Das unaufhaltsame Fliessen
Roman

Schon seit Kindertagen hat es sich der Erzähler von Christian Hallers neuem Roman zur Angewohnheit gemacht, allen Anforderungen und Erwartungen auszuweichen. Jetzt ist er Anfang zwanzig, auf der Suche nach einem Sinn für sein Leben, und er merkt, dass er sich aus seinen Rückzugsräumen hinaus in die gesellschaftliche Gegenwart begeben muss. Da er mit seinen eigenen poetischen Arbeiten nicht vorankommt, stürzt er sich in das Unterfangen, den unüberschaubaren Nachlass des Dichters Adrien Turel zu sichern sowie in einem kleinen Schweizer Dorf eine Stelle als Lehrer anzutreten. Während sich unerfüllte Hoffnungen und Träume immer mehr in ihm aufstauen, bricht unerwartet der Damm: Eher zufällig kommt er an das Gottlieb Duttweiler-Institut bei Zürich, macht Karriere, der Fluss seines Lebens trägt ihn in höchste gesellschaftliche Kreise. Doch mit dem Einblick in die Machenschaften von Politik und Wirtschaft muss er erkennen: Auch dies kann – trotz Aufstieg und Erfolg – nicht sein Weg sein.

(Buchpräsentation Luchterhand)

Die Welt als Material

de Florian Bissig

Zwei Jahre nach Die verborgenen Ufer legt Christian Haller eine Fortsetzung nach, die den zweiten Band einer autobiografischen Trilogie darstellt. Der erste Teil behandelte die Erinnerungen des Schriftstellers in chronologischer Folge. Er begann bei der Geburt und endete damit, dass der Nachwuchsdichter in einer winzigen Unterkunft im Zürcher Niederdorf sowohl persönlich wie beruflich den Boden unter den Füssen verloren hatte. Auslöser der Erinnerung an diese schwierige Zeit war ein Unglücksfall, den Haller 2013 heimsuchte. Das Hochwasser des Rheins hatte die Terrasse seines Hauses mitgerissen, worauf sich herausstellte, dass es um die Fundamentierung seines ganzen Hauses schlecht bestellt war. Dazu kam der Wegzug seiner Lebenspartnerin.

Der zweite Band setzt das Erinnerungsprojekt dort fort, wo es unterbrochen wurde, und erinnert in der Rahmenhandlung wiederum kurz an das Terrassen-Desaster. Die meisten der rund 250 Seiten sind aber der summarischen Aufzeichnung von Hallers Leben zwischen etwa 25 und 40 Jahren gewidmet. Haller portraitiert sich selbst als einen jungen Mann, der in seinem Entschluss gefestigt ist, Schriftsteller zu werden. Er ist geradezu besessen von der Idee, alle seine Tätigkeiten und Erfahrungen müssten diesem Hauptziel seines Lebens zudienen.

Das Spannungsfeld von wertvoller Tätigkeit und notwendigem Broterwerb führt ihn etwa in Gelegenheitsjobs als Archivar und Lehrer. Daneben verbeisst er sich in die Aufgabe, den Nachlass von Adrien Turel zu sichern und nachgerade vor dessen Witwe zu retten, die fleissig und unbeirrt die Dokumente ihres verstorbenen Mannes umschrieb und verfälschte.

Auch die Sexualität macht dem jungen Mann Sorgen und erscheint ihm als Aufgabe. Sein literarischer Mentor Max Voegeli nimmt in zeitweise in eine Art Erzählanalyse, während Haller versucht, seine monogamen Gewohnheiten zu überwinden. Diese Passage und andere erinnern daran, dass sich Hallers Entwicklung vor dem Hintergrund der 68er-Bewegung abspielt.

Nicht nur mit der freien Liebe, auch mit gewaltbereiten Umsturz-Bestrebungen hat der junge Mann allerdings seine Mühe. Als er zufällig in die eskalierende Demonstration vor dem Globus-Provisorium gerät, erwägt er einen Moment, als Steinewerfer in die Strassenschlacht einzugreifen. Doch er besinnt sich auf seine Berufung. «Ich war Beobachter, nicht aber Mitstreiter.» Sein Handlungsfeld sollte die Sprache sein.

Trotz oder vielleicht wegen all seiner Zweifel, war Haller mehr als empfänglich für konkrete Ratschläge. Als ihm ein Schulkollege vom Biologiestudium erklärte, und kurzerhand meinte, «Du musst Biologie studieren», da war es um ihn geschehen. Allerdings erst, nachdem ihm das Orakelzeichen des I Ging und sein Mentor grünes Licht gegeben hatten. So entsteht, bei aller Eigenwilligkeit und Eigenständigkeit in Fragen des Lebenswandels der Eindruck eines jungen Mannes, der von Zeichen und Ermutigungen von ausserhalb abhängig ist, und der wie ein urbaner Telemachos überall um Rat anklopft.

Nach dem Biologiestudium begann Haller zunächst als Hilfskraft am Gottlieb-Duttweiler-Institut, wo er sich hocharbeitete und mit den Machenschaften der Mächtigen herumzuschlagen lernte. Hier, als Veranstalter von Kongressen zu Wirtschaftsthemen ist seine Gespaltenheit gross. Er passt sich den Spielregeln an und wird zum Zahnrad in einem Räderwerk, das er selbst für höchst fragwürdig hält.

Doch er bleibt zunächst, und hält an der Hoffnung fest, in seiner Position wertvolle Einblicke in die «wirkliche Welt» zu bekommen. Nachdem er Mitglied der Institutsleitung geworden war und ein grosser Kongress mit kritischem Schwerpunkt zu einem Erfolg wurde, kündete er seine Stelle. «Ich hatte die Welt erforscht und mich an ihr ‹abgeklärt›. Jetzt würde ich mich von ihr zurückziehen.»

Damit wird der Leser entlassen, bis der letzte Teil der Trilogie erscheint, in welchem Haller wohl die Früchte seiner grossen propädeutischen Anstrengungen ernten wird. Dem Band wird es guttun, wieder etwas stärker literarisch geformt zu werden, nachdem die Episoden nun etwas gar skizzenhaft und summarisch geraten sind. Hallers Stil hat eine tagebuchartige Direktheit und Unvermitteltheit, von der sich die Selbstzitate aus den Tagebüchern von damals kaum abheben. So gibt es wenige szenisch dichte Passagen, in denen etwas gezeigt, statt bloss zusammengefasst wird, und so wartet der Leser weiter auf den Moment, in dem er den Menschen und Schriftsteller Christian Haller endlich zu fassen bekommt.