In der Kürze liegt der Witz

Neue Bücher von Arno Camenisch, Marc Djizmedjian, Beat Gloor und Bruno Steiger

Approfondissement du 25.10.2016 par Beat Mazenauer

Nebst dem gewichtigen Roman und der emphatischen Poesie hat es die kurze literarische Form eher schwer. Das liegt nicht nur an der Mannigfaltigkeit ihrer Erscheinungsformen, manche halten sie auch für leichtgewichtig und somit unernst. Selbstverständlich gibt es Ausnahmen. Wer würde Kafka den literarischen Wert absprechen wollen, oder Hebels Kalendergeschichten, ganz zu schweigen von Georg Christoph Lichtenbergs merkwürdigen Aphorismen.

«Die Gedanken dicht und die Partikeln dünne» notierte dieser in einem seiner Sudelbücher (Heft E, 16). Kürzer ist die Forderung nach Kürze kaum zu formulieren. «In der Kürze liegt die Würze» sagt dazu der Volksmund – oder wie es Polonius im Hamlet sagt: «Brevity is the soul of wit». Die kleine Differenz zwischen den Sprachen ist dabei zu beachten. Was in der deutschen Schlegel-Übersetzung eine eher kulinarische Note erhält, setzt im Englischen ganz auf Esprit. Vielleicht ging Lichtenberg deshalb nach England, wie er einem anderen Aphorismus schreibt, «um deutsch schreiben zu lernen» (Heft E, 144).

Die ganze Bandbreite zwischen Würze und Witz demonstrieren ein paar aktuelle Buchneuheiten aus der Schweizer Herbstproduktion. Arno Camenisch legt mit Die Launen des Tages einen zweiten Band mit Kurzgeschichten vor. Camenisch versteht sich bestens aufs launige Erzählen von wahren und geflunkerten Geschichten. So auch hier. Im Unterschied zu Nächster Halt Verlangen wirken die neuen Erzählungen  konzentrierter und strukturierter. Zwar ist abermals ein Teil davon als Kolumne erschienen, eine Fülle von Leitmotiven verbindet sie aber untereinander und verleiht ihnen Zusammenhalt. Es geht um Themen wie Reisen, Erotik und alltägliches Ungemach, die jeweils in eine kleine, oft feine Pointe münden. Das Ich ist in aller Welt unterwegs, um skurrile Bekanntschaften zu machen. Camenisch erzählt davon in lockerer Form, die bewusst am mündlichen Erzählen orientiert ist. Darin liegt ihre Stärke, derart entfaltet sich der Charme dieses Erzählers, gerade weil ihm immer wieder stilistische Unpässlichkeiten unterlaufen. Das mag zuweilen gar leicht anmuten, doch man kann diese Leichtigkeit guten Gewissens mögen. 

Folgen Arno Camenischs Erzählungen der Tradition der Kalendergeschichte, setzt Marc Djizmedjian auf eine experimentelle Form. Bereits im Titel ist das Konzept angezeigt: Der Mann der nicht ins Kino ging vereinigt gut 60 kurze und kürzeste Geschichten, die allesamt mit einer Verneinung beginnen: Ein Mann der nicht dies oder das. Daraus entsteht eine Fülle von kleinsten Paradoxien, die mal Tiefsinn verraten, mal ins Erzählen kommen, hin und wieder auch in ihrem literarischen Korsett gefangen bleiben. Die Titelerzählung berichtet von einem Mann, der nicht ins Kino geht – doch weil ihn das erzählende Ich nicht näher kennt, verlässt es sich darauf, dass dies «allgemein bekannt» sei. Anders der Mann, der nicht verzichtete, denn er brauchte nicht zu verzichten, weil er mehr als genug hatte. Oder der Mann, der nicht redete, aber sehr zu reden gab. Wo das Verfahren gelingt, wird aus der der paradoxen Konstellation ein hintersinniges Kabinettstück. Doch das Verfahren ist heikel und gewagt. Nicht selten folgt der Verneinung bloss eine (negative) Verdoppelung, wie beim Mann, der nicht lachte, weil er sehr traurig war. Vorab den längeren Geschichten fehlt so hin und wieder der doppelte Boden. 

