Gedichte. Prosa. Aufsätze
Aus dem Nachlass II

Der zweite Teilband aus Raebers Nachlass nimmt die sieben Kapitel des ersten Teils auf und präsentiert von den Aufsätzen aus der Luzerner Schulzeit bis zum letzten Vortrag an der ETH Zürich kurz vor seinem Tod eine Auswahl von literarischen und publizistischen Texten.
Den Schwerpunkt bei den literarischen Texten bilden Gedichte, an denen sich die Entwicklung der lyrischen Formen in allen Phasen seines Schaffens verfolgen lässt. Bei diesen Texten werden auch Quellen aus dem Nachlass der Schwiegereltern herangezogen und die Einzelpublikationen in Zeitschriften in einem gesonderten Anhang präsentiert. Bei den dramatischen Formen bilden die Komödie Der Opernabend von 1957 und das Hörspiel Der Tod des Diokletian von 1966 vollständige Werke, für die der Autor keine Möglichkeit zur Publikation fand. Ab Ende der 60er Jahre werden auch Vorformen von erst später abgeschlossenen und in den Bänden 1 bis 4 der Werkausgabe publizierten Texten berücksichtigt, bis hin zu handschriftlichen Entwürfen auf Raebers charakteristischen A,B,C,D-Blättern bei Gedichten und Prosatexten.
Die Auswahl der Arbeiten für Presse und Rundfunk belegt Raebers Interesse an Kunst und Theologie sowie an Gestalten, die sein eigenes Schaffen anregten, ob Wissenschaftler wie Mircea Eliade und Ernst Robert Curtius oder Künstler wie Pietro Metastasio, Cesare Pavese und Klaus Mann.

(Buchpräsentation Scaneg Verlag)

Critique

de Beat Mazenauer

Mit realistischem Schreiben glaubte Kuno Raeber (1922-1992) der Wirrnis der Zeit nicht mehr beikommen zu können. Das einzige Mittel, sie adäquat darzustellen, schien ihm ein synästhetisch taumelnder Bilder- und Wortfluss. Dieser hat sein Schaffen unverwechselbar gemacht. Einen vertieften Einblick in die ihm zugrundeliegende Poetik vermitteln seine Tagebuchnotizen. Ein zweibändiger Nachtrag zur Werkausgabe mit Texten aus dem Nachlass macht sie zugänglich.
Die fortlaufende Reflexion im Tagebuch gibt Einblick in ein hartes Ringen um eine dichterische Form, die den eigenen Ansprüchen genügen konnte. «Kunst, Literatur, das ist Freiheit, Frechheit, Frivolität, kühnes, tollkühnes Spiel mit dem unendlichen Stoff der Welt», notierte er am 19. Februar 1956.
Diesem Spiel wollte er sich uneingeschränkt widmen. Gleich im ersten Tagebuch-Eintrag heisst es, er wolle seine dichterische Sendung ganz erfüllen: «Meine Sehnsucht macht noch nicht an den Sternen Halt, denn was sind schon Sterne?» In diesem Sinn verwahrte sich Raeber stets dagegen, als promovierter Historiker angesprochen zu werden, wo er doch allein zum Dichter geboren war.

An dieser Ambition mussten seine Versuche misslingen, ein bürgerliches Leben zu führen. Die Ehe mit Mareile Georgi, der zwei Töchter entstammten, war zwar glücklich, doch ab Mitte der 1950er Jahre deutete sich im Tagebuch eine Wandlung an. Kuno Raeber bemerkte, dass die Träger erotischer Strahlung «in den weitaus meisten Fällen Männer» waren. 1959 schliesslich brach alles auseinander. Die Ehe wurde geschieden, die Idee einer bürgerlichen Existenz war verflogen.
Fast zeitgleich fiel Raebers erster Roman auf einer Tagung der Gruppe 47 durch. Der dichterische Reifeprozess, der ihn eine eigenständige sprachliche Form finden liess, stellte ihn ins Abseits. Die eigenwillige poetische Verschmelzung von Kulturgeschichte und Mysterien stand quer in der literarischen Nachkriegslandschaft. Zu Unrecht erregte Raeber vor allem mit seinem Aussenseitertum Aufsehen.

In den Tagebüchern findet dies alles intensiven Niederschlag. Dabei halten sich Verzweiflung und Auflehnung die Waage. «Was den einen deprimiert, spornt den anderen an». Kuno Raeber erlaubte sich zuweilen eine dichterische Arroganz, die ihm versicherte, dass er den richtigen Weg beschreitet. Doch leicht fiel ihm derlei nicht. Die letzten Eintragungen 1991 nach seiner Aids-Diagnose bezeugen es auf eindrückliche Weise.
Die beiden Herausgeber begleiten die Auswahl aus den Tagebüchern und vereinzelt aus der Korrespondenz mit einem umfangreichen, bebilderten Lebensbericht. Darin wird Kuno Raebers Biographie im Widerstreit von persönlicher und poetischer Geschichte nachvollziehbar. Ein zweiter Band versammelt verstreute und bisher unveröffentlichte Texte aus dem Nachlass: Prosa, Essays, Gedichte sowie eine «Kommödie» und ein ungesendetes Hörspiel. Die beiden Bände ergänzen die fünfbändige Werkausgabe und runden das Bild dieses eigenwilligen Dichters ab.