Harmfuls Hölle
Erzählungen

Der übliche Held der Handlung findet in der Regel das Bühnenbild vor und fängt an, quer durch es zu laufen. Harmful läuft los und erzeugt damit die Bühnenbilder. Womöglich erdenkt er sie, ist ihnen aber doch ausgeliefert. Weder ist er – was er gern möchte – der einzige Held, noch hält die Hölle den Prüfungen seines Hitzemessers stand. Er hätte gern seine Ruhe, doch die Stimmen vieler anderer quälen ihn. Nicht die geringste dieser Qualen ist es, dass er darüber –  unter erheblichen Eigenkosten – lachen könnte. Das Buch macht Angebote. Zur allgemeinen Entgleisung in den Schrecken gehört auch das Herausrutschen der Person aus der Persönlichkeit. Einmal wird Harmful von Arti gesehen, Harmfuls Nachbarin, seiner Untergebenen, Geliebten – und Kommentatorin. Harmful als Faust? Dies wäre eine schöne Entwicklung. Mit Harmful leider nicht. Überall erzählt eine mit spektralen Fähigkeiten versehene Monsterfigur mit großer Ausdauer und kleinem Mut.

Harmfuls Exerzitien zwischen Himmel und Hölle

de Beat Mazenauer

Jürg Laederach traut der Wahrheit nicht. Was sich leicht verstehen lässt, weckt seine Skepsis. «Wahr oder nein? Alles kann anders sein.» Nach diesem Motto funktioniert seine jüngste Prosa Harmfuls Hölle – dreizehn episodische Anläufe zu einer Erzählung, die immer scheitert und genau darin reüssiert. Nach längerer Prosapause ist sich Laederach treu geblieben. 
An das Motto haben sich auch die Leser zu halten. Sie müssen bedingungslos bereit sein, die Volten und Wendungen biegsam, willig mitzugehen, die hinter jedem Wort und erst recht jedem Punkt lauern. Sonst werden sie abgehängt. Man kann sich nie sicher sein, wohin es die Lektüre verschlägt. Deshalb sei vor dieser Prosa auch gewarnt! Im Guten. Eine runde Geschichte ist von ihr nicht zu erwarten, wie exemplarisch die Episode «Höltys Biographieverlust» bezeugt. Hermann L. Hölty, Grossneffe des berühmten Ludwig Hölty, geboren 18028 im saturnischen Uelzen (genau so!), widmete sich nebst Gedichten und Balladen speziell der «Sprengung seiner Biographie». Darin reüssierend, würde er daraufhin, so um die 18080 herum, vom Saturn wieder «zum austretenden Gas der Erde» zurückgekehrt sein.

Ähnlich gebrochen präsentiert sich der Protagonist Harmful, der in mehreren der Episoden auftaucht. Über ihn liesse sich einiges sagen, doch immer auch Gegenteiliges. Der Mensch voller Qualen, zugleich der Schädliche in der englischen Wortbedeutung, lebt in ärmlichen Verhältnissen in der Urlaubshüttensiedlung «Harmonie», wo er bescheiden entlöhnt als Verwalter des schrecklichen Warful arbeitet. Hier steht ihm seine Frau Arti bei, gemeinsam haben sie ein schuppenfelliges, katzenfressendes Kind. Um aus der beengenden Wohnung auszubrechen, lassen sie sich vom perfiden Händler Hahn, eine «krähend gelbe Krawatte» umgebunden, ein geräumiges Haus aufschwatzen, um es mit neuen «Komfortklumpen» anzufüllen. Das Leben fällt ihm und Arti nicht leicht, doch als er verunglückt und ihn nur ein Doktor Huldful wieder ins Leben zurückbringt, vereinigen sich die beiden in Liebe. Das könnte tatsächlich eine Geschichte sein. Doch um Harmful herum verschieben sich beständig die Szenerien. Mal lebt er auch in Aachen, mal in Moskau, mal finden wir ihn im sibirischen Boroinark: «die wirksamste, mit etwas Kernenergie verstärkte Stadt der Wortzerstörung».

So bleibt alles immer in rasanter Bewegung. Harmful ist friedfertig, und er ist böse, ein flüchtiges Menschenwesen, in dessen «Wortpanik» die Welt sich kondensiert. Seine Kämpfe demonstrieren: «Das Leben ist nicht leicht, wenn es stattfindet». Nicht leicht, bei Laederach aber immer schräg und voll burlesker Sprachlust. Zwischendurch tritt Harmful auch ab. Dann öffnen sich die Tore für andere Begegnungen, etwa: «wenn er ihn mit Pariserbroten unter dem Arm auf der Treppe traf.» Steckt darin nicht jene legendäre Geschichte von Daniil Charms? Wie auch immer, gewiss ist, dass in Laederachs Episoden wiederkehrend jener Witz aufblitzt, wofür Charms unsterblich ist. Im selben Geist lebt auch Florian Gramful, der sein Haus mit toten Nadeln anfüllt. 
Ein besonderes sprachliches Kabinettstück demonstriert Richard Burbages betrunkene Suada, worin er die Rollen und Stücke seines Zeitgenossen Shake-Pear oder Keks-Stier (Scheich Bin Ihr?) egoistisch misshandelt und verballhornt – «denn Erklärungen, insbesondere allgemein akzeptierte Erklärungen machen harmlos».

