Konrad, Felix und ich
Roman

Da war Konrad, das Auto raste auf ihn zu, das Auto bremste nicht.

Nora weiss: Ihr Bruder kommt nicht mehr nach Hause. Nora sieht: Die Eltern liegen auf dem Bett des Bruders. Nora beobachtet: Felix ist verstummt und wird durchsichtiger.

In der Sommerhitze meldet sich immer wieder die Radiosprecherin zu Wort. Ihre Stimme begleitet Nora auf den Dachboden, in den Keller und hinter die Himbeersträucher der Nachbarin, wo es einiges zu entdecken gibt.

Und Nora hat eine Idee, wie es weitergehen könnte, und auch Oma Ida treibt vieles um.

Am Geburtstagsfest hat Nora nicht nur eine Vorstellung vom Sterben, sondern auch eine leise Ahnung davon, wie man auf die Welt kommt.

(Buchpräsentation verlag die brotsuppe)

Critique

de Martina Keller

Gleich drei junge Schweizer Autorinnen erzählen in diesem Jahr in ihren Debüts aus dem Blickwinkel eines Kindes. Julia Webers Protagonistin Anais berichtet in Immer ist alles schön vom Leben mit ihrer depressiven und alkoholabhängigen Mutter, die namenlose Erzählerin in Luise Maiers Dass wir uns haben von einer kranken Mutter und einem gewaltbereiten Vater. Und auch Isabelle Ryf nimmt in ihrem Erstlingswerk Konrad, Felix und ich die Perspektive eines kleinen Mädchens, Nora, ein. Den drei Romanen ist nicht nur das junge Alter der Erzählerinnen gemein, alle drei behandeln sie ernste, traurige, so gar nicht kindgerechte Themen wie Gewalt, Armut und im Fall von Konrad, Felix und ich den Tod des Bruders Konrad. Doch gerade diese (vermeintliche) Diskrepanz zwischen einer kindlichen Erlebenswelt und dem Ernst des Lebens machen diese drei Bücher zu etwas Besonderem. Die kindliche Perspektive vermag es, die schwierigen Situationen, mit denen die Figuren konfrontiert sind wertfrei, dennoch eindrücklich und präzise in einer ganz eigenen Sprache zu beschreiben.

Isabelle Ryfs Erzählerin Nora ist im Kindergartenalter, ihre beiden Brüder Konrad und Felix waren in einen schweren Autounfall verwickelt; Felix überlebt, Konrad stirbt.

Wie ein ganzes Auto sticht, müsste man Konrad fragen. Kann man Konrad nicht mehr fragen. Wie weh ein ganzes Auto tut.

Nora erzählt von der Traurigkeit in ihrer Familie nach diesem tragischen Ereignis, von den Eltern, die wie zwei Schiffbrüchige auf Konrads Bett liegen, von ihrem Bruder Felix, der fast durchsichtig wird. Sie erzählt subjektiv und lückenhaft. Mit ihrer bildhaften, poetischen Kindersprache schafft sie eine eigene Welt, mit eigenen Begriffen und Vorstellungen, von der die Leserinnen und Leser immer wieder eine kleine Ahnung erhalten, wobei vieles aber auch verborgen oder unscharf umrissen bleibt.

Nora stellt viele Fragen: «Wer hat Konrads Schuhe weggeräumt?» «Traue ich mich, ihn genau anzuschauen?» «Wie muss man schauen, damit es eine gute Erinnerung wird?» «Hat Mutter vergessen, dass ich mir schon selbst die Schuhe binde?» Sie stellt diese Fragen manchmal ihrem Bruder Felix, um ihn wachzurütteln, manchmal der Frau im Radio, die immerzu redet, manchmal auch einfach ins Leere. Diese Fragen schaffen viel Raum im Roman und zeigen, dass die Traurigkeit aus ganz vielen Fragen besteht. Sie zeigen, wie sich Nora mit Dingen beschäftigen muss, die zu gross sind für sie. So stellt sie Fragen, beschreibt Symptome von Ursachen, die sie nicht ergründen kann, sucht Bilder für Dinge, die sie nicht versteht. Begleitet wird sie immer von der Frau im Radio, deren Stimme sich manchmal sogar mit Noras Stimme vermischt. Diese Radiostimme dient ihr gleichzeitig als Unterhaltung, als Dialogpartnerin, als Sprachrohr für alles, was sie selbst nicht aussprechen kann, als Projektionsfläche, und sie füllt die Leere im Haus der Familie.

Durch ihre Erzählung flechten sich kleine Motive, manchmal nur als Andeutungen, die den Text wie ein Mosaik erscheinen lassen, aus kleinen fassbaren und sagbaren Stücken, die nur ein Bruchteil der ganzen Traurigkeit sind. Nora beschreibt die Bäuche der Vorhänge, ihr eigenes Bauchweh, sie erzählt, dass es Fischstäbchen gab, die sich im Backofen die Bäuche verbrannt haben, als die Mutter die Nachricht von Konrads Tod erhielt. Daraufhin wird Mutter stumm wie ein Fisch, das Aquarium mit den Fischen steht im Wohnzimmer, die Fische müssen gefüttert werden. Konrad wurde von einem Auto überfahren, und immer wieder verliest die Frau am Radio die Staumeldungen, Nora besucht mit ihrer Oma Ida das Einweihungsfest der neuen Strasse im Dorf. Es entsteht ein feinmaschiges Netz, wie ein Auffangnetz aus Wörtern, Gedanken, die zusammenpassen, die wieder neu eingeordnet und anders konnotiert werden. So zeigt der Roman auch keine grosse Entwicklung auf, vielmehr ist er ein Standbild der Traurigkeit einer Familie. Dies aber in all seinen Facetten – Nora macht sich viele Gedanken über den Tod, stellt sich vor, wie sie von einer Katze aufgefressen wird, von der Friedhofmauer herunterfällt, hört am Radio, wie Kinder ertrunken sind, sieht tote Mäuse, Frösche und Vögel. Bisweilen ist Nora wütend, dass ihre Eltern von Konrad, statt von ihr träumen: «Wenn ich in den Träumen der Eltern mitspielen könnte, wäre es mir weniger langweilig». Wütend, dass Felix still um seinen Bruder trauert, nicht zur Schule geht und nicht mit ihr spielt. Manchmal geht auch einfach der Alltag weiter, mit einem Zahnarztbesuch, einem Schulausflug ins Schwimmbad, wo Nathanael Simon die Badehose wegnimmt und dieser weinen muss.  Insbesondere Oma Ida sorgt immer wieder dafür, dass das Leben weitergeht. Zusammen mit Nora geht sie in die Apotheke, wo die beiden eine kleine weisse Schachtel holen – die Apothekerin sagt, das Ergebnis erscheine nach drei Minuten - und sie der der Mutter bringen.

Mit ihrer Hauptfigur Nora schafft Isabelle Ryf eine feinfühlige, beobachtende Erzählerin, die sich ihres Stoffs aber gar nicht richtig bewusst ist. Durch diese kindliche Perspektive wird deutlich, wie das Erzählte die Erzählerin übersteigt, wie sie eigene Begriffe für Unverständliches und Unerklärbares suchen muss – und so findet Ryf eine wunderbar passende Sprache für den Tod und die Traurigkeit.