Überprüfung der poetischen Potenzen

Neue Gedichte von Matthias Dieterle, Joanna Lisiak, Gerhard Meister und Vera Schindler-Wunderlich

Approfondissement du 16.01.2017 par Beat Mazenauer

Gerhard Meister: Eine Lichtsekunde über meinem Kopf (Luzern, Der gesunde Menschenversand)

Gerhard Meister ist ein ausgesprochen quirliger Dichter, der das poetische Spiel mit Konvention und Verstoss besonders liebt. Mit Vergnügen greift er klassische Topoi wie Sonne oder Mond auf, nur um sie mit einer ironischen Nachlässigkeit ins rechte Licht zu rücken – beispielsweise im Titelgedicht seines Bandes Eine Lichtsekunde über meinem Kopf:

Oh Mond

du ziemlich grosse Kugel

eine gute Lichtsekunde

über meinem Kopf
Oh Mond

du Sichel der Dichter

du Käse du Zitronenschnitz

drapiert auf einen schwarzen Teller

Die Romantik wird ziemlich unziemlich entzaubert, mit allem Respekt allerdings. Mathias Claudius klingt in diesen Zeilen gleichermassen nach wie Büchners bleicher Käse-Mond. Indem so die ganze Spannweite bewahrt bleibt, erweist Gerhard Meister dem Himmelsgestirn seine kritische Reverenz, ohne dessen Poesie zu zerstören.

Sein Gedichtband setzt im Astronomischen an, schwebt dann sachte auf die Erde nieder und landet im profanen Alltag, um da auch übers Dichten, sein eigenes Gewerbe, nachzudenken und vom Schreibplatz aus wieder in den frostigen Nachthimmel hochzublicken. Was wie eine homogene Bewegung anmutet, unterliegt freilich einer heterogenen Beweglichkeit von Formen und Zyklen. Das hymnische Gedichte stellt sich neben eine schnöde Aufzählung, und die schöne Formulierung erhält eine launige Antwort. Hinter der lockeren und oft scheinbar beliebigen Sprechweise verbirgt sich jedoch ein Spoken-Word-Dichter, der sich bemüht, den «kinderleicht Rilke-liken» Höhenflug unpathetisch zu erden und exakt dafür eine adäquate Form zu finden. Mit Schalk hinterfragt er das «Poetensortiment», den «Overkill im verzückend frei flot/tierenden Assoziationsdrang» – sich bestens bewusst, in dem Spiel auf seine Weise selbst mitzutun.
Mal findet Gerhard Meister die perfekte Balance zwischen Ernst und Ironie, hin und wieder erliegt der Witz etwas zu sehr dem Spieltrieb. Das ist das Risiko dieses poetischen Verfahrens, das dem lyrischen Pathos mit Argwohn begegnet, dennoch nicht davon lassen will. Doch die Entzauberung behauptet mit Macht ihr poetisches Verlangen:

sie sagen

warum Sehnsucht

wir sind erwachsen

wir bewohnen die Städte

deren Lichter wir nicht löschen

für so was

Sterne

Vera Schindler-Wunderlich: Da fiel ich in deine Gebäude (Wädenswil, pudelundpinscher)

Was für Gerhard Meister der Mond, ist für Vera Schindler-Wunderlich in Da fiel ich in deine Gebäude der Mund:

Köpfe drehen sich zu dir,

nun schiesst du Spatzenschreie

in die Luft, da oben wohnt

ein Mund, der lange zu dir spricht.

Das Quengeln des Kindes wird zum Imperativ der Erinnerung an die graue Vorzeit: «Fast brabbeln wir wieder, krümeln / wir wissen es noch...» Schindler-Wunderlich feiert das überraschend Evokative in ihren Gedichten, indem sie präzise beschreibt und zugleich das Beschriebene bedeckt hält. «So wird’s erzählt (wir hoffen, / dass es stimmt)».

Wie liesse sich über Politisches, Amtliches, Öffentliches dichten? Vera Schindler-Wunderlich gibt darauf Antwort auf eigenwillige Weise mit zuweilen verblüffenden Bildern. In ihren rund 50 Gedichten fallen zumindest dem Schein nach poesieferne Begriffe ins Auge: «Staatsrechnung», «Personenrecht», «Wechselkurs», «Nicht wahr, Geld» lauten überraschende Überschriften. Unter letzterer formuliert die Autorin auf vierzehn verdichteten Zeilen eine kryptische Geldtheorie, die der monetären Realität verräterisch nahe kommt.

Geld ist nicht Geld, doch Quid pro quo bleibt wahr:

Muh will Ablass, Schuld bleibt updatebar.

Vera Schindler-Wunderlichs Sprache evoziert einen schnellenden Sog der Worte, Begriffe, Metaphern. Wo sich Lücken auftun und der Sog ins Stottern gerät, drohen Konflikte, wie in «Immer noch nicht»: Ein nächtliches Aufwachen, kurz nur, um vier, weil draussen etwas vor sich geht – «ich schlief ja, doch sah», dass etwas passiert,

doch ich, ich schwieg wie ein

Mensch, stiess nicht diesen Arm,

riss nicht diesen Schuh weg, weil ich,

nein doch, weil ich schlief?

In diesen Zeilen und in diesem ungeraden Fragezeichen bleibt unausgesprochen, doch intuitiv eingestanden eine Schuld kleben.

