3511 Zwetajewa

«Mondlicht steht am Wasser. Der Mann steht am Ufer.
Die Nacht – kalt auf seiner Haut. Er schliesst die Augen.
Stellt sich vor, er nähme den Mond und versänke ihn im See.
Stellt sich vor, er nähme die Sterne und versänke sie im See.
Stellt sich vor, er nähme den Abgrund Himmel und versenke ihn
im Abgrund See. Dann öffnet er die Augen, tut es – –»

Achilles rast mit 130 ohne Rücklicht und Rücksicht durch die Nacht. Der Krieg um Troja tobt noch immer. Während der attische Held, aus Zeitmangel ungeduscht und blutverschmiert, zwanzig Minuten nach Ende der Schlacht eine Pressekonferenz gibt und Simone Weil zitiert, schreibt Westermann mit rauchender Feder eine Kantate aus infinitesimal klein scheinenden Intervallen der Reflexion. Waren wir eben noch mit Tschechow unterwegs, dürfen wir nun mit dem Dichter unter dem Wahrzeichen jenes Asteroiden, des Planetesimalen mit dem Namen 3511 Zwetajewa, durch das Leben seiner Namensgeberin gehen. Briefe, Bilder, Beziehungen bringt er dabei auf den Vers: «Sie glaubte an das Gute im Menschen, daran, / dass dem, der Gutes tut, auch Gutes widerfährt.» Am Ende wird ein ganzer Kosmos zu versenken sein. Doch aus Levin Westermanns Sprachinfinitesimalen werden Sehnsüchte neu entstehen.

(Buchpräsentation Matthes & Seitz)

«Sie war niemals hilflos, doch immer schutzlos.»

de Beat Mazenauer

Der 1980 geborene Levin Westermann weiss, dass Poesie nie allein für sich steht, sondern das Gespräch mit anderen Dichtungen sucht. «Ich begann zu schreiben, weil ich mit den Toten Freundschaft geschlossen hatte», zitiert er im Vorspann die amerikanische Lyrikerin Mary Ruefle. Sein zweiter Gedichtband ist eine solche Auseinandersetzung mit der poetischen Vergangenheit. Die titelgebende Dichterin, nach der 1982 ein kosmischer Kleinstplanet namens «3511 Zwetajewa» benannt wurde, geleitet den Autor ins Reich der totalen Losgelöstheit: «Sie war niemals hilflos, doch immer schutzlos.»

Durchsetzt mit Zitaten aus Briefen und Tagebüchern der Zwetajewa protokolliert Westermann eigene Wege und Gänge zu präzise notierten Uhrzeiten an den See, in den Wald oder durch die menschenleere Stadt. Diese Zeilen antworten auf die Heimatlosigkeit der Dichterin – auch wenn das lyrische Ich genau weiss, dass es selbst bloss eine leise Ahnung davon erlebt und stets eine immense Differenz bleibt. Während sich der schlaflose Dichter bei Nebel und Dunkelheit seiner selbst gewahr wird, versuchte sich seine fiktive Gesprächspartnerin ganz zu verlieren, um sich zu behaupten: «Ich bin ich: unsichtbar.» Diese Differenz hält Levin Westermann stets aufrecht. Eingedenk der unvergleichlichen historischen Kontexte arbeitet sein poetischer Dialog eher eine emotionale Gleichgestimmtheit heraus, und vielleicht eine «Ebenbürtigkeit der Anstrengung» (so Zwetajewa).

Diesem Zyklus vorangestellt sind zwei weitere poetische Konfrontationen sowie eine Präambel. Sie alle führen in die Tiefe, in die Untergründe der Welt. «Tschechow: eine Reise in zehn Teilen» führt das lyrische Ich auf einer traumwandlerischen Fahrt durch die Zeit, die alles ist und nichts: ein «zug der entgleist», eine «zukunft ohne dich», oder lediglich ein Konzept. Anton Tschechow geht dabei voran, entwirft in langsamen Blickwechseln die «landschaft wie ein grab, an dem man schweigt». Im Bewusstsein des gesamten Zyklus hallt stets die erste Zeile nach: «die röntgenbilder liessen keinen zweifel zu» – wie ein Menetekel?

Kassandra, die Unglücksprophetin, die hier schon präsent ist, taucht auch im zweiten Zyklus «A plume of smoke» auf. Sie liegt träumend im Kofferraum des mit 130 dahin rasenden Achilles. Der will nach Hause, «am Rücksitz scheppert Beutekunst». Die homerische Ilias erscheint in neuem Licht, durchsetzt mit englischen Sprachfetzen und unausgesetzt kriegerischem Getöse.

Achilles brummt der Kopf. Die gestrige Pressekonferenz

war ein Desaster. Zwanzig Minuten nach Ende der Schlacht

– all die Mikrofone. Er hatte da noch nicht einmal geduscht,

war blutverschmiert, verschwitzt und stank, und alle

starrten sie ihn an und stellten ihre gottverdammten Fragen.

Die sieben Strophen des Zyklus hat Levin Westermann mit sieben denkwürdigen Zitaten aus einem Essay von Simone Weil: «Die Ilias oder das Poem der Gewalt» (1940/41), überschrieben. Aus heutigem Blickwinkel historisiert er derart den antiken Gewaltbericht zweifach und vergegenwärtigt ihn doppelt.

In allen vier Teilen, die einleitende «Expedition» mit eingeschlossen, gelingt es Levin Westermann auf eine radikal moderne innerliche und zugleich sich schonungslos veräusserlichende Weise, starke Stimmungen zu schaffen. Seine poetische Bildsprache ist kräftig und düster, sie lässt aber stets auch eine vielleicht sarkastische Ironie anklingen, die den Zug ins Pathetische bricht. Allem voran die Zitate von Marina Zwetajewa zeichnen das Bild einer verlorenen Seele. «Marina lächelt nicht» beschreibt sie der Dichter auf einer Fotografie – und doch spielt ein weicher Zug um ihre Lippen, weil sie Frieden in ihrer Poesie gefunden hat, mit der sie als einsames Gestirn an unserem Himmel steht. In «3511 Zwetajewa» tritt Levin Westermann mit ihr auf ebenso dunkle wie schillernde Weise ins Zwiegespräch.