Hinter Büschen, an eine Hauswand gelehnt
Roman

Seit einigen Jahren gibt Vita Ostan an einem amerikanischen Ostküsten-College im Sommer einen Kurs in Journalismus. In einer exklusiven, geschlossenen Welt des Lernens und der Begegnungen – stark reglementiert und doch aufgeladen durch die Intensität des Zusammenlebens – entwickelt sich zwischen Vita und ihrem Studenten Zev eine ganz und gar ungebührliche Nähe.
Es ist die Zeit der Snowden-Enthüllungen und des weltweiten NSA-Skandals und Zev zeigt sich empört über die allgegenwärtige Überwachung. Die Dozentin und Erzählerin dieser Geschichte ist mehr als doppelt so alt wie Zev. Verwirrt, beglückt, bodenlos, gegen alle Regeln und Vorschriften verstoßend, lässt sie sich auf eine unmöglich scheinende Liebe ein. Gleichzeitig verändert sich Zev, was nicht ohne Folgen bleibt.
Spannend, entwaffnend, sinnlich und sarkastisch erzählt Zora del Buono von Verboten und dem Mut der Übertretung, von Überwachung und Gefahr und der Entschlossenheit zu lieben.

(Buchpräsentation C.H. Beck Verlag)

Wahn und Wirklichkeit

de Beat Mazenauer

Im Sommer 2013 wurden die Enthüllungen von Edward Snowden publik. Mit einem Mal herrschte Gewissheit darüber, was bisher bloss erahnt werden konnte: Wir werden flächendeckend überwacht. Der Whistleblower Snowden und die NSA-Affäre sorgen auch an einer amerikanischen Sommeruniversität in New England für Gesprächsstoff und mulmige Gefühle. Hier im Grünen haben Schüler und Lehrer zusammen gefunden, um sich während ein paar Wochen in den verschiedensten Sprachen zu üben – English forbidden. Aus Berlin ist die Erzählerin für einen Kurs in deutschsprachigem Journalismus angereist. Die Atmosphäre unter den Lehrpersonen gleicht jener der vorangegangenen Jahre. Man kennt sich. Es wird doziert, getratscht, geliebt und diskutiert. Wenn kleine Eifersüchteleien ins Spiel kommen, kann die lockere und politisch jederzeit korrekte Stimmung auch schnell umschlagen.

Gemeinsam mit ihren Schülern will die Erzählerin eine Campus-Zeitung produzieren. Dafür kommen der Whistleblower Snowden und die NSA wie gerufen. Während sich die amerikanischen Medien bedeckt halten, wird in der deutschen Presse ausführlich darüber berichtet. Speziell Zev, ein ebenso sonderbarer wie begabter Schüler, ereifert sich und will Snowden mit einem «ultimativen Spionage-Artikel» beistehen, auch wenn der bloss in einer Auflage von 40 gedruckt werden würde.

Zev ist der Erzählerin gleich aufgefallen: mit seiner rebellischen Lässigkeit wie mit seinem etwas altklugen Eifer. Er scheint ihre Nähe zu suchen, was sie erstaunlicherweise nicht stört – im Gegenteil, wie sie sich insgeheim eingesteht. Eine Bewährungsprobe bietet sich für Zev, als die NSA tatsächlich für eine Werbeveranstaltung auf dem Campus erscheint. Die Geheimdienstarbeit kann fremdsprachliche Studenten gut gebrauchen. Eines Nachts auf dem Heimweg begegnet die Erzählerin zudem einem alten Hippie namens Dave, mit dem sie ebenfalls über die NSA ins Gespräch kommt. Dave ist ein «echter Linker», der die Amerikaner für «das ignoranteste Volk der Welt» hält – allein sein Sohn, gesteht er beschämt ein, arbeitet für die NSA. Die Erzählerin fragt ihn, ob sie nicht ihren Studenten Zev bei ihm vorbeischicken dürfe.

Unter allgegenwärtiger (Selbst-)Beobachtung verändert sich die Atmosphäre. Zum einen kommt die Begegnung zwischen Zev und Dave vorerst nicht zustande – aus Furcht vor der NSA? Zum anderen erwärmt sich das emotionale Klima zwischen Zev und der Erzählerin ganz sachte. Ist Zev in sie verliebt, fragt sie sich, nicht frei von Genugtuung und sich zugleich bewusst, dass sie seine Mutter sein könnte. Anfang August nimmt die Stimmung gar paranoide Züge an. Zev fürchtet, selbst schon auf einer NSA-Liste zu stehen und flüchtet sich aus Angst in obskure Verschwörungstheorien. Mit Dave trifft er sich bloss «hinter Büschen», um jede Aufmerksamkeit zu vermeiden. Die Erzählerin wiederum verliebt sich in die Idee, womöglich selbst verliebt zu sein: Weshalb sollen sich eine ältere Frau und ein jüngerer Mann nicht lieben können?

Zora del Buono fängt diese von feiner Spannung aufgeladene Stimmung diskret ein. Alles bleibt in der Schwebe. Zev und die Erzählerin ziehen sich gegenseitig an, behaupten aber bis (fast) zuletzt ihre unterschiedlichen Rollen als Lehrerin und Schüler, «Mutter und Sohn», und überschreiten sie nur in Gesprächen und Gedanken. Zev sinniert seinen geheimdienstlichen Verschwörungen nach, und die Erzählerin fragt sich immer dringlicher, weshalb eigentlich in der Literatur nur alte Männer mit jungen Frauen, nicht aber reife Frauen mit jungen Liebhabern vorkommen. So laden sich Begehren und Paranoia wie kommunizierende Röhren gegenseitig auf. Das ist klug, genau und mit subtiler Zurückhaltung erzählt. Die Erzählung zehrt von der Spannung, ob es zu dem kommt, was zu erwarten wäre, oder eben gerade nicht. Dabei zeigt sich, dass die Überwachung nicht erst bei den Geheimdiensten beginnt. Mit Ironie beschreibt Zora del Buono das Leben in dieser «Wattewelt» auf dem Campus, die durch Kontrollmechanismen aller Art geregelt ist: durch public safety, sexual harrassment und political correctness in allen Fragen von Intimität, Religion und Gesundheit.

Während Zev in eine Wahnwelt der Verfolgung flüchtet, tritt die Erzählerin in Zwiesprache mit Roland Barthes' Fragmente einer Sprache der Liebe. Lässt sich unter solchen Umständen zusammen kommen? Gefühle der Ohnmacht und Angst versperren (wie Barthes schreibt) die Wege zur Empfindsamkeit gleichermassen wie zu einer frei ausgelebten Civilité. Stattdessen drängt es die Menschen im Privaten zu paranoider Vorsicht, längst bevor die NSA ihre Daten auswertet. So halten Roland Barthes und Edward Snowden gemeinsam auf je eigene Weise der Gesellschaft einen Spiegel vor.

Und dennoch könnte es sein, dass all das Gemunkel über permanente Sicherheitsüberprüfungen wahr wäre. Und die Studentin Lisa womöglich gar keine Evangelikale, sondern eine verdeckte Mitarbeiterin des CIA. Und vielleicht ist der verschwundene Zev nach Italien geflohen. Dahin jedenfalls will ihn die Erzählerin suchen gehen.