Granada Grischun
Erzählungen

Ein Mädchen verliert mit sieben seinen einzigen Freund – und versinkt fortan in viel zu großen Gummistiefeln. Ein anderes wartet sehnsüchtig auf Schnee, denn seine Eltern haben ein Skigeschäft: Kein Schnee und sie sind verloren. Sommer heißt Freibad, und das gehört den Girls. Sie entdecken hier zum ersten Mal die Schönheit der Jungen. Wenn sie hingegen in der Turnstunde die stinkende Seraina quälen, überkommt sie die Lust an Gewalt.
Romana Ganzoni erzählt einmal poetisch, dann explosiv und immer überraschend von den Beben einer Kindheit im Engadin und den Nachbeben im Heute. Mit einer bildreichen, kraftvollen Sprache sticht sie in eine Zeit, in der die Welt am Bahnhof endet, Bäche und Kinder zusammengehören und die Menschheit sich in Katholiken und Protestanten aufteilt.
Manchmal entpuppen sich die Erzählungen auch als Hommage – an Herrn Baumann, mit dem man im Speisewagen eine Baumhütte baut. Oder an den Vater, der tanzen konnte wie ein Gott, wenn er »Öl am Hut« hatte, und noch eine Rechnung offen hat, in Granada.

(Buchpräsentation Rotpunkverlag, Edition Blau)

Eine ruppig-schöne Berglandschaft

de Martina Keller

Zwanzig Geschichten präsentiert Romana Ganzonis in ihrem Debütwerk Granada Grischun. Eine solche Erzählsammlung fragt unweigerlich nach ihrem Zusammenhang; die einzelnen Geschichten werden wie Puzzleteile zusammengefügt, in eine Reihenfolge gesetzt und zwischen zwei Buchdeckeln versammelt. Zusammen müssen sie keine schlüssige Geschichte ergeben, wohl aber ein stimmiges Gesamtbild. Und das ist Romana Ganzoni mit Granada Grischun besonders geglückt. Die Geschichten, von denen einige Ganzoni-Kennern auch schon aus anderen Kontexten bekannt sind, passen in Atmosphäre und Ton gut zusammen, sind aber doch sehr unterschiedlich und ergeben durch ihre Reihenfolge ein abwechslungsreiches und gut komponiertes Ganzes. Kleine, feine Motive ziehen sich unaufdringlich durch den Erzählband und tauchen in verschiedenen Texten auf: der rote Lippenstift, der seinen Trägerinnen Halt gibt oder die Gummistiefel, die trösten, die Polenta mit viel Butter und natürlich das Schreiben.

Viele Geschichten erzählen von einer besonderen Kindheit im Bündnerland, wie zum Beispiel «Die Gummistiefel», «Raketenglace» oder «Der Schäferhund». Ein kleiner Tümpel neben dem Bahnhof ist der Lieblingsorts des Mädchens in «Die Gummistiefel», dort beobachtet es die Züge, die Kaulquappen und ihre Veränderungen. Die grünen Gummistiefel ihrer Mutter geben ihr Halt: «Ich trug die Stiefel im Garten beim kleinen Todesbassin, ich trug sie beim Tümpel, ich trug sie in der Schule, wenn mich die Mädchen schlugen» und vielleicht trug sie sie auch, als sie mit ihrem Freund, der schon mit zehn Jahren gestorben ist, Schwarzer Peter spielte? Romana Ganzoni erzählt unaufgeregt und poetisch. Gekonnt und ganz natürlich nimmt sie die kindliche Perspektive ein. Mit wenigen Pinselstrichen vermag sie es, ihren Figuren Kontur zu verleihen und ein Gefühl für die Stimmung der Geschichte zu erschaffen. Die tragischen Momente des Geschehens flicht sie in Nebensätze ein, die ganz unscheinbar daherkommen und deshalb umso eindringlicher sind. So verleiht sie ihrer Sprache viel Gewicht, jedes Wort trägt etwas bei und jedes Satzglied hat das Potenzial, die Geschichte zu verändern.

Besonders gelungen sind «Der Kanister» und «Alberto Juantorena»; sie vereinen alles, was andere Erzählungen ansatzweise aufweisen, in sich und entfalten eine starke Wirkung. In beiden ist die Bergwelt in ihrer Schönheit und gleichzeitig in ihrer Grausamkeit nicht nur Kulisse, sondern wird zur Mitgestalterin der Geschichte. In «Der Kanister» strandet die junge Frau Bruna auf der Passhöhe mit einer Autopanne. Es ist ein Moment, in dem alles auf der Kippe steht. Das Auto war ein eher widerwillig akzeptiertes Geschenk ihrer Mutter, zu der das Verhältnis schwierig ist. Das offene Ende der Erzählung wirkt umso erschütternder. In «Alberto Juantorena» geht es um ein Mädchen, das rennt. «In die Dämmerung zu rennen, ist das Grösste» sagt die Protagonistin zu Beginn und läuft los, bergwärts in Richtung Piz Champatsch. «Ich bin so leicht, dass ich auf dem Meer gehen kann, auf der Gischt, die mich trägt, so leicht, dass es egal ist, ob ich hier bin oder nicht». Die junge Frau rennt viel, angetrieben von ihrem Vater, der ihr Tipps gibt, sie rennt viel und isst wenig, bis sie am Schluss fast davonfliegt.

Um das Schreiben, die Frage, woher die Geschichten kommen, wie man sie einfängt und was man mit ihnen anstellen kann, drehen sich viele Texte, die aus der Welt der erwachsenen Autorin stammen. Eine Erzählerin wünscht sich eine Seidenblume, die sie sich ins Haar stecken könnte, als Zeichen, dass sie nicht angesprochen werden will, wenn sie mitten in ihrer Schreibarbeit, während die Geschichte zuhause auf dem Glastisch wartet, Reibkäse und Butter für die Polenta kaufen muss. Geschichten wie «Die Seidenblume» sind in ihrer Anlage und Ausführung etwas weniger packend, fügen sich aber gut in den Erzählband ein und haben vielleicht ihre Notwendigkeit als Gegenpol zu den tragisch-schönen Kindheitsgeschichten.

Die Ausgewogenheit von Granada Grischun widerspiegelt sich auch in der Struktur der einzelnen Texte. Einige beginnen ruhig, mit kurzen Sätzen und führen langsam in die Geschichte ein. Manche sind zirkelförmig komponiert und kehren am Schluss zur Anfangssituation zurück, wie in der ersten Erzählung des Bandes, «Der Lippenstift»: Eine Frau zieht sich die Lippen mit Rouge Allure, Nr. 14 Passion nach, sie erinnert sich an ihre Kindheit, an das Osterfest und zieht sich am Ende der Erzählung die Lippen nochmals nach. Wieder andere beginnen mit einem langen, verschachtelten Satz, der von neuen Informationen nur so übersprudelt und einen direkt in das Geschehen hineinzieht. Diese Geschichten treiben einen immer weiter, mit unbekanntem Ausgang. So ist Granada Grischun eine sowohl thematisch auch als formal abwechslungsreiche und atmosphärisch dichte Erzählsammlung – mit einigen Tiefen, aber auch vielen Höhen, wie eine ruppig-schöne Berglandschaft.