Vom Erinnern und Reisen

Neue Gedichte von Franz Dodel, Katharina Lanfranconi, Ilma Rakusa, Marina Skalova und Pius Strassmann

Approfondissement du 13.02.2017 par Beat Mazenauer

Ilma Rakusa: Impressum: Langsames Licht

Gleich zu Beginn ihres neuen Gedichtbands Impressum: Langsames Licht stellt Ilma Rakusa eine Frage:

Anchorage. Will ich dahin? Ins Eis? Doch

eher nein. Wenn Zypressen locken, dunkle,

aus den Büchern des Südens...

Das «nein» bleibt freilich ohne Erfüllung. Der ersehnte Süden, die Sonne und Wärme sind bloss ein Traum, eine Hoffnung, ein fernes Ziel. Impressum: Langsames Licht steht vielmehr im Zeichen von langen Schatten, trübem Dämmern, kühlen Nächten und Schneewächten. Selbst in Kairo oder Teheran, Stationen der Durchreise, verbirgt sich die Sonne hinter Strassen- und Kamelstaub. «Melancholien» heisst das erste der sieben Kapitel in diesem Band. Es bildet eine Klammer mit «Träume. Wünsche» am Ende, wo sich die dunklen Gefühle der Leere und Trübnis in zwei Gedichten sich erfüllen, die einander in der Struktur verräterisch sind. «Kleine Eloge der Zärtlichkeit» heisst das eine:

Mit der Fingerkuppe über eine Wange fahren,

über ein Blütenblatt streichen,

die Borke eines Baumes berühren.

[…]

Die Schneeflocken auf dem Gesicht zergehen lassen.

Lichthasen fangen.

Den japanischen Pinsel zausen.

Ihm antwortet gleich an- und den Gedichtband abschliessend ein «Gedicht gegen die Angst», in dem aus der Zärtlichkeit Zeile für Zeile die Evidenz herausgelöst wird in Form von Anregungen:

Streichle das Blatt

küsse den Hund

tröste das Holz

[…]

geh übers Feld

ruhe dich aus

rühr an die Welt

Ilma Rakusa ist eine Dichterin, die weit gereist ist in Zeiten und Räumen. «wieviel Zeit reist in mir / ohne sich zu wiederholen» lautet eine Berliner Zeile. Im Kapitel «Orte» reist sie von Lemberg und Prag über den Iran nach China und Kyoto. Sie nimmt Lücken und Veränderungen wahr, spürt Lüften und Düften nach und rührt immer wieder an Erlebtes und Erinnertes. Dabei verrät sie eine hohe Stilsicherheit. Mit ruhiger Klanglichkeit erzeugt sie einen erzählerischen Ton, der die Bilder klar und wahrhaftig aufscheinen lässt. Doch trügt der Schein gerne, in der Ruhe lauern  feine Verschiebungen, subtile Abbrüche.

Das Auge dringt fragend in diese

Natur. Sucht ihren Grund. Und sieht: er ist

Oberfläche. Und sieht: er ist Schlund

Es dauert lange, bis die Sonne erstmals in vollem Licht auftaucht, im Titel des späten Zyklus «Sonnen I-VXI» – doch diese Sonne ist ein roter Kreis, eine ideale Form, ein japanisches Emblem, doch kein Lichtkörper am Himmel. Nur leicht erhellt sie die Herbst- und Wintergefühle, die Dämmerlandschaften, das Clair-obscur der melancholischen Tonalität.

Franz Dodel: Nicht bei Trost. Sequenzen

In diesem Zyklus bei Ilma Rakusa findet sich auch ein kurzer Zweiteiler:

Sequenzen.

Tägliches Brot.

Er baut eine treffliche Brücke zu Franz Dodels bislang fünftem Band der Reihe Nicht bei Trost, der im Untertitel «Sequenzen» heisst. Als ein täglich Brot schreibt Dodel seit 2002 an einem «Haiku endlos», fortlaufend Zeile um Zeile im Rhythmus 5-7-5-7-5. Puristen mögen einwenden, dass das japanische Haiku bestimmten Regeln unterliegt, die hier grundsätzlich missachtet werden, doch was wäre die Poesie, wenn sie nicht auch Überschreitung ist. In Nicht bei Trost bewahrt Franz Dodel den Geist des Haiku auf seine sehr persönliche Weise. Er lässt sich im schmalen Zeilenformat auf ein intimes, alltägliches Räsonieren über Gott und die Welt, über Natur und Kunst ein.

...

meine Bittschrift ist

unaufdringlich formuliert

unter anderem

werden Untröstlichkeiten

Beiläufig erwähnt

zugegebenermassen

neben vielem was

sie einer Sinnfindung nicht

gleich wieder verschliesst

...

Während auf den ungeraden Seiten der poetische Text fliesst, wird er durch Anmerkungen und feine Vignetten von Serafine Frey auf den geraden Seiten ergänzt. Alle 500 Verse findet sich darunter auch ein subtiler Hinweis auf das Werk von Marcel Proust.

