Quatemberkinder und wie das Vreneli die Gletscher brünnen machte
Roman

Sonderbare Wesen

de Beat Mazenauer

Tim Krohn ist ein erstaunlicher Autor. Drei Prosabücher sind bisher von ihm erschienen und jedes präsentiert sich ganz anders. In „Der Schwan in Stücken“ (1994) versuchte er sich in einer etwas steifen Kunstprosa, im (etwas zu) umfangreichen „Dreigroschenkabinett“ (1997) übersetzte er die bekannte „Bettleroper“ in die politischen Verhältnisse des zusammengeflickten Deutschlands. Und nun taucht er im neuen Roman „Quatemberkinder und wie das Vreneli die Gletscher brünnen machte“ präsentiert der in Nordrhein-Westfalen geborene und in Glarus aufgewachsene Autor ein Heimatbuch, das so gar nicht in die alpenländische Klischeewelt passen will.

In den engen Talgründen und an den stotzigen Hängen zwischen Glarus, Linthal und Elm scheinen die Sagen besonders guten Nährboden zu finden. Vor allem rund um den Glärnisch schiessen sie heftig ins Kraut, da, wo die zwei Quatemberkinder, das Vreneli und der Melk, wohnen.

„Quatemberkinder leben inmitten der Menschen und doch in einer anderen Welt“, einer zauberischen, wandelbaren Welt. Vreneli neckt den Melk, der nicht weiss, dass sie ihn liebt, in der Gestalt eines Füchsleins oder macht sich weitherum durch eine abendliche Rotglut auf dem Glärnischfirn bemerkbar. Melk dagegen hütet auf der Dräckloch-Alp am Südhang des Glärnisch Kühe - bis sonderbare Dinge geschehen und am Ende die Alp von einem Felssturz begraben wird. Daraufhin wird er als Zusenn auf der Chameralp zuoberst im Linthal angestellt, beim Stüssi-Bauern, der auch zaubern kann und zudem im Sonderbundskrieg für die Freiheit gekämpft hat. Doch dann geht er sich selbst verloren, flieht erinnerungslos vom Teufel gehetzt ins Schwyzerische und nach Altdorf, lernt da das Doktern und kehrt 1861, im Jahr des Brandes von Glarus, endlich wieder zu seiner Vriinä zurück. Die Liebe findet sich.

An dieser Geschichte wäre nichts Besonderes, erzählte sie Tim Krohn nicht auf unnachahmliche Weise. Seine Sprache ist durchsetzt mit Glarnerdialekt - ein Glossar und Übersetzungen am Ende des Bandes helfen bei der Lektüre. Nicht nur die direkte Rede, auch der Erzähltext verwandelt sich das heimische Idiom an: „So hockte er auf das Müürli und sass nur da und liess es auf sich niederschneien und losete dem Schweigen und fand erst, dass es recht tötele.“ In diesem Sprachbett, das die traurig-schöne Stimmung auf bezaubernde Weise wiedergibt, lässt Krohn eine Heerschar von Zauber- und Geisterwesen ihren Schabernack treiben. Tim Krohn erzählt, wie Sagen weniger übersinnliche als sinnlich materielle Qualität besitzen. Sie unterhalten, bannen Ängste, erklären Flurnamen und nicht zuletzt spiegeln sie das kollektive Bewusstsein der Menschen, die sie erzählen. Mag an Zauberei glauben, wer will, stärker hallen in den Sagen die moralischen Forderungen der Zeit nach.

Krohns virtuose Wechsel zwischen Dialekt und Hochsprache beziehungsweise zwischen Sagen und Alltag widerspiegelt ein natürliches Verhältnis der Menschen zu den Geister- und Zauberwesen. Seine eigentümliche Modernität, die sich dem heimatlichen Schönreden entzieht, verhindert, dass „Quatemberkinder“ ins Genre des idyllischen Heimatromans abgleitet. Ohne Schaden darf sich da am Ende sogar die Liebe zwischen Melk und Vreneli einstellen.