Herbertgeschichten
Erzählung

Wie vertreibt sich einer, der weder Familie noch Ziele hat, nach seiner Pensionierung seine Zeit? Er geht einkaufen, putzt, geht spazieren, kocht. Jede Woche trifft er pünktlich im Park auf seinen Freund Rudolf, und dann sitzen sie eine Weile auf ihrer Bank. Jedes Jahr über Weihnachten macht er eine Reise. Ausserdem erfreut er sich an den Gegenständen, die er im Laufe der Jahre gesammelt hat. Die besten Jahre hat Herbert hinter sich, aber auch er hat noch Träume. Er träumt von einer Putzfrau, die sich um seine umfangreiche Sammlung kümmert. Auch von einem gemeinsamen Leben mit einer Frau träumt er manchmal, aber die Bekanntschaft mit Ivana entwickelt sich nicht so, wie er sich das vorgestellt hat. Herberts Leben mag unspektakulär verlaufen, aber je näher man ihn kennenlernt, desto mehr lässt sich mit ihm lachen, manchmal auch über ihn, oder mit ihm über die Welt sinnieren. Man merkt, Herbert ist einer, der weiss, was er hat: seine Nachbarin Frau Kramer, seinen Freund Rudolf und dessen Frau Edith und seine Unabhängigkeit.

(Buchpräsentation Zytglogge)

Dienstags im Stadtpark

de Beat Mazenauer

Ist ein Fluss ein Fluss, weil er stetig fliesst? Und hat ein Fluss überhaupt Zeit, weil er dies unermüdlich in gleichgültiger Trägheit tut? Solche Fragen stellen sich Herbert und Rudolf,  wenn sie Dienstags im Stadtpark auf ihrer Bank sitzen und ihr Dasein als Pensionisten geniessen. Wenn die Bank zufällig mal besetzt ist, gehen die beiden davor so lange hin und her, bis sie frei wird. Herbert und Rudolf pflegen in träger Routine ihre Gespräche und denken sich gerne was dabei. Herbert zum Beispiel meint, Rudolf könnte doch auch mal die spiessige Krawatte abstreifen. Rudolf seinerseits findet, was Herbert brauche, sei eine Frau, die Ordnung in sein Leben bringe – seine Edith kenne da eine Ungarin …

Eines Tages antwortet Herbert tatsächlich auf eine Annonce: «Eine Italienerin suchte 'Ehemann wegen Existenzsicherung'. Die Unverblümtheit gefiel ihm» – doch sie erweist sich bald auch als Haken an der Sache. Nicht dass Ivana nicht eine ebenso nette wie adrette Frau wäre, für den scheuen und stillen Herbert ist sie aber viel zu lebenslustig. Während Herbert lieber vor Schmerzen vergeht, weil ihn die Schuhe beim Tanzen drücken, streift sie sich Ivana unbefangen ab und tanzt barfuss. Eine gemeinsame Wellness-Woche in einem Hotel bringt schliesslich Klärung und endet im Fiasko. Ivana findet später einen alten Seebären – einen Ex-Offizier von einem Vergnügungsdampfer, den Herbert «sofort unsympathisch» findet. An der Hochzeit nehmen Herbert, Rudolf und Edith trotzdem teil. Ebenso auch Frau Kramer, Herberts Nachbarin, mit der er nun öfter von ihrem Gulasch kostet.

Was immer auch geschehen mag, welche Wendungen das Leben bereit hält, Herbert und Rudolf halten auf jeden Fall an ihren dienstäglichen Treffen im Stadtpark fest. Selbst Gedanken darüber, ob sie – «wenn ich einmal tot bin» – in der Erde bestattet werden möchten oder in einer Urnenwand, ändert vorerst nichts daran. «Du kannst dir das ja noch überlegen, sagte Rudolf, aber gib mir bitte rechtzeitig Bescheid. Dann schauten sie wieder auf den Fluss und schweigen.»

Die geraffte Nacherzählung von Elisabeth Schroms Herbertgeschichten fördert im Grunde nur Alltagsanekdoten zu Tage. Das mag vielleicht schlicht klingen, doch es ist alles eine Frage des Wie. Tatsächlich ist es der Erzählton, der diesen Geschichten ihren besonderen Reiz verleiht. Elisabeth Schrom, die damit als Prosaautorin debütiert, scheint ihren Pappenheimer ausgezeichnet zu kennen. Sie versteht ihn mit verschmitzter Finesse zu charakterisieren. Ohne dass es je aufgesetzt wirkte, ist dabei eine untrüglich weibliche Handschrift erkennbar, die mit verblüffender Präzision die kleinen Macken und Eigenheiten Herberts herausschält. Es ist die Gewöhnlichkeit, von der hier ganz unaufgeregt erzählt wird: das Dasein des Rentners und Witwers, der sein träges Einerlei liebt und durch die Aufregungen um Ivana eher kopfscheu wird, als dass er sie genösse. Herbert mag sich nicht mehr binden, weil ihm die kleinen Gewohnheiten längst lieb geworden sind. Nur manchmal zwickt es ihn deswegen innerlich.

Elisabeth Schrom beobachtet ihren Helden mit unerbittlicher Prägnanz und zugleich mit nachsichtigem Verständnis. Ihr Buch überzeugt darin, dass sich ihre Prosa dem Protagonisten gewissermassen anverwandelt und ausgesprochen diskret, mit viel Gespür für das Komische in Herberts Verhalten erzählt. So lassen die Herbertgeschichten unterschwellig eine liebevolle Ironie spüren, in der zugleich ein feine Spur Tragik mitschwingt. Ihrem Helden trägt die Autorin auf jeden Fall nichts nach, denn Männer sind halt, wie sie sind.