Grünschnabel
Roman

Mein Vater hat mich für 365.– Franken von der Stadt gekauft. Das ist viel Geld für ein Kind, das keine Augen im Kopf hat. Ich habe das die Eltern möglichst lange nicht wissen lassen. Es ist nicht gut, schon in der Tür alle Hoffnungen zu zerstören, wenn man Tochter werden soll. Das hat uns die Chefin eingebläut. Bei ihr können wir nicht bleiben. Wir sind zu viele, müssen unter die Leute. Solche mit schönen Augen gehen gut, die mit dichtem Haar und guten Zähnen. Wir müssen aber auch etwas im Kopf haben. Er ist das wichtigste Organ. Er kann einen Arm ersetzen.
Nicht alle Menschen sind gleich. Bei den Eltern ist das wichtigste Organ die Geduld.

Als ich abgeholt wurde und vor dem Zaun die frischen Eltern warteten, nervöser als der Hund der Chefin, beugte sie sich zu mir runter und flüsterte:
– Du wirst jetzt Tochter. Von dort ist es nicht mehr weit bis ins Leben. Sie fuhren mich mit meinem neuen Koffer in ihre Wohnung. Sie hatten mich schon zur Probe gehabt wie später die Couchgarnitur mit dem gelben Plüschbezug, an der sie fast so lange abzahlten wie an mir. Ich war froh darüber, dass sie sich gleich für mich entschlossen, nachdem sie es mit mir versucht hatten, und dass sie erst mit den Couchgarnituren wählerisch wurden. Zweimal ließen sie eine zurückgehen. Einmal wegen der Farbe und einmal wegen des Komforts.
Sie sah während der Fahrt zum Fenster hinaus und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Nur manchmal drehte sie sich nach mir um und lächelte verlegen, fragte, ob mir der Wackeldackel auf der Ablage gefällt.
Ganz im Gegensatz dazu fragte er mir Löcher in den Bauch, wie dies heißt und das, ob ich das kenne oder jenes. Ich tat, als würde ich schlafen.
Er wollte mir auf den Zahn fühlen. Sie wollen immer herausfinden, ob sie das große Los gezogen haben oder eine Niete.
– Das lässt sich nicht verhindern, hatte die Chefin gesagt, als ich nach drei Wochen von Leuten zurückkam, die ein Kind gebraucht hätten. Sie hatten mich eine Straße früher abgesetzt. Sie hatten es eilig gehabt, kein Kind mehr zu haben, ich hatte ihnen einen solchen Schrecken eingejagt. Die Chefin kratzte mir die Salzränder von den Wangen.
– Ein Kind ist eine Anschaffung fürs Leben.
Ob die hier das wussten? Ich machte ein Auge auf, schielte auf die Vordersitze, wo sie saßen. Sie rauchend, er den Griff des Lenkrades knetend. Ich machte das Auge wieder zu.
Er sagte leise:
– Sie hat ja keine Ahnung von Sprache.

(Monica Cantieni, Grünschnabel)

Critique

de Beat Mazenauer

_«Mein Vater hat mich für 365.- Franken von der Stadt gekauft. Das ist viel Geld für ein Kind, das keine Augen im Kopf hat. Ich habe das die Eltern möglichst lange nicht wissen lassen. Es ist nicht gut, schon in der Tür alle _Hoffnungen zu zerstören, wenn man Tochter werden will. Das hat uns die Chefin eingebläut.»

Der fulminante Auftakt ist von überschäumender Lakonik. Monica Cantieni lässt ihre Erzählerin mit der Tür ins Haus fallen: ein Adoptivkind, das in seiner neuen Familie heimisch machen will. «Du wirst jetzt Tochter. Von dort ist es nicht mehr weit bis ins Leben», hat das Mädchen von seiner Chefin mit auf den Weg bekommen. Nun denn, auf in dieses Abenteuer! Die naseweise Erzählerin von sieben-acht-neun Jahren schickt sich an, die Probezeit zusammen mit den neuen Eltern zu bestehen. Das Fürsorgeamt, also Ruth und Walter, schaut hin und wieder vorbei, um zu kontrollieren, ob Ordnung herrscht und alles klappt.

