Postskriptum

Lionel Kupfer, allseits umschwärmter Filmstar der frühen Dreißigerjahre, ist ins Hotel Waldhaus in Sils Maria gereist, um sich auf seine nächste Rolle vorzubereiten. Doch die Ereignisse überschlagen sich. Kupfer sieht sich mit der Tatsache konfrontiert, dass er als Jude in Deutschland unerwünscht ist. Der Vertrag für seinen nächsten Film wird aufgelöst. Die schlechte Nachricht überbringt ihm ausgerechnet Eduard, sein Liebhaber, dessen gefährliche Nähe zu den neuen Machthabern immer offenkundiger wird. Lionel Kupfer ist gezwungen, zu emigrieren.

Doch muss er nicht nur Eduard verlassen, sondern auch einen jungen Schweizer Postbeamten namens Walter, der sich ins Hotel eingeschmuggelt hat, in der Hoffnung, dem von ihm verehrten Filmstar leibhaftig zu begegnen. Er kommt ihm dabei näher, als er je zu hoffen wagte.

Wir folgen nicht nur Lionel ins Exil nach New York, wo er als Schauspieler nicht richtig Fuß fassen kann, sondern auch dem zwielichtigen Kunsthändler Eduard und dem jungen Postbeamten aus Sils.

Innerhalb einer Zeitspanne von fünfzig Jahren begegnen wir Menschen unterschiedlicher Herkunft, deren Wege sich kreuzen, die sich manchmal für wenige Tage sehr nahekommen, um dann wieder auseinandergerissen zu werden. Doch obwohl sie sich aus den Augen verlieren, vergessen sie einander nicht.

(Buchpräsentation Galiani Verlag Berlin 2015)

Menschen im Hotel

de Katja Fries

Im Jahr 1933 pausiert der bekannte jüdische Filmstar Lionel Kupfer im Hotel Waldhaus in den Bündner Bergen und wird von den historischen Ereignissen überrollt. Scheinbar zufällig trifft er in der Hotelhalle auf den ortsansässigen Postbeamten Walter Staufer. Dieser interessiert sich weniger für Politik, aber umso mehr für den Schauspieler, dem er näher kommt, als er je zu hoffen wagte.
In Nietzsches Sils Maria, dem «göttliche[n] Ort ohne Gott» (S. 100), deklamiert Kupfers perlende Stimme aus Walters Koffergrammophon Goethes Erlenkönig. Die berühmte Ballade reflektiert Lionels Schicksal, dessen Bruder Tobias einst in den Sommerferien am Neusiedler See, dem Wiener Meer, ertrank. Mit jenem Bild des trauernden Vaters, der den toten Sohn auf seinen Armen trägt, setzt Kupfers Familiengeschichte im Prolog ein und durchzieht als Leitmotiv immer wieder die Romanhandlung. Ferner offenbart sich Lionels Darbietung der Ballade, mit dem er schon früh sein Familientrauma aus Kindertagen zu verarbeiten sucht, als Initialzündung für seinen späteren Beruf des Schauspielers.
Gekonnt wechselt darauf Kupfers Biographie mit jener Walters, dessen Mutter in der Lingerie des Hotels arbeitet:

Wenn es einen Ort gab, an dem sich Kupfer und Theres trafen, dann war es sein Bett, die frischen Laken, zwischen denen er lag, die seine Mutter für ihn gebügelt hatte wie für jeden anderen Gast. Walter durfte gar nicht daran denken, aber er konnte nicht anders, er dachte daran. Das heiße Eisen, das den Stoff erhitzte, der Stoff, der allmählich abkühlte, der kühle Stoff, der vom Körper wieder erhitzt wurde, bis er dieselbe Temperatur hatte, um den Nachtschweiß bereichert, den auch ein Star absondert, jeder Mensch. Und so konnte sich Walter vorstellen, durch seine Mutter mit Kupfer zu verschmelzen.

Das Schicksal der Mutter, die nicht nur ihren unehelichen Sohn alleine aufgezogen hat, sondern zudem weder lesen noch schreiben kann und ihrem Sohn nach Sils Maria gefolgt ist, um in dessen Nähe zu sein, berührt. Vor den Augen der Mutter begegnet Walter im Foyer des Hotels erstmals seinem verehrten Filmstar, Lionel Kupfer:

Anlass und Ursache dieses Ereignisses, das so flüchtig war wie das Aufflattern einer Taube oder das Umblättern einer Buchseite, war ohne Zweifel jener Mann, der in dem Moment, als Walter den Blick hob, durch die Tür trat.

Die sich zart entwickelnde Liebesgeschichte zwischen diesen ungleichen Menschen endet abrupt. Von seinem anderen Liebhaber, dem schönen Eduard, muss Kupfer erfahren, dass seine Filmkarriere in Deutschland vorzeitig beendet ist: «Lionel empfing die Nachricht, hörte auf zu kauen und starrte Eduard an. Die innere Leere breitete sich wie ausgekippte Tinte auf einem weißen Blatt Papier aus. Im Nu färbte es sich schwarz.» Der Machtwechsel in Deutschland zwingt den konvertierten Juden nach Amerika auszuwandern, der bald glaubt, Schauspieler sei er die längste Zeit gewesen.
Dieser Künstlerroman gewinnt sodann an Brisanz, da Eduard Steinbrecher, der Wiener Kunsthändler im Krieg die Seiten wechselt und nun alte Meister, deutsche Romantiker und französische Impressionisten für die neuen Machthaber Hitler, Göring und Co besorgt und daneben sämtliche Museen Österreichs neu ausstattet. Auf den Geschmack gekommen, will sich Eduard selbst an den Kunstschätzen der Juden bereichern: «Es gab genug Bilder, die darauf warteten, ihre Besitzer zu wechseln. Es gab genug Käufer, die sich nicht dafür interessierten, woher die neuen Stücke stammten. Das Geld floss.» Mit der befreundeten Restauratorin Marianne Saltzmann hat er vereinbart, dass sie die zu restaurierenden Bilder alter Meister kopiert, d.h. abkupfert:

