Hagard
Roman

In jedem seiner Romane wagt Lukas Bärfuss sich auf neues Terrain. In Hagard folgt er einem Verfolger, und als Leser fühlt man sich fortwährend ganz nah an dessen Kopf. Ein Mann, eben stand er während des Feierabendgedrängels noch am Eingang eines Warenhauses, folgt aus einer Laune heraus einer Frau. Er kennt sie nicht, sieht sie auch nur von hinten, aber wie in einem Spiel sagt er sich: Geht sie dort entlang, folge ich ihr nicht weiter; geht sie in die andere Richtung, spiele ich das Spiel noch eine kleine Weile weiter. Es bedeutet ja nichts, niemand kommt zu Schaden, und der Abstand in der Menge ist so groß, dass die Frau es gar nicht bemerken wird. Eher ist es eine sportliche Aufgabe, sie in der Menge nicht zu verlieren. In einer knappen Stunde hat Philip ohnehin einen wichtigen Termin. Aber schon fragt er sich, ob der nicht auch zu verschieben wäre, bis zur Abendverabredung bliebe ja noch etwas Zeit. Was ihn bewegt, ist erst einmal unklar. Ist der Verfolger einfach ein gelangweilter Schnösel? Ein Verrückter? Ein Verbrecher? Er scheint selbst vor etwas zu fliehen. Etwas Bedrohliches liegt in der Luft, etwas Getriebenes. Ein atemloser Sog entsteht, in den auch der Leser gerät, je länger die Verfolgung anhält. Allen Sinneswahrnehmungen haftet etwas beunruhigend Surreales an. Die aufgerufenen Fragen über unsere Lebenswirklichkeit im 21. Jahrhundert gewinnen eine unabweisbare Schärfe.

(Buchpräsentation Wallstein Verlag)

Die Fantasie vom heftigen Brennen

de Florian Bissig

Ein volles Jahr nach dem geplanten Termin hat Lukas Bärfuss seinen Roman Hagard veröffentlicht. Das ist ein reichliches Zeitsupplement für die Überarbeitung eines Romans von 170 Seiten. Man könnte, das ausgiebige Ringen um Perfektion am Text würdigend, geneigt sein, im Einstiegssatz nicht nur die Erzählfigur, sondern auch den Autor hören zu wollen: «Seit viel zu langer Zeit versuche ich, Philips Geschichte zu verstehen.»

Bärfuss’ Erzähler ringt vergeblich darum, die Geschichte zu verstehen, und auch der Leser, dem er sie präsentiert, muss sich mit einer Darstellung begnügen, die im Dunkeln lässt, was den Protagonisten Philip antreibt. Vielleicht hat der Autor auch selbst allzu lange um ein Verständnis dessen gerungen, was seiner seiner eigenen Fantasie entsprungen war. Oder, genauer genommen, um plausible Handlungsmotive und einen interpretierbaren Charakter.

Die Geschichte um Philip, wie unwahrscheinlich auch immer, ist schnell erzählt. Ein Mann mittleren Alters, Vater, erfolgreicher Immobilienhändler, BMW-Fahrer, verguckt sich in ein Paar pflaumenblaue Ballerinas. Natürlich steht das reizende Schuhwerk für das grazile, jugendliche, attraktive, und vor allem flüchtige und geheimnisvolle weibliche Wesen, zu dem sie gehören. Philip folgt ihr durch die Zürcher Innenstadt, zunächst in der Absicht, ein Verfolgungsspiel von ein paar Minuten zu spielen.

Seinen Terminplänen und seiner sonstigen Selbstkontrolle zum Trotz kann er nicht von der Verfolgung ablassen. Philip folgt der jungen Frau mit der S-Bahn in einen Vorort, übernachtet vor ihrem Haus, und stolpert ihr am nächsten Morgen wieder in die Stadt nach. Innert einem Tag wird er zu einer armseligen Figur. Er verliert sein Portemonnaie, sein Auto und einen Schuh, und lungert erschöpft, hungernd und frierend in der Stadt herum, die er keine 24 Stunden zuvor als erfolgreicher Geschäftsmann durchschritten hat. Als Philip in einem luziden Moment aus seinem verrückten Verfolgungsprojekt ausbrechen will, nimmt die Tragödie – denn eine solche stellt der Roman im Wesentlichen dar – durch eine unglückliche Verkettung von Umständen bereits ihren schrecklichen Lauf.

