Werke in fünf Bänden

Band 1: Lyrik

Band 2: Erzählende Prosa. Die Lügner sind ehrlich; Calabria; Die Düne; Der Brand; Mißverständnisse
In der Schweizer Tradition der zunächst verkannten und erst spät zu Ehren gekommenen großen Autoren wie Robert Walser, Friedrich Glauser und Albin Zollinger gilt es einen weiteren hochkarätigen Schriftsteller zu entdecken: den Sprachkünstler und Erinnerungsmagier Kuno Raeber. Der eigenwillige und sprachbesessene Autor verarbeitete literarisch die großen Themen der Weltgeschichte: von Rom und Konstantinopel bis zu den Totenritualen der alten Ägypter und dem Maya-Kult der Azteken.

Band 3: Romane und Dramen. Alexius unter der Treppe oder Geständnisse vor einer Katze; das Ei; Vor Anker

Band 4: Romane und Dramen. Bocksweg; Wirbel im Abfluss; Bilder Bilder

Band 5: Essays und kleine Schriften
Im Verlauf seiner schriftstellerischen Karriere würdigte Kuno Raeber immer wieder öffentlich das Werk seiner zeitgenössischen Kollegen. Texte zu Jubiläen (etwas zum Geburtstag von Borges oder von Thomas Mann) stehen neben ausführlichen Erinnerungen über langjährige persönliche Freundschaften, wie etwa zu Ingeborg Bachmann. Vom Historiker Raeber sind besonders die Aufsätze zu den geschichtlichen Gestalten ausgewählt, die in seiner literarischen Prosa entscheidend wichtig sind. Außerdem wird Raebers lebenslange Beschäftigung mit Politik, Kultur und Sprache der Schweiz dokumentiert.

(Präsentation der Werkausgabe, Nagel & Kimche)

Die Martyrien des Dichters Kuno Raeber. Mit einer fünfbändigen Ausgabe ruft der Verlag Nagel & Kimche einen vergessenen Autor in Erinnerung

de Beat Mazenauer

In einer szenischen Vorbemerkung zum Drama Bocksweg notierte Kuno Raeber, dass darin wie «in den alten Mysterienspielen Himmel und Hölle mit der Welt, aktiv und passiv, zusammenhängen». Der Zuschauer schaue von aussen in diesen geschlossenen Raum und «sieht darin, mit Schrecken, sich selbst». Zumindest für den Autor persönlich waren Drama und Wirklichkeit aufs Engste miteinander verquickt. In Bocksweg inszenierte er 1989 in fiebrigen Bildern das eigene Martyrium zu einem Zeitpunkt, als das öffentliche Interesse längst von ihm abgerückt war. Der Tod des San Lorenzo auf dem Feuerrost war Sinnbild der persönlichen Verlassenheit wie der dichterischen Identifikation mit der mystischen Gestalt.

Der Romancier

Als Herzstück seines Werks können zwei Romane gelten: Alexius unter der Treppe oder Geständnisse vor einer Katze (1973) und Das Ei (1981). In der Figur des Alexius begegnet uns der Märtyrer als Protagonist. Raeber personifiziert in ihm die These der ewigen Wiederholung. Alexius, verwahrlost in New York hausend, deliriert von unzähligen mystischen Vorleben, in denen er Nero war, ein Tiefseetaucher und anderes mehr. Enger an die eigene Biographie angelehnt ist Das Ei. Der Ich-Erzähler sitzt in einem Café in Rom – nebst München, wo Raeber seit 1958 wohnte – die zweite Lebensstadt für den tief katholisch geprägten Katholiken, der kein Christ mehr sein wollte. In diesem Café gegenüber dem Lateran brütet er über einem weissen Blatt Papier, auf dem er die ruchbare Tat von Laszlo Toth zu vollenden hofft. Toth hatte 1972 wirklich die Pietà im Vatikan mit Hammerschlägen beschädigt und war so dem Ich-Erzähler zuvor gekommen. Deshalb versucht dieser die Rache am Bildnis der «Mutter mit Sohn» auf dem Weg der Literatur «vollkommener und perfekter» zu begehen.

