Hier können Sie im Kreis gehen
Roman

Im Alter von 91 Jahren kommt der demente Witwer Johannes Kehr ins Pflegeheim. Nur: Seine Demenz ist vorgetäuscht. Im Heim hofft Kehr, seine Ruhe zu finden. Aber so einfach ist es nicht. Er beobachtet die schrulligen, nicht selten aggressiven Mitbewohner und die Nachlässigkeit der Pfleger. Seine vorgetäuschte Demenz nutzt er, um Desserts zu stehlen und Gehhilfen unliebsamer Nachbarn zu verstecken. Bald aber wird seine Schauspielerei anspruchsvoller; je vertrauter ihm das Heim wird, desto größer ist die Gefahr einer Enttarnung. Als zufällig seine Jugendliebe Annemarie auftaucht, flackert die alte Zuneigung erneut auf. Ein literarisch feinfühliges Debüt, beobachtungsstark und intensiv.

(Buchpräsentation Nagel & Kimche)

Protokoll einer vorgetäuschten Demenz

de Jörg Hüssy

Ein 91-jähriger Mann tritt nach dem Tod seiner Ehefrau aus freiem Willen in ein Pflegeheim ein, täuscht dabei aber eine fortgeschrittene Demenz vor: «Mir war es wichtig, mich bei klarem Verstand zu verabschieden.» Selbstbestimmung als oberste Maxime also. Lange musste Johannes Kehr um diese kämpfen. In jungen Jahren Waisenkind geworden, wurde er abgeschoben und wuchs bei der ihm nicht gerade wohlgesinnten Familie seines Onkels auf. Sein Vater, ein Schreiner, hatte sich aus Trauer über den Verlust seiner Tochter zu Tode gesoffen. Mit diesem Makel behaftet, bemühte sich der Sohn vergeblich um Anerkennung. Auch Kehrs weiterer Lebensweg wird von Schicksals- und Rückschlägen begleitet. So wird durch Standesdünkel eine Heirat mit Annemarie, seiner ersten grossen Liebe, verunmöglicht. Als er später doch noch heiratet und eine Familie gründet, scheint sein Leben in ruhigeren Gefilden angekommen zu sein. Doch der Tod bleibt in seiner Familie allgegenwärtig. Sein fantasiebegabter Sohn Paul beendet nach zahlreichen Versuchen, irgendwo Fuss zu fassen, sein Leben im Alter von 38 Jahren. Mit all diesen Erinnerungen an sein schicksalhaftes Leben, das fast das ganze 20. Jahrhundert umfasst, sowie mit seinen Gedanken über Gott und die Welt und vor allem übers Altern und den Tod wendet sich Kehr im Heim an zwei geduldige Zuhörerinnen: an die Heimkatze Funny und an die Fotografie seiner geliebten Enkelin Sophie. Bei ihnen findet er Trost.

Der junge Autor Frédéric Zwicker – er war bisher als Sänger und Texter der Band «Knuts Koffer» und als Slampoet in Erscheinung getreten – entwirft in seinem Erstlingsroman Hier können Sie im Kreis gehen ein stimmiges und zuweilen witziges Bild des Heimalltags. Durch seine genauen Beobachtungen, die in erster Linie aus der Sicht des Protagonisten Johannes Kehr wiedergegeben werden, erhalten wir Einblick in diese Wartehalle, den Vorhof des Todes mit seinen eigenen Gesetzen, wo das verschwinden der Kräfte und der Vernunft nicht das einzige Problem ist. Eine Welt, in der sich alles im Kreis dreht und tagtäglich wiederholt. Gleichzeitig treffen wir auf Figuren – von Kehr nicht ohne Ironie Insassen genannt –, die sehr stark typisiert sind: Da wären etwa der Schwerenöter und Frauenheld, der auch im hohen Alter seiner Libido frönt oder die fromme Christin, die allen mit ihrem missionarischen Drang das Leben schwer macht. Eine ganz eigene Typisierung denkt sich zudem Kehr aus: Er lässt seine Beobachtungen in ein Ordnungssystem einfliessen und unterscheidet dabei zwischen den Ausbrechern, die sich noch nicht mit ihrem Schicksal abgefunden haben und den «Schalenmenschen». Letztere wiederum teilt er in zwei Unterkategorien ein: die Stummen und die Nie-Verstummenden. Den Gang der Dinge beschreibt dann Kehr so: «Ein Ausbrecher resigniert nie. Bis er zum Schalenmenschen wird.» Auch wenn Zwicker die «Insassen» gar nicht nur in einem vorteilhaften Licht zeigt bzw. zeigen lässt, scheint er ihnen zumeist wohlgesinnt zu sein. Eine Zuneigung, die – so ist anzunehmen – Zwicker selbst im Pflegeheim als Zivildienstleistender aufgebaut hat. Diese Sympathie für die alten Leute wird auch durch die Kritik an unserer Gesellschaft, die Zwicker anhand Kehrs Gedanken einbringt, sichtbar. Er zeigt eine Gesellschaft, die das Altern und vor allem den Tod verdrängt und die Alten auf ein Abstellgleis schiebt.