Wer aufmerksam war, konnte beobachten, wie sich Marianne Saltzmanns Fingerkuppen von Tag zu Tag dunkler färbten und die Ränder ihrer Fingernägel und Nagelbetten allmählich schwarz wurden. Wenn sie vor einer ihrer vielen Leinwände stand, an denen sie – je nach Tageszeit und Lichteinfall – wechselweise arbeitete, nahm sie nicht nur den Pinsel zur Hand, sondern auch ihre Finger. So zog sie tagsüber von einer Epoche zur Anderen, von einem Land ins nächste, von Nord nach Süd, von West nach Ost, vom venezianischen Licht Bellottos zum polnischen Pleinairhimmel Carl Friedrich Lessings, von Böcklins pastosen Kleingöttern zu Caspar David Friedrichs wolkenverhangenen Sonnenuntergängen. Abends widmete sie sich den Zeichnungen und der Herstellung von Farben mittels Pigmenten, Eigelb und Spucke. Nie zuvor war sie fleißiger gewesen.

In Amerika kehrt Kupfer langsam auf die Bühne und die Leinwand zurück. 1951 bietet ihm Visconti für seinen Film Bellissima eine Nebenrolle an, in der er sich selbst, den einst berühmten Schauspieler in der Emigration spielen soll. Die Komik erreicht ihren Höhepunkt, als Visconti, der Kupfer zuerst unbedingt haben wollte, diese Komparsen-Rolle höchstpersönlich streicht. Nichtsdestotrotz dient die neue Rolle für eine Reise nach Rom, wo Kupfer im Flugzeug Walter wiedertrifft, der unterdessen als Stewart tätig ist:

Es war Kupfer. Aber es war nicht jene Schwelle, es war ein anderer Ort und eine andere Jahreszeit. Frühling und Sommer waren über die Erinnerung hinweggefegt. Was seine Aufgabe war, tat er kaltblütig und routiniert wie ein Automat, obwohl er im höchsten Maß aufgewühlt und alles andere als ruhig war. Unter der eisernen Hülle, die er zur Schau trug, zitterte sein Inneres. Wie viele Jahre war es her?

Fast zwei Jahrzehnte später schreibt Kupfer seiner alten Liebe aus Sils einen Brief und weist ihn im PS auf jene Schallplatte mit seiner Rezitation des Erlkönigs hin, und die Teil von Walters kleiner Schallplattensammlung in dessen Wohnung über dem Postamt von Sils gewesen ist, wo sie sich einst geliebt haben:

Erinnerst du dich an den Erlkönig, ein Gedicht, das hier außer uns alten Emigranten kaum einer kennt? Nicht einmal Goethe kennen sie, aber was, bitte, macht das schon, sie sind auch ohne ihn glücklich, glücklicher als wir, alles in allem, wer weiß, woher das Unglück rührt, ich will nicht daran denken.

Sulzers Postskriptum ist eine Hommage an die Liebe in einer traumatischen Zeit, in der sich die Wege unterschiedlicher Menschen kreuzen, die sich für wenige Tage sehr nahe sind, um dann wieder auseinanderzugehen. Und auch wenn sie sich aufgrund des historischen Wandels aus den Augen verlieren, vergessen sie einander nicht. Daneben kritisiert der Künstlerroman dezidiert den während der Nazi-Diktatur florierenden Kunsthandel mit unzähligen Kunstschätzen jüdischen Eigentums. Denn mit den vorsätzlichen Enteignungen wurden genau genommen nicht nur die Salons der neuen Machthaber, sondern ebenso die Säle sämtlicher staatlicher Museen neu bestückt.

Revue de presse

In den kleinen Geschichten des allmählichen Verschwindens, die der Roman erzählt, schwingt auch das andere, das monströse Verschwinden in diesem aus den Fugen geratenen 20. Jahrhundert mit: so wortlos gegenwärtig, dass dieser andere Schrecken nur in gelegentlichen Andeutungen stumm zwischen den Zeilen lauert. (Roman Bucheli, NZZ, 15.08.2015)

Das Buch schwingt im Walzertakt eines nostalgischen Liebesfilms, einer Ballnacht im Nobelhotel, einer champagnerbeschwipsten Leichtigkeit. Aber dieses Buch klingt auch im hämmernden Viervierteltakt eines Requiems, eines Kriegsmarsches, einer antiken Tragödie. (…) Ein sinnliches Panorama einer dunklen Zeit. Zugleich Romanze mit männlichen Protagonisten, Chronik eines Lebens, Geschichte einer Familie, Kunstgeschichte der Kriegsjahre und vielleicht sogar eine Parabel über das Glücklichsein. (Anna Kardos, Schweiz am Sonntag)