Gerade dieses regelmässige tägliche Exerzitium, das online auf franzdodel.ch mitverfolgt werden kann, bringt seine Dichtung zum Leuchten. Als Leser fühlen wir uns von diesem Fluss der Gedanken und Beobachtungen getragen, bis wir uns unversehens in eigene Bilder und Erinnerungen verstrickt wiederfinden. Es ist die Regelmässigkeit der lyrischen Form und und die Natürlichkeit der Gedankengänge, die sich ohne jeglichen Zwang ins rhythmische Korsett einfügen und diese Poesie so zu einem Lesevergnügen machen. Ihren Anfang und ihr Ende müssen die Leser selbst bestimmen, weil weder Absätze noch Punkte eine Zäsur fürs Innehalten vorgeben.

Bereits im Titel klingt leise Melancholie an. Das Leben ist vergänglich. Zugleich ist das Nicht bei Trost ein subtiler Weckruf. Warum sollten wir uns nicht über eine Welt freuen, die ihre Geheimnisse nicht leichtfertig ausplaudert, und darüber:

wie sehr die Kunst das Leben

erleichtert ohne

dass es deshalb auch leichter

würde zu leben

Bemerkenswert ist auch die äussere Gestalt des Buches, das mit Dünndruckpapier und plastifiziertem schwarzem Einband täuschend einem traditionellen Brevier ähnelt. In aller Bescheidenheit ist Franz Dodel einer der faszinierendsten Dichter der Gegenwart.

Pius Strassmann: blauklang

Im Titel von Pius Strassmanns Gedichtband blauklang steckt bereits sein Programm. Diese Lyrik bewegt sich in einem synästhetischen Zwischenreich von Licht und Musik, Hören und Sehen, Musizieren und Rezipieren. Darin manifestiert sich der Musiker im Lyriker, der höchste Sorgfalt auf die reduzierte, sparsame Setzung seiner Worte wie Klänge legt – ohne Titel und ohne Satzzeichen, befreit von grammatikalischen Zwängen. In seinen 66 Gedichten legt er einen Jahreslauf an, der mit dem Anfang (im Ende) und dem Keimen der Hoffnung beginnt, die Sonne besingt, in herbstliche Melancholie verfällt und im Schnee das Ende (im Anfang) erlauscht. Zwischen das lyrische Ich und seine Naturwahrnehmung tritt manchmal ein «niemand», nur selten ein du oder eine sie. Meist bleiben sie unter sich – Anschauung und Widerspiegelung. Diese Konstellation ist wechselnd und stets flüchtig, im Gedicht wird sie gebannt und weiter getragen – zu den Lesern, die sich ihren Reim selbst darauf machen. Die intime Sprache verrät eine bemerkenswerte Sorgfalt in den knappen Bildern, die mal eingängig und klar wirken, mal mit rätselhaften Arrangements und Kombinationen überraschen. Die Metaphern erschliessen sich nicht immer leicht, auch wenn sie schlüssig klingen, sie erfordern demnach beim Lesen ein Gleiches Mass an Arbeit wie sie der Dichter aufgewendet hat.

In allem aber klingt stets eine Leere, Pause, Lücke, ein Abgrund mit, die sich zwischen Anfang und Ende, Schreiben und Schweigen auftut – mal gravitätisch existentiell, mal mit luftiger Leichtigkeit – und beides in einem. Je kürzer das Gedicht, umso mehr Zeit-Raum verlangt es. Die Ausnahme bilden jene Zeilen, in denen sich der Klang (zuweilen gereimt) als Hilfe anbietet und dem Gedicht etwas verschwörerisch Eingängiges verleiht:

mond im schnee

schnee im mond

wo das glitzern wohnt
schnee im mond

mond im schnee

wer ruht im zaubersee

Im beschwörenden Zaubervers liegt ein Appell, der hin und wieder an den Leser selbst ergeht:

hör hin merk

auf nichts

weiter als kuhbimmeln

flüchtige lichtwechsel

im klangschatten

Strassmann vertraut ganz auf die poetische Konstellation von Ich und Welt, zugleich misstraut er ihr, gefeit gegen ein romantisches Sehnen:

die noch am tiefpunkt

die sonnenstrahlen besingen

sind mir suspekt

Lieber zieht er sich ins Schweigen zurück. Schmetterlinge und Nachtfalter gaukeln hin und wieder durch seine Gedichte und veranschaulichen auch die Bewegungsgesetze zwischen Sommerlust und Vergänglichkeit, denen der Dichter selbst unterliegt.

Katharina Lanfranconi: ich schrieb etwas kleines

Die Gedichte von Katharina Lanfranconi tragen eine sichtbare Signatur. Sie streben gewissermassen in die Höhe, indem die kurzen Zeilen oft nur ein, zwei, vielleicht drei Worte umfassen. Der Blick gleitet so beim Lesen wie über eine Treppe flink dem Ende entgegen, in das die Autorin zuweilen eine feine Pointe knüpft. «bisweilen» ist eines dieser Gedichte überschrieben:

auf alten

fotografien

lächelt

einem ein

bisschen

erhaschtes

leben

verlegen

hinterher.