«Widerstand ist Kunst» heisst es lapidar in der ersten von «Die dreiundzwanzig Stunden des Tages» – der sperrigsten, längsten Episode. Widerstand ist Kunst, und vermutlich liesse Laederach auch die Umkehrformulierung gelten. Darin besteht sein Programm, wie etwas später in der siebzehnten Stunde genauer dargelegt wird. Im Grundsatz resultiert seine Sprachkunst aus einem lapidaren Dreisatz:

«Die Welt ist auf den ersten Blick vollkommen verständlich.»

«Komplex wird es, wenn man es sich erklären lässt.»

«Kunst ist dazu da, das Leben unangenehm zu machen.»

Auf seine Prosa angewendet hiesse das kurzum: Kunst braucht nicht angenehm zu sein, weil man sie genau so nicht verstehen soll, wie man sie ohnehin versteht. Dieses gestörte, verstörte Verständnis fordert Laederach seinen Lesern und Leserinnen ab. Er präsentiert keine schnelllebigen Stories, sondern zerlegt sorgsam die Sprache, um neue Zusammenhänge und Verknüpfungen zu erzeugen. Das ist zuweilen mühsam, unangenehm und irritierend – im besonderen in den «Dreiundzwanzig Stunden des Tages». 
Stunde für Stunde formuliert Laederach hierin einen quirligen Strom von Beobachtungen, Wahrnehmungen und Fragen, welcher wild von einem ins andere mäandert im Versuch, hinter die «Windows-Perspektive» zu leuchten. Dabei bekommen viele ihr Fett ab, nicht zuletzt der Literaturbetrieb. «Das Interessanteste an Autoren ist ihre evidente Fantasieschwäche: dass sie die Romane in X Varianten erfinden können, wie die Pawlowschen Hunde immer genau die Art der Zeitungskritik erwarten und Fantasiearbeit darüber, was mit dem Roman sonst noch geschehen könnte, längst aufgegeben haben.» Derart schillernde, schlagende, auch skurrile Aussagen entschädigen in diesem Textbergwerk für die Irritationen, die Laederach lustvoll erzeugt. 
Vom Literaturbetrieb ist es nicht weit bis zu den «Sekten-Schweizern» und ihren «Betonbunkern», worin sie sich erst geborgen fühlen. Und eine kleine Spanne nur weiter steckt Krankheit die Sprache an. Seit Jahren begleitet sie Laederach persönlich, sie findet Ausdruck in der Episode «Abschied»: «Die Krankheit verschmäht das Zuschlagen, sie schleicht.»

Gewissermassen als Gegenprogramm finden sich immer wieder tröstliche amerikanische (Jazz-)Poetry eingestreut, beispielsweise aus Suzanne McCorkles «The Waters of March»: «Stell dir Nietzsche mit einem Banjo vor. And the riverbank talks, of the waters of march, it's the end of despair, it's the joy in your heart …» Denn es gilt auch, wie eine andere Sentenz bedeutet: «Die Kunst ist das Waldorf-Astoria des Lebens, und das menschliche Gemüt ist die grosse Stadt in der Stille, das musst du berücksichtigen.» 
Je näher wir an diesen Text heran zoomen, umso reicher, funkelnder, vielfältiger erweist er sich. Allmählich gewöhnt sich die Lesesinn an die nebulöse Opazität an der Textoberfläche. Dann beginnt die Lektüre richtig Vergnügen zu bereiten. Das Rezept, wie diesem Buch «beizukommen» wäre, formuliert Laederach der Einfachheit gleich selber. «Einfach lesen, immer lesen, dann entfällt das Problem.»

Note critique

«Ich kann mich für die Wahrheit nicht erwärmen», schreibt Jürg Laederach in einer seiner dreizehn Episoden in Harmfuls Hölle. Die Wahrheit gelingt ihm nur bruchstückhaft. So dürfen auch seine Leser nicht hoffen, dass er ihnen eine runde Erzählung vorsetzt: fein abgepackt und zugeschnürt. Trotzdem lässt sich einiges über Harmful berichten, unterschwellig. Harmful lebt mal hier, mal da und hat eine Frau, Arti. Ihre Ehe sprüht vor Widersprüchen, aber am Ende finden sie zusammen. Dazwischen zerlegt Laederach mit funkelndem Sprachwitz den Tagesablauf in 23 Stunden oder misshandelt den alten «Shake Pear» mitsamt Ham und Oph. (Beat Mazenauer)