Eine Ausnahme-Erscheinung

Zum Tod von Jean-Luc Benoziglio, 1941-2013

Approfondissement du 16.12.2013 par Daniel Rothenbühler

Am 5. Dezember 2013 ist eine der ganz grossen literarischen Stimmen der Schweiz und des französischen Sprachraums verstummt. Jean-Luc Benoziglio ist in einem Pariser Krankenhaus gestorben – in jener Diskretion, die auch sein Leben und Wirken in Paris prägte.
Wer die Gelegenheit hatte, ihm persönlich zu begegnen oder einem seiner vier Auftritte an den Solothurner Literaturtagen beizuwohnen – 1994, 2001, 2007 und 2012 - , war frappiert vom Gegensatz zwischen seiner persönlichen Erscheinung und seinen Werken: Er war eine eher stille Person von bescheiden-vornehmer Eleganz, seine Werke zündeten ein Feuerwerk von stilistischen Kühnheiten und scharfen Sarkasmen, begleitet von anarchischer Skepsis und unwiderstehlicher Melancholie.
Er versuchte nie sich aufzudrängen und liebte es, die Bedeutung seines Schaffens herunterzuspielen. Und doch: 13 Romane in 33 Jahren, von Quelqu’unbis est mort (1972) bis Louis Capet, suite et fin (2005). Fast alle zwei Jahre ein neues Buch also, jedes Mal eine überraschende Erneuerung, und zugleich eine deutlich erkennbare eigene Linie in der unvergleichlichen Erzählweise und Sprache.

Er verstand es, gesprochene Alltags-, ja Gassensprache auf ungezwungene Weise mit hohem Stil und nicht enden wollenden Satzgeflechten und –pirouetten zu verbinden, virtuos im Tempowechsel zwischen Beschleunigung und Verzögerung oder Stau des Erzählflusses.
Auch thematisch behält sein gesamtes Werk trotz der Verschiedenheit der Personen, Orte und Zeiten seine Einheit: Es verrät die Leidenschaft des Autors für historische Stoffe und sein Interesse an Figuren, realen oder erfundenen, die quer zum Lauf der Geschichte oder dem Leben ihrer Mitmenschen stehen, lächerlich und zugleich berührend in ihrer Schäbigkeit bzw. Hilflosigkeit. Und es bleibt durchweg geprägt vom kosmopolitischen Horizont eines Autors, dessen jüdisch-sephardischer Vater aus der Türkei und dessen katholische Mutter aus Italien stammte, der nach seiner Geburt im katholischen Wallis im protestantischen Lausanne erzogen wurde und der sich mit 25 Jahren in Paris niederliess.

Jean-Luc Benoziglio erhielt zahlreiche Preise, u. a.  den Prix Médicis für Cabinet Portrait, den Prix Lipp Genève für Le Feu au lac, sowie den Prix Michel Dentan für Louis Capet, suite et fin. Sein Gesamtwerk wurde mit dem Schillerpreis (1998) und dem Grand Prix C.-F. Ramuz (2010) ausgezeichnet. Sechs der dreizehn Bücher Benoziglios sind glücklicherweise auch auf Deutsch erschienen, zwei auf Italienisch.

La Boîte noire (1974), La scatola nera, SugarCo 1992, übersetzt von Fabio Vasarri, lässt einen einsamen Reisenden fünf Stunden lang auf sein Flugzeug warten.

Cabinet portrait (1980), Porträt-Sitzung, Benziger 1990, übersetzt von Claus Sprick, zeigt die Perspektive eines Einäugigen, der sein Glück in der Lektüre der Universalenzyklopädie auf dem Klo, im «cabinet», sucht und mit allen Nachbarn zerstritten ist. Das Buch erscheint demnächst auf Englisch in der Übersetzung von Tess Lewis: Privy Portrait, Seagull Books, 2014.

Le Jour où nacquit Kary Karinaky (1986), Der Tag, an dem Kary Karinaky auf die Welt kam, Rowohlt 1990, übersetzt von Michael Mosblech, erzählt von einem Mädchen, dessen Lebensgeschichte sich in den Nachkriegsereignissen und -katastrophen verliert, bis von ihm nur mehr die Kreideumrisse ihres auf dem Gehsteig zerschmetterten Körpers übrig bleiben.

