Flechten
Roman

Wer bin ich? Diese Frage ist für Anna nicht einfach zu beantworten, denn sie ist ein eineiiger Zwilling. Und eineiige Zwillinge sind eine einzige Zumutung. Sie ist aus dem bündnerischen Bever nach Zürich gezogen, um Biologie zu studieren. Nun arbeitet sie in der Flechtenforschung, während ihre Schwester Leta sich der Fotografie widmet. Beide betrachten die Welt durch eine Linse: Anna durch das Mikroskop, während Leta seit der Kindheit obsessiv Anna fotografiert. Als Anna nach Treviso zur Eröffnung von Letas Fotoinstallation «Observing the Self» fährt, fühlt sie sich von ihr verraten, missbraucht und ausgelöscht. Denn Leta hat das einzige Zeichen, das sie beide unterscheidet, wegretuschiert. Barbara Schibli gelingt ein packend-poetisches Frauenporträt in ihrem originellen Debütroman, in dem sie gekonnt Kunst und Wissenschaft mit der Frage nach Identität in der modernen Gesellschaft verwebt.

(Buchpräsentation Dörlemann)

Zwillingsflechten

de Beat Mazenauer

Flechten sind spezielle Organismen. Was von blossem Auge wie ein einheitlicher Teppich aussieht, der sich über Steine oder Geäst legt, erscheint unter der Lupe als ein symbiotisches Miteinander von Pilzen und Algen. Im Zuge der Evolution haben sie zusammen gefunden und kommen nicht mehr voneinander los, ohne sich selbst zu schädigen. In vergleichbarer Weise kommen Zwillinge, speziell eineiige Zwillinge, nicht ohne Schaden voneinander los – auch wenn sie dieselben Gene haben und sich sehr ähnlich sehen. Aus ihrem Spezialgebiet kennt Anna den Unterschied zwischen einer pflanzlichen Symbiose und einer menschlichen Ähnlichkeit aus einer gemeinsamen Eizelle.

In ihrem Debütroman verknüpft Barbara Schibli die beiden Motive zu einer Symbiose aus Naturbeobachtung und psychologischer Innenschau.  Anna und Leta sind eineiige Zwillinge, auch wenn sie sich in vielem nicht einig sind. Sie sind in den USA aufgewachsen, doch als sich der Vater von der Familie lossagte, kehrte die Mutter mit den beiden inzwischen sechsjährigen Mädchen in die Schweiz zurück. Die Gleichgestimmtheit erhielt schon damals einen feinen Riss, als Leta vom Vater eine Fotokamera geschenkt erhielt, weil sie in sein Geheimnis eingeweiht war. «I love men», hatte sie zufällig ihren Vater sagen hören. Anna würde davon erst viel später erfahren.

Dennoch verbindet die Kamera die Schwestern auch. Während Leta die ganze Kindheit und Jugend hindurch wie eine Besessene abdrückt, setzt sich Anna willig und gern als Modell vor der Linse in Szene. Die Linse verbindet die beiden zu einem symbiotischen Organismus. «Jede Fotografie bezeugt: In diesem Moment war ich nicht allein. Das beruhigt ungemein: zu zweit an einem Ort.» Dennoch trennen sich die Wege der inzwischen jungen Frauen.

Barbara Schibli erzählt aus der Perspektive von Anna, die in Zürich wohnt und sich intensiv mit ihren Flechten beschäftigt. Anna mag diese Organismen, die jene Biotope bewohnt, auf denen andere Flora oft nicht mehr gedeiht. Sie besänftigen ihre innere Unruhe, die sie umtreibt und ihr doch keine Richtung weist. Vielleicht auch deshalb hat sich Anna für eine universitäre Exkursion in ein finnisches Naturreservat angemeldet. Zuvor aber wird sie von Leta gebeten, an der Vernissage ihrer Fotoausstellung anwesend zu sein. Ein naheliegender Wunsch, umfasst diese Ausstellung doch nur Bilder von Anna, festgehalten von ihrem Zwillings-Alterego. Ihre Präsenz macht die Schau mit dem vieldeutigen Titel «Observing the Self» zum irritierenden Spiegelkabinett – für das Publikum wie für sie selbst. «Das Gesicht wird zur Kippfigur, mal ist es ihres, mal meins.»

Jählings bemerkt Anna jedoch, wie Leta die einzige kleine Differenz zwischen ihnen aus den Bildern wegretuschiert hat: eine Narbe auf der Wange. Als sie vierzehn waren und beide bekifft und vom Fotografieren ermüdet abhingen, wurde sie von Leta in einem aufwühlenden emotionalen Moment gebissen. Signalisieren die Retuschen einen Verrat, oder vielmehr eine Bekräftigung ihrer Beziehung? Anna weiss keine Antwort darauf, sie nimmt die tiefe Irritation mit nach Finnland.

In diesem zentralen Vernissage-Kapitel kulminiert Barbara Schiblis Roman. Mit einem Mal offenbaren alle Motive im Licht der Ereignisse und der dazugehörigen Erinnerung ihre innere Verbundenheit. Das latente Zerwürfnis der beiden Schwestern wird ebenso deutlich wie die unauflösliche Abhängigkeit. Sie verbindet sich mit den Fotografien, die in der Ausstellungsinszenierung das Zwillingsthema doppelt und dreifach widerspiegelt.

Dieser fulminante erzählerische Kulminationspunkt wirft freilich einen leichten Schatten auf die übrigen Teile des Romans, die Annas innere Unruhe nur verhalten zur Geltung bringen. Dies mag ihrer Faszination für die unscheinbaren Flechten geschuldet sein, und der Ziellosigkeit ihrer Gefühle. Vor allem aber verrät der Text auch Signale einer sprachlichen Unschlüssigkeit. «Sich bewegen bedeutet, einiges auszulösen und zugleich schwieriger zu fassen zu sein», heisst es früh einmal, ohne dass dieses «einiges» näher bestimmt würde. Damit vergleichbar schleichen sich immer wieder unscharfe Formulierungen und unglückliche Wendungen («Ich fahre gerne leicht zu schnell») in diesen an und für sich sehr kontrollierten Text ein. Speziell die Vorliebe für das Adverb «fest» irritiert mit der Zeit.

So prägnant und aufwühlend die symbiotische Beziehung von Leta und Anna im Zentrum des Buches gezeichnet wird, so sehr verliert sie ihre Schärfe im Anschluss daran wieder. Anna bleibt in ihrem emotionalen Schwanken ein Rätsel – auch für sich selbst. In Finnland versucht sie wieder zur Ruhe zu kommen. «Wir werden uns finden», redet sie sich auf dem Rückweg in die Schweiz gut zu.