Noch kürzer als die Kurzgeschichte ist der Aphorismus, wobei dieser nicht zwingend auf eine einzige kurze Sentenz reduziert bleiben muss. Lichtenberg hat in seinen Sudelbüchern durchaus auch längere aphoristische Notizen hinterlassen. Zwei Bücher zeigen die Dimensionen des Aphorismus auf. Mit seinem Buch Statt Sex Amen, das mit Silbentrennungen spielt, hat sich Beat Gloor einen Namen als Wortakobat in Kürzestform gemacht. In der neuen Sammlung Wir sitzen alle im selben Boot. Aber nicht alle rudern vereinigt er eine Fülle von durchwegs kürzest gesetzten Behauptungen, die thematischen Kapitel untergeordnet sind, die jeweils mit einer Variation des landläufig bekannten Titelzitats eingeleitet werden. In ihnen finden sich feine Wortspiele und träfe Zuspitzungen («Es gibt Wirkungen, für die reichen ihre Ursachen einfach nicht aus.»), aber auch Kalauer, die zuweilen auf wackligen Prämissen stehen: «Du bist fürs Leben was die Kugel für den Revolver.» Kennzeichnend ist, dass die Grenzen fliessend sind zwischen listiger Sinnverdrehung und moralischem Appell. «Wir loben die alten Zeiten – und haben es gut wie nie» kann als Tatsachenbehauptung gut durchgehen, ein Geheimnis birgt der Satz nicht mehr.

Eine ganz andere aphoristische Praxis demonstriert Bruno Steiger in Späte Notizen. Während Beat Gloor dazu neigt, einen Gedanken pointiert abzuschliessen, öffnet ihn Bruno Steiger konsequent ins Freie, Offene. Die Späten Notizen folgen ironischerweise auf Steigers «Letzte Notizen» (Abschlusskapitel des 2012 erschienenen Buchs Der Trick mit dem Sprung aus dem Stuhl). Sie umfassen eine Fülle von kurzen und kürzesten Sentenzen, die ein leidenschaftliches Faible für Kunst, Leben und Anschauung verraten. Das Absurde ist dem Autor dabei ebenso vertraut wie die schöne Formulierung. Er denkt die Dinge gern auf ungewohnte Weise, beispielsweise von hinten aufgezäumt wie Watzlawicks kommunikationstheoretisches Axiom: «Das 'Wunder der Sprache' besteht letztendlich allein darin, dass es dem Menschen nicht vergönnt ist, nichts zu sagen». Solche Sätze taugen in keiner Weise zum hübschen Bonmot, das einvernehmlich abgenickt werden kann. Anders gesagt: «Die Marotte, alles Wahrgenommene sogleich in eine Art Rückenwind zu verwandeln. Unproduktiv!» Bei Bruno Steiger bleibt der Gedankengang selbst das Ziel. «Verstehen. Wer es nicht aushält, sollte es lassen».

Der Autor reflektiert über Ethik, Ästhetik und Poetik in der kürzesten Frage- und Aussageform, in einer philosophischen Manier, die stets einen Mehrwert an Bedeutung über das Dargelegte hinaus bewahrt. Dieser Mehrwert ist das Salz, das unser Denken in der Schwebe und am Laufen hält. Es liegt dabei auf der Hand, dass solches Nachdenken nichts restlos und zweifelsfrei aufgelöst werden soll – denn: «Kunst. Sie legt im wesentlich Überflüssigen das unwesentlich Überflüssige frei.» Wer aber glaubt, diese späten Notizen seien deshalb eine furchtbar ernste Angelegenheit, hat nicht mit dem trockenen, gelassenen Witz gerechnet, der fraglos auch in diesem Bändchen steckt. Bruno Steiger hebt seinen Esprit mit Humor auf – zum Glück seiner Leser.