Draussen um diese Zeit
Erzählungen

Ulrike Ulrich versammelt in diesem Band Erzählungen von sprachlicher Dichte und Präzision, die mit eigensinnigem Humor Einblicke in die Gedankenwelt der Figuren eröffnen und die Schönheiten und Abgründe des Menschseins in unserer Zeit aufdecken. Gegenwärtige Erzählungen, die Lust darauf machen, mit dieser Stimme um die Welt zu reisen. Zu Hause ist ohnehin niemand, weil sich alle auf die Suche begeben haben, ihren Sehnsüchten folgen, draußen um diese Zeit.

(Buchpräsentation Luftschacht Verlag)

Schwebende Offenheit im Wartestand

de Beat Mazenauer

Julie wartet sehnsüchtig auf Gérard, der sie im Café von der Arbeit abholen kommt. Und Agnes wartet auf Gérard, um so lange Julie beim Warten zu beobachten. Gleich nebenan tummeln sich liebenswürdige Obdachlose. Die Szene spielt im 18e Arrondissement in Paris. Viel mehr geschieht in der Erzählung «Le Refuge» nicht. Julie arbeitet neu hier, froh über diesen Job. Abends nach getaner Arbeit geht sie mit ihrem Geliebten nach Hause, in die gemeinsame kleine Wohnung. Tagsüber schreibt Gérard (seit Jahren) an einer Dissertation über die Frauen der Résistance. Während Julie im Café auf Gérard wartet, wird sie von Alice beobachtet, die regelmässig im Café sitzt und ihrerseits wer weiss worauf wartet. Beispielsweise denkt sie dabei an Frédéric. Ulrike Ulrich erzählt von den beiden Frauen wechselweise in kurzen Abschnitten jeweils aus deren eigener Optik. Die Geschichte kommt kaum recht ins Rollen, sie bleibt im Warten stecken – so hat die Autorin Zeit, ihren Protagonisten eine feine Wahrnehmung mitzugeben.

So und ähnlich laufen die Erzählungen in Draussen um diese Zeit ab. Sie spielen in den Metropolen New York, Paris, Wien, Zürich und Rom. Im Kontrast zum urbanen Getriebe sucht sich Ulrike Ulrich Räume und Szenerien aus, in denen liebendes Hoffen und begehrendes Bangen den leisen Hauch von Vergeblichkeit verströmen. Sie beobachtet mit diskreter Neugierde, ohne auf alles eine Antwort zu geben. Es ist weniger das Geschehen selbst, wofür sie sich interessiert, sondern eher dieses Warten und die es begleitenden, umrahmenden Gesten und Wahrnehmungen.

Sie lässt den Figuren wie den Geschichten ihre Geheimnisse. Beispielsweise in «Métro Ligne 4». Der Strassenmusiker Antonin lebt mit Isabelle, einer Tochter aus besserem Haus zusammen. Sie begleitet ihn, wenn er in der Metro spielt. Wie Antonin einmal unbekannterweise und zufällig von Isabelles Mutter angesprochen wird, sieht es Isabelle nur aus Distanz, so dass sie – und die Lesenden mit ihr – nie erfährt, was die beiden miteinander gesprochen haben. Oder in «Stauffacher», worin Georg unvermittelt seine verschwundene Frau in einem Tram der Linie 2 entdeckt zu haben glaubt. Er rennt dem Tram nach, fährt die folgenden Wochen mit der 2 im festen Glauben, die Verschollene irgendwann aus der Erinnerung in die Wirklichkeit zurückzuholen.

Im «Roosevelt Hotel» in New York wartet Polly, die eigentlich nicht so heisst, jeweils Dienstags auf einen Gast, um mit ihm aufs Zimmer zu gehen. Der Barkeeper Matteo wartet seinerseits auf Polly, vergebens. Körperlichkeit und Entsagung kennzeichnen die Geschichte und halten sie in prekärer Balance. Von ihrem New Yorker Aufenthalt hat Polly eine Graphic Novel gezeichnet, die unvermittelt Erfolg hat und sogar verfilmt werden soll. Sie möchte den Erfolg mit Matteo teilen, doch der wahrt am Ende Haltung und wendet sich ab. Auf ein Happyend zielt das nicht ab.

Es geht um Liebe und Hoffnung, beide umhüllt von leiser Melancholie. Die Autorin erzählt gewissermassen in kurzen Augenaufschlägen, Andeutungen und Ausschnitten. In der Dichte des Erlebens präsentieren sich die Geschichten unterschiedlich. Vereinzelt wirkt ihr Erzählmodus etwas bedächtig und lässt die Geschichten nur langsam in die Gänge kommen. Und in der letzten Geschichte («Villa Borghese») mutet sich Ulrike Ulrich etwas gar viel zu. Wie schon in der beschriebenen New Yorker Episode («Roosevelt Hotel») lässt sie hier Schreiben und Fiktion sich gegenseitig durchdringen – eingebettet in einen Zwischenbericht an eine Institution. Im Neben- und Durcheinander der Ebenen verlieren sich die Konturen, eine Erzählebene weniger wäre vielleicht mehr gewesen. Am Ende hinterlässt Draussen um diese Zeit dennoch den Eindruck einer äusserlichen Ruhe, in der unterschwellig etwas von der urbanen Hektik steckt, nicht als Bewegung, sondern als Erwartung und Einsamkeit.