Glück besteht aus Buchstaben

Wir lesen aus Interesse, aus Vergnügen, aus Wissbegier. Die Gebanntheit, das Staunen, das innerliche Zittern, das wir als Kinder erlebten, daran erinnern wir uns vage. Karin Schneuwly erzählt in ihrem Leseverführer von diesem Gefühl und erweckt es zu neuem Leben. Als Kind eroberte sie sich die Welt der Literatur gegen alle Widerstände ihrer Familie und der Umwelt und las manisch jedes Buch, das sie in die Finger bekam. Anhand ihrer Lektüren von Heidi bis zu Krieg und Frieden lässt Schneuwly diese Verzauberung neu entstehen, die Neugier und die Jagdlust, die einen nie wieder loslassen. Eine wunderbar erzählte Buch- und Büchergeschichte, die selbst das Glücksgefühl hervorruft, das nur Lesen bewirkt.

(Buchpräsentation Nagel & Kimche)

Ein Porträt der Autorin als junge Leserin

de Ruth Gantert

Vom Glück des Lesens, Leselust, Leseverführer, Warum Lesen glücklich macht, Lesen macht glücklich – dies nur einige Buchtitel, die in den letzten Jahren lauthals die euphorisierende Wirkung der Literatur verkündeten. Und nun das literarische Debüt Glück besteht aus Buchstaben der Texterin, Lektorin und Korrektorin Karin Schneuwly, ehemals mitverantwortliche Programmleiterin im Literaturhaus Zürich – reiht es sich wohl nahtlos in die Serie ein? Auf dem Cover ist in rotem Schattenriss eine in der Hängematte liegende, lesende Frau zu sehen. Doch vom ersten Satz an wird klar, dass es der Erzählerin weder um Glück noch um Entspannung und schon gar nicht um Weltflucht, sondern vielmehr um Erkenntnis geht:

Mein Vater hat keine Bücher gelesen. Deshalb kann ich heute nicht genau sagen, wer er war.

«Sag mir, was (und wie) du liest, und ich sage dir, wer du bist» – diese Maxime bildet den Hintergrund, vor dem die Erzählerin zuerst ihre Familie, dann Schulkameraden, Freundinnen und schliesslich erste Liebes- oder Sexualpartner vorstellt. Natürlich schreibt sie auch und vor allem über ihre eigenen Lektüren, von den frühen Pixi-Büchern bis zu Elfriede Jelineks Klavierspielerin, von den Enid Blyton-Bänden, die sie in der Bibliothek ausleiht, bis zu den ersten selbstgekauften Werken (für mehr als zwei Taschenbücher reicht das Geld noch nicht), von Tolstois Krieg und Frieden, über den sie im Gymnasium einen Vortrag hält, zu Fontanes Effi Briest, wegen der sie als Germanistikstudentin eine Prüfung wiederholen muss, da sie Effis Hündchen nicht mit Namen kennt.

So entsteht eine Lesebiografie, der man gerne und mit Gewinn folgt, gerade weil das Lesen der Erzählerin nicht in die Wiege gelegt wurde. Der Vater überflog die Sportzeitung und blätterte – als Messner – in den Evangelien, die Mutter las Heftgeschichten und Arztromane. Drei Bücher standen in der elterlichen Wohnung: ein medizinisches Handbuch mit farbigen Abbildungen, Meinrad Inglins Güldramont in Frakturschrift und Reinhold Messners Bergsteigerbuch Die Extremen. Ein viertes Buch findet die neugierige Tochter später im Schlafzimmer der Eltern versteckt. Sie selbst fühlt sich manchmal als Kuckuckskind in einer fremden Familie mit ihrer Lesesucht, deren Etappen sie nacherzählt, wobei sie ausführlicher von den Kinder- und Jugendlektüren als von den Büchern ihres erwachsenen Lebens spricht. Da ist es von Vorteil, wenn man die genannten Werke der Weltliteratur kennt, denn die Erzählerin erwähnt sie oft ohne sie vorzustellen, und erörtert lieber die Rolle, die sie in ihrem Leben spielten.

Gegenüber anderen, meist männlichen Lesebiografien präsentiert sich die vorliegende wohltuend unprätentiös und uneitel: Die Erzählerin hat weder mit zehn Jahren bereits Goethe und Nietzsche gelesen, noch gibt sie mit einer beruflichen oder privaten Erfolgsgeschichte an. So schafft sie den Übergang von der Kinder- zur Erwachsenenliteratur erst spät und verschlingt zuerst Erfahrungs- und Therapieberichte, bis die Deutschlehrerin der Oberstufe ihren Sinn für die Literatur zu wecken vermag. Über das Germanistikstudium und die damit verbundenen Lektüren erfahren wir fast nichts – und auch die entscheidenden privaten Ereignisse werden erst im letzten Kapitel erwähnt: Die Erzählerin verbringt ihre Silvesterferien mit Mann Jean und Sohn Armand im Lake District. Bücher erscheinen dabei als Auslöser von Konflikten, in der Partnerschaft wie auch in der Kindererziehung: Jean ist kein grosser Leser und stört sich daran, wie wichtig ihr ihre Bibliothek ist. Sie sind sich uneins über die Interpretation von Julian Barnes’ Als sie mich noch nicht kannte oder darüber, ob der Sohn bei Tisch Comics lesen darf. Der Epilog vermittelt also keineswegs ein Gefühl des «Angekommenseins», sondern zeigt die kleine Familie in einem fragilen Gleichgewicht, einer sprachlich schön gestalteten Schwebe – passend zum Jahresübergang – voller Zweifel, Erwartungen und Wünsche.

Die Literatur vermag den Glücks- und auch den Erkenntnisanspruch ebenso wenig einzulösen wie das Leben, so scheint es – vermutlich sind unsere Erwartungen, Beweggründe und Reaktionen in beiden Bereichen oft unangemessen. Ehrlich und direkt erzählt die Leserin, wie häufig ihre Wahl der Bücher statt von echtem Interesse für deren Inhalt oder Sprache von Faktoren wie Geltungssucht oder emotionaler Bedürftigkeit abhing. So legte sie in der Bibliotheksausleihe noch ein Werk von Thackeray zu Hanni und Nanni, weil sie die Bibliothekarin beeindrucken wollte, oder quälte sich später, als sie in einen viel älteren Arbeitskollegen verliebt war, durch die von ihm empfohlenen Bücher von Whitehead und Habermas.

Trotz dieser manchmal erschreckenden Abhängigkeit vom Blick der anderen erreicht – oder erhält sich – die Erzählerin eine originelle Sichtweise. Ihre Grossmutter prägte einen Ausdruck für Allgemeinplätze, die sie hinterfragte: Sie sagte, etwas sei «in der Meinung», trüge sich in Wirklichkeit aber ganz anders zu. Treu der geliebten Grossmutter versteht es die Enkelin, der «Meinung» auszuweichen und eigenständige Gedanken zu entwickeln – zum Lesen wie auch zum Leben. Für ihre Erinnerungen von Lektüren, Erlebnissen und Fantasien findet sie auch eine eigene Sprache, die zwar manchmal mit weit hergeholten oder schiefen Vergleichen irritiert, meistens aber passt und überzeugt.

Mögen die beschriebenen Lektüren auch schemenhaft bleiben, so kennt man am Schluss des Buches, zumindest teilweise, die Lesegeschichte der Erzählerin. Doch weiss man dadurch auch, wer sie ist? Da es ihr nicht an Mut zur Auslassung mangelt, bleibt ihre Biografie unvollständig und lückenhaft – doch es entsteht durchaus ein faszinierendes, vielschichtiges Bild der Leserin.