Tableaux d’une ex (1989), Bilder einer Ex, Rowohlt 1993, übersetzt von Claus Sprick, stellt ein Gegenstück zur Porträt-Sitzung dar, nur dass der unglückliche Ich-Erzähler jetzt an den Beziehungs- und Trennungsnöten mit seiner Frau verzweifelt.

Peinture avec pistolet (1993), Stilleben mit Pistole, Rowohlt 1998, übersetzt von Michael Mosblech, verfolgt als Gegenstück zu Kary Karinaki das Leben eines Schweizers, der wie der Autor im 2. Weltkrieg geboren wird und 1944 bis 1974 von der Kriegs- Nachkriegsgeschichte Europas immer wieder nur beinahe berührt und bedroht wird.

Le Feu au lac (1998), Das Losungswort, Die Brotsuppe 2011, übersetzt von Gabriela Zehnder, ist das Hauptwerk des Autors, das alle Motive der anderen Werke aufgreift: den Nachbarschafts- und Beziehungsknatsch, den Rückblick auf die Kriegs- und Nachkriegsgeschichte der Schweiz und Europas, aber auch die ebenso finstere wie berührende, tieftraurige und zugleich tiefkomische Geschichte eines zum Franzosen gewordenen Sonderlings aus der Schweiz, der alle Widernisse überlebt und nicht weiss, ob sich das gelohnt hat. Die ganze Geschichte ist in Lust und Schwindel erregenden Spiralen des Erzählens dargeboten – ein Buch, das als unübersetzbar galt, bis Gabriela Zehnder mit Bravour das Gegenteil bewies.

Louis Capet, suite et fin (2005) schliesslich, Louis Capet, Fortsetzung und Schluss, Die Brotsuppe 2007, übersetzt von Gabriela Zehnder, erzählt in wirbligen Satzperioden, was aus Louis XVI geworden wäre, wenn er nicht enthauptet, sondern zum Exil in die Schweiz verbannt worden wäre. In seinem Elend am Genfersee weiss der entmachtete König nicht, ob er es nicht doch vorgezogen hätte, enthauptet zu werden. Die Szene mit dem Käsefondue, das für ihn schlimmer zu schlucken ist als alles, was er während der Revolution durchmachen musste, ist ein literarisches Meisterstück. Auf Italienisch erschien das Buch in der Übersetzung von Maurizia Balmelli 2011 bei Casagrande: Il re di Francia, seguito e fine.

Dass es überhaupt zur deutschen Übersetzung der beiden letztgenannten Romane kam, ist einem glücklichen Zufall zu verdanken. Als 2005 das Projekt des Schweizerischen Literaturinstituts Gestalt annahm, lud die Projektleitung Benoziglio ein, im Pilotkurs zur Erprobung seiner künftigen Funktionsweisen die französischsprachige Schreibwerkstatt zu leiten. Er erfüllte alle Kriterien der Auswahl, war ein in der Schweiz und in Frankreich anerkannter Autor, hatte langjährige Erfahrungen als Lektor und Herausgeber in den Verlagshäusern Seuil und Claude Tchou, war schon mehrmals auf Deutsch übersetzt und hatte selbst Übersetzererfahrung im grossen Projekt einer neuen Bibelübersetzung durch ein Team von zwanzig Schriftstellern und 27 Theologen.

Er teilte die Skepsis der französischen Literaturszene gegenüber dem Projekt, war aber bereit mitzumachen, weil es darum ging, junge Leute zu fördern, die sich ganz der Literatur widmen wollten.
In der Übersetzungswerkstatt, in der die Teilnehmenden an seinem eben erschienen Louis Capet werkten, wurde die Verlegerin Ursi Anna Aeschbacher auf den Text aufmerksam und beschloss, ihn übersetzen zu lassen. In Gabriela Zehnder fand sie die Übersetzerin, die sofort die Qualitäten und die Herausforderungen dieser Aufgabe erfasste. Daraus haben sich zwei Übersetzungen ergeben, die dank ihrer Präzision und Kreativität die deutschsprachigen Leserinnen und Leser voll an der Sprach- und Erzählgewalt dieser Ausnahmeerscheinung der französischsprachigen Literatur aus der Schweiz teilhaben lassen.