So leicht, wie es hier scheint, machen es uns diese Gedichte freilich nicht. Um beim Bild der Leiter zu bleiben, ist unschwer zu bemerken, dass sie zuweilen auf schwankendem, abschüssigem Grund stehen. Die Leichtigkeit verbirgt Trauer, Verunsicherung, ein vergebliches Hoffen auf eine Umkehr der vergehenden Zeit. In ihrem Nachwort zeigt Hildegard Keller, wie sehr solche Einfachheit erarbeitet und erstritten werden muss. Sie erfordert offene Sinne, damit die «geheimnisvolle Verwandtschaft zwischen Einfall und Zufall» zum Leben erweckt werden kann.

In ihrem neuen Band ich schrieb etwas kleines – alles klein geschrieben – konzentriert Katharina Lanfranconi ihre Lyrik aus den Jahren 2002-2008. Sie entstammt insgesamt vier vergriffenen Gedichtbänden und gibt Einblick in ihre dichterische Entwicklung. Dabei ist zu bemerken, dass die schmale, verknappende Form schon immer da war.

im traum

heisst mein geliebter

meer

flicht grünes haar

durch leuchtende korallen

heisst es schon 2002. Auch thematisch bleibt sich die Autorin treu. Eine zentrale Rolle spielen Erinnerungen an die Kindheit, in der sich das Menschsein oft im Traum entfaltet. Dem gegenüber steht die Liebe, die den wirklichen Gesetzen der Vergänglichkeit unterworfen ist. Letzterer begegnet die Autorin mit Witz in einem «nachruf auf ein röckchen» – ein «blödes teil», das Spott verdient, weil das lyrische Ich längst nicht mehr hinein passt. Was der Geist verdrängt, offenbart der Spiegel am frühen Morgen.

Solche Treue zu Form und Thema verdeutlichen erst recht, dass Katharina Lanfranconi mit den Jahren spürbar an Sicherheit gewonnen hat. Die Bildsprache ist stimmiger, raffinierter geworden, die poetische «Dramaturgie» hat an Spannkraft und an Leichtigkeit gewonnen. «ich schrieb / etwas kleines», heisst es im Titelgedicht, das schien anderntags «ein wenig / gewachsen / zu sein».

Marina Skalova: Atemnot (Souffle court)

Ihr Faible für Sprache signalisiert Marina Skalova bereits im Titel ihres Bandes Atemnot (Souffle court). Da das Buch ist bei einem französischen Verlag erschienen ist, mag der Vorrang des Deutschen im Titel erstaunen. Er ist Teil des Spiels mit den zwei Sprachen, die Marina Skalova zum stilbildenden Charakteristikum ihrer Gedichte macht. Die Autorin ist in Moskau geboren, sie schreibt also in zwei Fremdsprachen. Genauer: Sie stellt Französisch und Deutsch einander gegenüber, sie spiegelt und widerspiegelt sie ineinander, so dass kaum mehr eindeutig zu sagen wäre, welches das Original, welches dessen Übersetzung ist.

la langue tapissée

par le goudron du dehors
porte  l'asphalte

dans son palais
_die sprache eingehüllt

im teer von draussen_
_trägt den asphalt

in ihrem gaumen_

In 3-7-zeiligen Gedichten setzt Marina Skalova kurze Blitzlichter, die eine Beobachtung festhalten, einen Vergleich stimulieren, einen Prozess verdichten. Sprache, Körper, Beziehungen sind ihre Themen. Sie verlässt sich dabei ganz auf äusserste Kürze und poetische Prägnanz, damit die Spannung sich im Zwischenraum der beiden Varianten entfaltet. Die Sprache erweist sich dabei als ebenso biegsam wie unzuverlässig. Doch mehr noch: Die Autorin treibt damit ihre absichtlichen Spiele. Zugleich befreit der poetische Eigensinn die Sprache aus dem Korsett der Übersetzung. Wortbedeutung und Versrhythmus geraten aneinander, Bilder wehren sich gegen eine Übertragung. So entstehen minimale Abweichungen, in denen die unterschiedlichen Sprachen Anspruch auf Eigenleben erheben: rhythmisch, begrifflich, metaphorisch.

un à un

les mots s'engouffrent
sèment leurs oeufs

leurs filaments

_langsam

drängen die wörter hinein_
_verstreuen ihre eier

ihre fasern_

Bibliographische Nachweise

Franz Dodel: Nicht bei Trost. Sequenzen. Wien, Edition Korrespondenzen, 2016.

Katharina Lanfranconi: ich schrieb etwas kleines. Gedichte 2002-2008. Mit einem Nachwort von Hildegard Elisabeth Keller. Zürich, Rossdorf, Wolfbach Verlag, 2016.

Ilma Rakusa: Impressum: Langsames Licht. Graz, Droschl Verlag, 2016. 

Marina Skalova: Atemnot (Souffle court). Le Chambon-sur-Lignon, Cheyne, 2016
Marina Skalova ist Redaktorin bei www.viceversalitterature.ch und verantwortlich für die französische Ausgabe des Jahrbuchs Viceversa.

Pius Strassmann: blauklang. Gedichte. Hitzkirch, Edition Bücherlese, 2016.