Die Fraglichkeit jeder Verwurzelung

Francesco Micielis «Dresdner Poetikvorlesungen» und seine Erzählung «Hundert Tage mit meiner Grossmutter»

Approfondissement du 06.03.2017 par Daniel Rothenbühler

Beinahe unbemerkt jährte sich 2016 zum dreissigsten Mal ein für die deutschsprachige Schweiz entscheidendes literarisches Ereignis: 1986 wurden erstmals zwei Texte publiziert, in denen Menschen aus anderen Ländern sich in der Sprache ihres Ankunftslandes literarisch ausdrückten. Dragica Rajčić veröffentlichte die Halbgedichte einer Gastfrau, Francesco Micieli den Prosatext Ich weiss nur, dass mein Vater grosse Hände hat. Das veranlasste die Literaturkritikerin Elsbeth Pulver 1988 zur Vermutung, mit diesen Namen, die «auf Doppelbürgerschaft, auf ein Leben zwischen zwei Kulturen» hindeuteten, werde «ein neues Kapitel Literaturgeschichte» eröffnet. Seither hat sich die Zahl der Autorinnen und Autoren, die zwischen zwei oder mehr Kulturen bzw. Sprachen leben und schreiben, tatsächlich vervielfacht, und Einzelne darunter haben breite Anerkennung erlangt.

«Die Toten sind um uns»

Francesco Micieli zählt bis heute zu ihnen und hat um das dreissigste Jahr seiner literarischen Existenz gleich zwei Bücher veröffentlicht: Der lachende Zahn meiner Grossmutter, seine Dresdner Poetikvorlesungen aus dem Jahr 2011, und die Erzählung Hundert Tage mit meiner Grossmutter, sein neuntes literarisches Werk in Prosa.

Dass in beiden Titeln eine Grossmutter vorkommt, ist kein Zufall. Ein Dauermotiv im literarischen und essayistischen Werk Micielis sind Beziehungen zwischen den Generationen ersten und zweiten Grades. Da sie nicht selbstverständlich sind, müssen sie durch erzählende und schreibende Verständigung immer wieder neu hergestellt werden. Das ergibt sich aus einer Grunderfahrung dieses Autors: jener eines elementaren Fremdseins aufgrund des Verlusts nahestehender Personen infolge einer Ortsveränderung, oft auch eines Todesfalls.

Im Erstling Ich weiss nur, dass mein Vater grosse Hände hat bildet der Tod mehrerer Geschwister des erzählenden Kindes zunächst das Hauptthema, bevor es zeitweise den Vater und die Mutter und schliesslich die Grosseltern verliert. «Die Toten sind um uns», sagt die Grossmutter in Micielis Erstling, und jene in seiner jüngsten Erzählung teilt diese Sicht und umgibt sich auf ihrem Gang in die grösste Fremde, den Tod, ebenfalls mit Toten. Ihr zweiundzwanzigjähriger Enkel hilft ihr in ihrem Leiden am krebskranken Körper und in ihrem Bemühen, den Übergang auf «die andere Seite» zu schaffen. In diesem Beistand erlebt der Enkel das Leben wie die Grossmutter als «Kontinuum zwischen Traum und Wirklichkeit» und sein nüchtern protokollierender Bericht wechselt in der Sicht auf die Anwesenheit des verstorbenen Grossvaters und Grossonkels in eine Art magischen Realismus. Er hat sich vorgenommen, aufzuschreiben, was er mit der Sterbenden in deren letzten hundert Tagen erlebt, «so wie sie ein Büchlein über mich geführt hatte, über meine Fortschritte.»