Dieses ebenso faszinierende wie überspannte Zeugnis einer schwärmerischen Passion erzählt in fantastischen Abirrungen vom Wunsch, Maria, die Frau, die Mutter und mit ihr das eigene Sohn-Sein auszulöschen. Dafür erhebt sich das erzählende Ich in die Nachfolge der christlichen und antiken Märtyrer. Nach Freiheit drängend, zugleich gefangen im Reich der Mütter, erträumt es sich eine brüderliche Gemeinschaft. Die idealisierte homoerotische Bindung widersetzt sich der familiären Ordnung, die Sinnbild ist für die Knechtung des Individuums. Die Mutter, mithin die Frau, ist dafür verantwortlich – und damit für die männliche Impotenz und die Schuldgefühle, die er bei seinen Fluchten entwickelt. Das Ei ist ein einziger, greller Schrei gegen diese mütterliche, marianische Instanz, kraft deren auch die Rolle des Sohnes (bzw. Christi) eine Knechtung und Überforderung darstellt. Unter Brüdern allein fühlt sich das Ich ebenbürtig.

Der verzweifelte Aufruhr gegen die Frau, gepaart mit männlich-mythischer Verzückung, verleiht dieser Prosa etwas seltsam Unzeitgemässes. Hierin, wie auch im Alexius-Roman, gelingt es Raeber, dieses Unzeitgemässe in einer schwül-schwülstigen Sprache aufzufangen, die den heiligen Ernst und den revoltierenden Geist spürbar macht, der in ihnen steckt. Doch vermutlich lag es gerade an der sinnlichen Unverblümtheit, dass Raeber in Vergessenheit geriet. Die geistliche Verzückung stiess weltliche Gemüter ab, religiöse dagegen fühlten durch die drastische (Homo-)Erotik seiner Texte bloss provoziert. Die Sprachmächtigkeit Raebers zeugt letztlich allerdings doch für sein Werk, es äussert sich nachgerade auch lyrisch.

Der Lyriker

«Das Gedicht ist ein Ort, wo der Geist die Welt versammelt und ordnet.» Mit derart hoch gestimmter Auffassung wartete Raeber 1957 im Gedichtband Die verwandelten Schiffe auf. Der Dichter zog die Maske der Poesie über, um mit ihr die Brechung zwischen Welt und Wort zu überwinden. Raebers Dichtung jener Jahre stand in der ästhetizistischen Tradition der Jahrhundertwende: George, Rilke und besonders Hoffmannsthal, dessen Sprachkritik er mit der Maskenmetapher poetisch einlösen wollte.

28 Jahre später erschien der sechste, letzte Gedichtband Abgewandt Zugewandt und präsentierte Verse von ganz anderer Art. Raeber hatte die «Menge von Weltstoff», die seine frühen Gedichte auszeichnete, inzwischen «abgeräumt». Einfache Form und einprägsame Bilder zeichneten die späte Lyrik aus. Am offenkundigsten aber wurde die Differenz in der Sprache selbst. Mehr als ein Drittel der Gedichte war in «alemannischem» Deutsch: der Sprache seiner Luzerner Heimat geschrieben. Anstatt «Dem schattenlosen Gipfel eilt er zu», wie 1950, hiess es nun: «Was wotsch / ometschomple em Räge». Ein sprachlicher Verfremdungseffekt, und doch derselbe Autor, dasselbe hohe Sprachempfinden und musikalische Gespür. Auch als Lyriker bestätigte Raeber seinen Eigensinn, der ihn zum faszinierenden, überraschenden Autor machte.

Das Spätwerk

Der Märtyrer im lyrischen Gewand begegnet uns im späten Drama Bocksweg wieder, von dem eingangs schon die Rede war. Die zitierte Eingangspassage, in der das Ineinander von Himmel und Hölle beschworen ist, umschreibt präzise, wo Kuno Raeber nicht nur sein Drama, sondern auch die letzten beiden Romane Wirbel im Abfluss (früher Sacco di Roma) und Bilder Bilder topographisch situierte. Sie spielen in einem Zwischenreich, in dem sich kollektives, mystisches Gedächtnis und Zeitgeist mischen. Mit dem Mittel einer hochartistischen Sprache, die nur so strotzt von Assoziationen, Allusionen, Metamorphosen und historisch-mystischen Versatzstücken, schlingt Raeber darin Geschichte und Gegenwart, Mythos und Realität, übersinnliche Ordnung und trivialen Alltag derart ineinander, dass die Grenzen verschwimmen. Die Mysterien sind gegenwärtig, die Gegenwart wird zum Mysterium.

Im Zentrum dieses späten Werks stehen der Hl. Laurentius, der im Jahr 258 das Martyrium erlitt, sowie das ewige Rom, um das die Phantasien Raebers unablässig kreisen. Laurentius fungiert zugleich als Hüter der Erinnerung an die Toten wie als Kristallisationsfigur für den Drang, durch Leiden die flüchtige Existenz zu überwinden. Das Opfer ist ein künstlerischer Akt, denn in Laurentius steckt der «poeta laureatus».