Doch warum um alles in der Welt verfiel Philip immer tiefer in die Besessenheit, ohne Rücksicht auf sein bürgerliches Leben, seine Geschäfte, sein Kind, seinen Leumund, seine Gesundheit, der Silhouette einer Frau zu folgen? Diese Frage stellt der Erzähler ständig in allen erdenklichen Varianten: «Was wollte Philip von dieser Frau?»; «Ob darin eine metaphysische Bedeutung zu finden sei?»; «Wollte er ausbrechen aus seiner Existenz, war er seines Lebens überdrüssig?»; «Warum ist er nicht zu ihr hingegangen, als er die Möglichkeit hatte?»

Im Kontrast zu dieser ständigen Erinnerung daran, dass dem Erzähler die Gründe für die Handlungen seines Bekannten verborgen sind, steht die detaillierte Nacherzählung von dessen Odyssee. Er kennt nicht nur den gesamten Hergang des Geschehens, sondern Bärfuss lässt seinen Erzähler auch die Perspektive seines Freundes einnehmen. Er rapportiert etwa, dass «Philip eine Geste ihrer Hand oder ihres Kopfes, eine Bewegung, die ihn lockte, aufforderte, ihr zu folgen,» zu erkennen meinte. «Für Philip bestand kein Zweifel: Sie meinte ihn, sie schickte ihm ein Zeichen», weiss der Erzähler.

Der Erzähler weiss viel, lässt aber in seinen Spekulationen so manchen Hinweis auf Philips Motive und Hintergründe ins Leere laufen. Lieber macht er ein grosses Mysterium daraus, warum sich ein Mann innert Stunden «von einem soliden, gesicherten Dasein an den Rand der eigenen Vernichtung bringen» sollte. Er folgt damit genau der Maxime, die er auch Philip unterstellt, als dieser an der Frau vorbeigeht und die Gelegenheit, endlich ihr Gesicht zu sehen, verstreichen lässt und sich nicht umdreht. «In allen Dingen muss ein Geheimnis bleiben, das uns zum Sehen bringt. Was wir verstanden haben, ist verloren.»

So scheint Bärfuss’ Beschwörung der Rätselhaftigkeit dieser Geschichte etwas erzwungen. Seine Versuchsanlage ist eine Gedankengeburt, und ihre Grundfrage ist durchaus interessant: Was könnte es damit auf sich haben, dass jemand einfach plötzlich alles stehen lässt und einem eigentümlichen Sehnen nachgibt, das nicht nach Erfüllung, sondern nach Selbstzerstörung zu streben scheint? Ist ein Motiv denkbar, nicht bloss aus den bürgerlichen Konventionen, der Sexualmoral oder der Rationalität ausbrechen zu wollen, sondern, viel radikaler, einem unartikulierbar tief liegenden Impuls ins Offene zu folgen? Oder ist das schlicht ein Fall für die Psychopathologie?

Diese Fragen bleiben unbeantwortet. Doch Bärfuss benützt sein Gedankenexperiment auch dazu, herzhafte Gesellschaftskritik zu betreiben. Der entrückte Philip beschreibt die Betriebsamkeit der Pendler, Gewerbler und Touristen als eine Lebenswelt, der er selber schon nicht mehr angehört. «In den Froschaugen sitzen Angestellte an ihren Schreibtischen und starren auf die Schirme», beobachtet er etwa durch die Fenster eines Geschäftsgebäudes.

Die Gesellschaft, aus der Philip herausfällt, mit ätzenden Worten zu kritisieren, übernimmt schliesslich der Erzähler. «Alles in allem hatte der Pragmatismus, der das Denken der Menschen beherrschte, auch die Liebe versachlicht», resümiert er seine eigene sozialgeschichtliche Epoche. Sein Blick auf das Leben in geordneten Bahnen ist bitter und verächtlich, und er trifft auch ihn selbst, einen «Mann mit vielen Schwächen und noch mehr Prinzipien», der in der «Hälfte des Lebens» steht. Die Lebenskurve eines typischen Zeitgenossen sieht er als flachen Strich. «Selten wird hier eine Existenz nach dem vierzigsten Lebensjahr anders zu Ende gehen als mit einem allmählichen Verglühen, was vielleicht der falsche Begriff ist, da er ein Brennen voraussetzt.»

Nun, Hagard erzählt von einer Lebenskurve, die am Ende kurz aber umso stärker ausschlägt, von einem heftigen Brennen. Aber als Ideal, das dem bürgerlich-betriebsam eingeebneten Leben gegenübergestellt werden könnte, taugt Philips Geschichte nicht. Und so ist Bärfuss’ Schlusssatz vielleicht als sokratisch-aporetische Ausräumung eines Irrtums zu deuten, mit dem Platz für einen neuen Anlauf geschaffen wird: «Dies ist das Ende, und hier will ich beginnen.»