Auch dies ist ein Grundmotiv in den literarischen Texten Micielis: der Austausch zwischen einer Person, die etwas zu erzählen hat, und jener, die ihr dazu ihre Schriftsprache leiht. In den Dresdner Poetikvorlesungen sieht Micieli in diesem Austausch gar die Urszene seines späteren Lesens und Schreibens. Als Kind habe er seine lese- und schreibunkundige Grossmutter zu Maria begleitet, der Leserin und Schreiberin des Dorfes, wenn es einen Brief von seinen Eltern zu lesen oder einen an sie zu schreiben galt. Im Gespräch zwischen der Grossmutter und Maria habe er beides als «Zauberei» erlebt, die Verwandlung des «Gekritzels« auf dem Papier in Laute und jene der Laute ins «Gekritzel».

Dasein und Verschwinden der Wörter

In dieser magischen Urszene steckt das, was seinem literarischen Werk bis heute innewohnt: das Bemühen um Verständigung im Erzählen und Schreiben. Dieses Bemühen verlangt eine Sprache, die noch nicht gegeben ist. Noch «mehr als das Fremdsein» sei deshalb «die Sprachfindung das zentrale Thema» seiner Bücher, sagt Micieli. Dass er auch in jenen, die nicht die Migration zum Thema haben, eine knappe, lakonische Sprache schreibt und dem Schweigen Raum gibt, führt er ausdrücklich nicht auf die Sprachnot im «Ausweh» des Migranten zurück, sondern auf das Sprachspiel der «Suche nach der Sprache». Den Löwen kann man nicht verstehen, sagt er mit Wittgenstein, dagegen muss man «uns verstehen, wir müssen zur Sprache gelangen». Aufgrund seiner verknappten Sprache veranlasste Das Lachen der Schafe, sein zweites Prosawerk, einen Dramaturgen zum Vorschlag, daraus ein Opernlibretto zu machen.  Micieli hat seither in Zusammenarbeit mit verschiedenen Komponisten fünf Opernlibretti geschrieben. Als Librettist gehe er «vom gleichzeitigen Dasein und Verschwinden der Wörter aus», schreibt er, und das gilt für sein Schreiben insgesamt. Er betrachtet sein Schreiben als Folge von Fragmenten, und dieser Gedanke findet seine Entsprechung in der Idee, diese Fragmente könnten zur Herstellung eines «magische(n) Ort(es)» beitragen, «in welchem es nicht darauf ankommt, wer Gast und wer Gastgeber ist.»

Das erinnert an die Romantik, aber mehr noch an den Begriff des «dritten Raums», in dem sich für die Theoretiker des Postkolonialismus die Kulturen heute durchmischen, nachdem ihre Abgrenzung als homogene Einheiten und ihre Verortung auf eine Herkunft längst illusorisch geworden ist. Dieses Kulturverständnis ist mit dafür verantwortlich, dass Autorinnen und Autoren mit Doppel- und Mehrfachzugehörigkeiten in den letzten dreissig Jahren aus einer marginalen Erscheinung zu einer Hauptströmung heutiger Literatur geworden sind. Wenn Micieli sich im «Prätext» seiner Dresdner Poetikvorlesungen als «Exemplar einer Minderheit» und «ethnomuseale Figur» einführt, kann das nur mehr als ironische Koketterie verstanden werden.

So wie er in seinen ersten Texten aufzeigte, dass Migranten in «ihrem» Herkunftsland schon Fremde sind, bevor sie es verlassen, so zeigt er nun in den Hundert Tagen mit meiner Grossmutter, dass auch der Kampf mit Krankheit und Tod «mit dem Empfinden des Fremdseins zu tun hat, mit dem Einsetzen einer Einsamkeit und einer Sehnsucht, die nicht zu benennen» sind. Es ist die «Fraglichkeit jeder Verwurzelung», die «Angst vor dem Leben und dem Tod», die die Angst vor dem Fremden hervorruft: «Der Fremde erinnert uns daran, dass wir hier nur zu Gast sind», sagt Micieli in den Dresdner Poetikvorlesungen. Und die Grossmutter und ihr Enkel zeigen in seiner jüngsten Erzählung, wie wir mit diesem Umstand umgehen könnten, nicht weil es ein glückliches Sterben gäbe, aber vielleicht ein gelingendes.