Schliesslich ist Laurentius auch einer der Stadtpatrone Roms. Rom seinerseits ist Città aperta und Urbi aeterna in einem. Hier durchwirken sich Gegenwart, Vergangenheit und der mythologische Hausschatz des Abendlandes bis zur Unauflöslichkeit: es ist die Zentrale einer mystischen Religiosität. Wirbel im Abfluss, Raebers konsequentestes Sprachexperiment, verwandelt die Stadt rings um die Engelsburg in einen Wirbel von Zeiten, Geschehnissen, Figuren, in einem synästhetischen Bilder- und Wörterstrom ohne Punkte. Im «wahren Bild», einer mythischen Ableitung des Grabtuchs Christi, der Bilder Bilder nachspürt, fände diese Sprachkaskade zum Stillstand. Wäre das vollkommene Kunstwerk erreicht. «Am Ende», notierte Raeber 1991 in sein Tagebuch, «hinterlässt der Künstler nur Fragmente, zahllose Fragmente eines einzigen grossen Fragments». Im Glauben an diese Einzige zeichnet sich der Mystiker und Sprachartist Kuno Raeber aus.

Das Dichten war für ihn ein magischer Akt der Beschwörung, die er virtuos bis zur Manieriertheit und manchmal zur Ermüdung betreibt. In den labyrinthischen Verwirrspielen findet sich kein Platz für feine Psychologisierungen, Raeber schilderte das Walten elementarer Mächte: Tod, Gewalt, Leidenschaft, Sexualität, Religiosität und Ritual. Mit welcher Unerbittlichkeit, bezeugen gerade seine letzten Werke.

Der Essayist: Zeugnisse eines Eigenwilligen

Diese Rigorosität widerspiegeln ebenso die Essays und kleinen Schriften, von denen eine Auswahl die Werkausgabe beschliessen. Darin finden sich auch Erklärungen für Raebers Eigenwillen, der stets quer zu den literarischen Trends stand.

Von seinen Büchern konnte Kuno Raeber nicht leben, im Gegenteil hatte er oft hart um ihre Veröffentlichung zu ringen. So waren es nach seinem Abschied aus dem universitären Erwerbsleben 1958 vor allem publizistische Arbeiten, die ihm den Lebensunterhalt sicherten. Kuno Raeber hinterliess schachtelweise Essays, Rezensionen oder Porträts. Aus diesem Fundus haben die beiden Herausgeber der Werkausgabe eine Auswahl zusammengestellt, die zumindest den Horizont der verstreuten Schriften gut andeutet. Allein die Namen der Autoren, denen Raeber Beiträge widmete, geben einen Eindruck seiner literarischen Präferenzen. Es finden sich hier Dante, George, Rilke, Valéry, Ernst Jünger, Pasolini oder Ingeborg Bachmann, die Freundin, versammelt. Zwei Abteilungen lassen tiefer in Raebers literarische und persönliche «Obsessionen» blicken. Zum einen die persönlichen Aufsätze, in denen er unter anderem seine komplizierte «Geschichte mit der Kirche» darlegt. So sehr er fasziniert war von der ästhetisch-mystischen Dimension des Katholizismus, so sehr fühlte er sich abgestossen durch das moralisch-dogmatische Christentum.

Diese Differenz grundiert die künstlerische Haltung. Raeber ruft im Aufsatz «Plädoyer für den Elfenbeinturm» Joyce, Rilke, Proust zu Zeugen an für seine katholisch geerdete Kunstreligion, die sich allein der Sprache verpflichtet fühlt. «Kunst ist Proportion, ist Rhythmus, ist Harmonie. Kunst ist Schönheit.» Aus dieser ästhetischen Grundhaltung erklärt sich auch die Abneigung des Dialekts als Kunstsprache. Raebers intensive Auseinandersetzung mit der Schweiz kehrte immer wieder zu diesem Punkt zurück. Die Schweiz isoliert sich, weil sie den Dialekt der Hochsprache vorzieht. Diese «Unzweckmässigkeit» erregte seinen Widerspruch, zuweilen auch Zorn. Aller Qualitäten des Dialekts zum Trotz sei es die Hochsprache, die die kulturelle Überlieferung transportiere und die Schweiz an den deutschen Kulturraum binde.

Kuno Raeber war ein eigenwilliger Geist, der quer zu den Moden stand: ein wacher Traditionalist mit einem feinen Sensorium für die Sprache. Wenn er es wollte, wie in seinen alemannischen Gedichten, sogar für den Dialekt.