnung mit Unbekannten die entscheidende Voraussetzung für das Erzählen, im Politischen sei es die Utopie, die unserem Handeln den Impuls gebe.

Aleš Šteger, Olga Grjasnowa und Alessandro Leogrande: Schmerz und Schrecken in Sprache fassen

Nicht vergangenes, sondern heutiges Grauen beschreiben die drei europäischen Autoren Aleš Šteger, Olga Grjasnowa und Alessandro Leogrande, deren neue Bücher um die Fluchtbewegungen und die schwierige Ankunft in Europa kreisen. Aleš Šteger folgt mit Logbuch der Gegenwart. Taumeln (Haymon, 2016) einer selbstauferlegten Regel: Einmal im Jahr begibt sich der Autor an einen geschichtsträchtigen Ort und schreibt dort während zwölf Stunden ununterbrochen, was er beobachtet, erlebt und was ihm durch den Kopf geht. Danach wird der Text sofort publiziert und nicht mehr verändert. Šteger las einen Auszug aus einem Text, der auf dem Busbahnhof in Belgrad entstanden war. Ein Nicht-Ort oder Un-Ort, in dem schon der liegengelassene Müll den Leuten auf der Durchreise signalisiert, dass sie nicht erwünscht sind und so schnell wie möglich abreisen sollen. Auf dieser «Insel» beschreibt Šteger seine Begegnungen mit Roma-Kindern, mit Prostituierten und Flüchtlingen. Wie eine Litanei wiederholt er dabei den Satz «Ich schäme mich».

Ein anderer Satz erscheint vielfach in Olga Grjasnowas Beschreibung der Gründe, die zur Revolution in Syrien führten. «Sie hatten es satt.» In ihrem Buch Gott ist nicht schüchtern (Aufbau, 2017) erzählt die mit einem Syrer verheiratete Autorin von der Überfahrt auf einem überfüllten Schlauchboot, nach der die Flüchtlinge durchnässt und ohne Gepäck auf der griechischen Insel Lesbos ankommen.

Alessandro Leogrande schliesslich schrieb sein Buch La frontiera (Feltrinelli, 2015) nach dem Schiffbruch eines Schlepperbootes vor Lampedusa, bei dem 368 Menschen ertranken, von denen fast alle Eritreer waren. Sein Buch beginnt nüchtern wie ein Polizeirapport mit dem Bergen der Leichen durch die Taucher der Küstenwache.

Im Gespräch, das Roger de Weck mit den drei Autoren führte, ging es darum, wie sie für die schreckliche Realität eine Sprache finden. Alle drei liessen Begegnungen mit Flüchtlingen in ihre Bücher einfliessen. Sie betonten die Notwendigkeit, schreibend über das aktuelle Geschehen nachzudenken und die Flüchtlingskrise auf ihre Ursachen zurückführen. So untersucht Alessandro Leogrande, aus welchen Gründen die Eritreer ihre Heimat verlassen müssen und welche Rolle Europa dabei zukommt – als ehemaliger Kolonisator und als Ort des möglichen Überlebens. Seinem Buch stellt er einen Vers aus der Johannes-Apokalypse voran, deren Beschreibung der Auslöschung er mit der heutigen Katastrophe verbindet:

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde;
denn der erste Himmel und die erste Erde
verging, und das Meer ist nicht mehr.