Der in kurzen Kapiteln verfasste Roman stellt Kehrs Einsichten und Rückschauen knapp gehaltene Passagen gegenüber, die protokollarisch Situationen aus dem Pflegeheim wiedergeben. In ihnen ist zu sehen, wie meisterhaft Kehr seine Demenz dank wirrem Gerede und unerwarteten Handlungen vortäuscht. Mit diesem Perspektivenwechsel könnte ein vielstimmiger Roman entstehen, in dem der Geisteszustand von Kehr in der Schwebe hinge. Zwicker ist daran jedoch nicht interessiert, er beschränkt sich darauf, Johannes Kehrs gut einstudierten Verstellungskünste aufzuzeigen. Ausserdem ist dem Autor an einem gewissen Spannungsmoment gelegen: Die grösste Angst seines Protagonisten ist nämlich, aufgedeckt zu werden. Kehr befürchtet, der Alltag im Heim mit seinem ewig gleichen Ablauf könnte seinen noch wachen Geist einlullen und ihn dazu verleiten, aus seiner Rolle zu fallen. Die ultimative Herausforderung stellt für ihn dann gegen Ende des Romans das Auftauchen seiner grossen Jugendliebe Annemarie dar. Wie gerne würde er sich der neuen Heiminsassin öffnen, dennoch ist er darauf bedacht auch ihr seine Demenz vorzuspielen. Und als er bereit ist, sein Theaterspiel aufzugeben, ist es schon zu spät.

Revue de presse

Hier können Sie im Kreis gehen ist feinfühlig, witzig und ebenso traurig. (Miriam Lenz, SFD, 22. 8. 2016)

Altersdemente neigen zu irrationalem Verhalten, das Aussenstehende hilflos zurücklässt. Erschrockene Trauer kann eine Reaktion sein – oder aber ein herzhaftes Lachen. Die literarische Gratwanderung, beides einzufangen, ohne ins Respektlose abzurutschen, gelingt Zwicker beeindruckend gut. Ein feinfühliges Debüt. (Daniel Faulhaber, TagesWoche, 3. 9. 2016)

Die Gabe der genauen Wahrnehmung, die Kehr im Heim an den Tag legt, hätte man ihm auch für seine biografischen Passagen gewünscht. So lebt der Roman ungleich stärker von der Schilderung des Alltags im Pflegeheim. Gerade darum ist Hier können Sie im Kreis gehen ein mutiger Text. Er fasst das Existenziell-Unspektakuläre in Worte: was man den ganzen Tag lang tut, wenn man nur noch auf den Tod wartet. (Martina Läubli, NZZ, 6. 10. 2016)

Der Autor trifft einen Ton, der gekonnt zwischen Bitterkeit und Sarkasmus manövrirert. [...] Seine stärksten Momente hat der Roman dafür in Szenen wortloser Verzweiflung [...]. Auf der anderen Seite hat der Autor ein Händchen für die unfreiwillige Komik von Dialogen, die haarscharf aneinander vorbei- und zugleich auch im Kreis gehen. (Martin Ebel, Tages-Anzeiger, 19. 12. 2016)

Note critique

Après la mort de sa femme, Johannes Kehr, un homme âgé de 91 ans, décide de passer la fin de sa vie à l’hospice. Il feint souffrir de démence, multipliant les paroles confuses et des actions déconcertantes, mises en scène avec brio. Le jeune auteur Fréderic Zwicker s’est fait connaître jusque-là comme chanteur et auteur des paroles du groupe «Knuts Koffer», ainsi que comme slameur. Dans son premier roman Hier können Sie im Kreis gehen, il déploie un portrait tendre et plein d’humour sur le quotidien d’une maison de retraite. D’une façon intelligente et ludique, il se confronte aux sujets importants et sérieux de l’âge et de la mort. (Jörg Hüssy in Viceversa Littérature 11, 2017)