Ein leichtes Flimmern und Flirren kennzeichnet diese Lyrik. Die Landschaft gibt sich «unverheddert», die Wiesen sind «willig wiesengrün», und «ich bin dir liebsam». Es verleiht auch den intimeren Momenten Einzigartigkeit. Zum zweiten liebt die Autorin speziell rhythmische Reihungen und Wiederholungen: zur Ver-Sicherung und Fest-Stellung der Tatbestände – auf der Suche nach der Synthese von öffentlicher Zuwendung und sprachlicher Verdichtung. Das ist meist virtuos und brillant komponiert, nicht immer ganz und gar auf Anhieb ergründbar – doch ohne Ausnahme schillernd und genuin lyrisch:

Wenn es meldet: Spricht die

aber wie, ach macht die das

extra: das sitzt, setzt was ab,

ist alles ab Ohr, ab Sicht,

ist schneller Melder, ist

Wille, Gebell, einhelliger

und kleiner Casus Belli.

Joanna Lisiak: Links wenn sie träumt (Zürich, edition 8)

Joanna Lisiaks Gedichtband Links wenn sie träumt überrascht durch seinen Formenreichtum, seine vielen Perspektiven und sprachlichen Erfindungen. Die Autorin zielt nicht auf die konzise Formulierung, lieber reichert sie aus der Optik eines lyrischen Ichs Eindrücke an, gibt neue Ideen dazu, weitet die Blicke und zitiert Lektüren heran.

wie steiner george bin ich

sammler von stillen

sich dehnende mag ich

besonders manchmal

sprudeln sie steigen auf

wie irre bläschen

Dabei werden Worte gewendet und gedreht, Mehrdeutigkeiten erprobt und unterschiedliche Lesarten akkurat und bewusst gesetzt. In freier Syntax und mit sorgsam erarbeiteter Spontaneität erarbeitet die Autorin eine inspirierende Poesie, deren Wort- und Satzordnung nicht jeden Sinn sogleich preis gibt. Sie verlangt vielmehr ein ebenso genaues wie spielerisches Hinschauen, das bei Gelingen mit sprühendem Witz und schönen Bildern entschädigt. Vor allem die zuweilen gewagten Verknüpfungen und Zusammenfügungen verleihen dieser Lyrik ein ganz und gar eigenwilliges Gepräge: «traumgeplustert», «finessenerquickt» –:

auf dem seil droben

demütig wir schrieben

mit pusteblumenpropellern

leichtsinnige phrasen in die luft

Joanna Lisiaks Band links wenn sie träumt überrascht nicht zuletzt auch umfangmässig mit über 100 Gedichten, die formale Wandelbarkeit und zugleich eine lyrische Handschrift verraten.

Matthias Dieterle: Das Buch nie genug (Zürich, Wolfbach)

Auf Anhieb sichtbar wird das formale Experiment, das Matthias Dieterle mit seinen Gedichten treibt. Sein Band Das Buch nie genug umfasst drei sehr unterschiedliche Abteilungen, die je eine eigene Form entwickeln. Eine erste Gruppe, mit «zwei Stimmen – ein Haiku» untertitelt, umfasst kurze dreizeilige Gedichte, die je eine kleine Lücke auf jeder Zeile beinhalten:

Dinge       warum nur

vertraut       entzieht ihr euch jetzt

mir       dem, der doch geht

Als Effekt ergeben sich doppelte Lesarten – untereinander gelesen oder von links nach rechts über die Lücke hinweg. Indem diese Lücke wandern kann, mal eine Silbe, mal drei Silben vorneweg abtrennt, ergeben sich auch rhythmische Variationen, ohne dass das Haiku-Muster 5-7-5 insgesamt durchbrochen wird. Das ist reizvoll und bietet auf knappstem Raum mehrschichtige Zugänge an. Form und Inhalt halten sich die Waage, ohne dass das eine übers andere obsiegen würde.

Eine zweite Gruppe, ein zwölfteiliges Silbengedicht, legt den Aspekt stärker auf die Form. Es handelt sich um die Abwandlung von sich wiederholenden Silbenkombinationen:

Re  gen  bo  gen  fels

Re  gen  bo  gen  stein

Re  gen  bo  gen  tal

(…)

Re  gen  bo  gen  en  den  e  be  ne

Auch wenn sich der Regenbogen in die Wortmitte bewegt oder einer Variation anderer Silben (Far-ben, Fels, Fluss) Platz macht, und auch wenn eine Anmerkung erläutert, dass die Variationen ebenso diagonal zu lesen seien, bleibt das Spiel durchschaubar. Damit steht es in krassem Gegensatz zu der dritten Gruppe: «Quartinen der Vergeblichkeit oder Tetrapackungen auf Zeit» - entworfen für eine Komposition von Paul Giger. Wie der Titel signalisiert, handelt es sich um eine Folge von Vierzeilern, die sich um das Thema Zeit, somit Rhythmus, Musikalität und Vergänglichkeit ranken. Letztere bildet unausgesprochen den Link zum Schweigen und der Stille, die ebenso mitschwingen. Die jeweils vielhebigen Langzeilen gruppieren sich in unterschiedlicher Zeilen- und Strophenzahl zu zehn Teilen.

Sekundenton geschichtet zur Quart der Verzweiflung,

die Quint aber, dein Cis-moll, die Traumvergabe – an wen –

ans Wenn – ans Wennich – ans Wenndusolange – an Töne

der Herzkammeroper – gepulst gespült durch die Venengruft

In seinem Nachwort weist Andreas Neeser darauf hin, dass diese raffinierten, zugleich hermetischen Quartinen eher zu erahnen als zu verstehen sind: «Verstehen als Zustand». Auch wenn man sich als Leser damit schwertun kann, gefällt Dieterles Gedichtband übers Ganze durch seine formale Variabilität, die eine wache poetische Neugierde verrät.