Fünfzehn Jahre nach ihrem Prosadebüt, der Erzählung Hieronymus' Kinder, legt die Autorin Monica Cantieni mit einem frischen und frechen Roman nach. Das Buch hat lange gegärt und sich ganz allmählich aus dem zitierten ersten Satz heraus entwickelt. Solche Behutsamkeit ist ihm gut anzumerken. Die präzise und zugleich mysteriöse Exposition grundiert den ganzen Roman. Cantieni erzählt Anekdoten und Episoden aus dem Alltag eines turbulenten Haushalts mit scharf umrissenen Figuren und pointierter Sprache – aus der Optik eines Adoptivkindes.

Das neue Tochter lebt mit ihren neuen Eltern etwas ausserhalb der Stadt in einem Haus voll sonderbarer Mitbewohner. Die Mutter kämpft mit Pillen gegen das «Himmelelend», der Vater ringt mit zwei linken Händen und trägt das Herz am rechten Fleck. Beides bringt nicht viel Geld ein, das gute Herz aber bewahrt die Freundschaften im Haus. Zum Beispiel zu Toni, der seine heimliche Tochter im Schrank verstecken muss, weil sie nicht in der Schweiz wohnen dürfte – was der kleinen Erzählerin sehr sonderbar vorkommt. Oder zu Eli, der auch nicht hier sein dürfte, denn die Schweiz hat eine Überfremdung. Es ist das Jahr 1970, die ausländerfeindlichen Schwarzenbach-Initiative steht zur Abstimmung und stiftet Konflikte auch in der eigenen Familie. Während die Mutter findet, sie hätten genug Probleme im Haus, regt sich der Vater fürchterlich über die politische Ungerechtigkeit auf. Das Mädchen hat andere Fragen: «Was ist Initiative? Und was ist eine Überfremdung?»
Um sich in diesem Leben zurecht zu finden, sammelt es Wörter in Zündholzschachteln, fein sortiert, damit sie nicht verloren gehen. Es gibt einiges aufzubewahren, das nicht auf Anhieb zu verstehen ist. Mit dem geliebten Grossvater, dem Tat, stellt es zudem ein «Lexikon der guten Gründe» zusammen. Dieser Grossvater, der sachte und unrettbar in die Demenz abgleitet, verbindet das Mädchen eine spezielle Liebe. Sein Tod setzt diesem Buch und vielleicht auch seiner Unbefangenheit ein Ende.

Cantienis Buch steckt voll kleiner Geschichten und verblüffender Sätze, in denen sich Leben und Tod aus der Optik eines Grünschnabels spiegeln. Die junge Erzählerin muss sich immer wieder behaupten, weil sie als «Waisenhausgöre» nicht allerorts gut gelitten ist. Das ist zuweilen schmerzhaft, gelingt aber mittels ihrer Frechheit und ihrer direkten Sprache.
Natürlich handelt es sich bei letzterer nicht um ein richtiges Kinderidiom. Vielmehr hat Monica Cantieni eine Kunstsprache entworfen, die eine kindhaft naive Perspektive konstruiert. Ihr Gestus zeichnet sich aus durch Spontaneität, Lakonik und sprühende Einfälle, die das eigentlich Kindliche übersteigen. Entsprechend darf ihr Mädchen über den Tod sprechen, wie es Kinder nur in der Vorstellung von Erwachsenen tun.
Vor allem mag es prägnante Sätze und Formulierungen – wie «Ich hatte ihr ein Koma in den Kopf geschlagen«, oder der Italiener Toni hat «eine Illegalität am Hals». Sie ahmen Kindlichkeit nach, im Kern aber ist darin ein surrealistisches Prinzip erkennbar, das Fakten und Metaphern auf verblüffende Weise miteinander verklammert.
In diesem Gestus ist hin und wieder der Wille zur konstruierten Formulierung spürbar – mit dem Effekt, dass der eine oder andere raffinierte Einfall nicht mehr der gebotenen Spontaneität entspricht. Das nimmt dem Buch mit der Zeit ein wenig von seiner Leichtigkeit.
Entscheidend aber ist vielmehr, ob Monica Cantieni dabei dem von ihr gewählten Konzept treu bleibt, was sie über weite Strecken tut. Nebst treffenden Pointen haben darin auch ruhige Töne und schmerzhafte Gefühle Platz, die etwa das Thema Tod ohne Ironie stehen lassen.
_Grünschnabel _präsentiert sich so als ein gewitztes Buch, das sich lustvoll liest. Die beschriebene turbulente Freundschaft unter Schweizern und Ausländern vermittelt unter der Hand auch einen Appell, den die Autorin ernst meint.