Das alte Haus. La chasa veglia

Gisep Fluri versinkt in Melancholie, nachdem sein leichtsinniger Sohn Domenic nach einem Streit spurlos verschwindet und kurz darauf seine Frau stirbt. Abends sitzt er im Gasthaus und trinkt Cognac, den er sich gar nicht leisten kann. Lemm, der Wirt und Gemeindepräsident, schreibt an. Als Gisep Fluri stirbt, hinterlässt er seinem jüngeren Sohn Chasper ein überschuldetes Heimwesen, das Lemm bereits als seines betrachtet. Chasper versucht, Geld aufzutreiben, er will in dem alten Haus der Familie bleiben. Johanna, seine grosse Liebe, die inzwischen mit einem anderen Mann verlobt ist, will ihm helfen.
Der Wirt schickt Betreibungen, Touristen besichtigen ungefragt das Haus. Aber noch gibt Chasper nicht auf …
Eindrücklich schildert Oscar Peer, wie sich die Menschen in dem kleinen Dorf gegenüber dem unschuldig ins Unglück geratenen Chasper verhalten. Und er beschreibt die Gefühle, die Chasper im Kampf um sein Haus durchlebt.

(Klappentext Limmat Verlag)

Feuer im Dach

de Beat Mazenauer

«Im hintesten Dorf wird jemand bestattet. Mittags hat man schwarz Gekleidete aus dem Postauto steigen sehen, etwa zehn Personen, vielleicht Verwandte des Toten.»

Nüchtern, genau, mit ausrücklicher Zurückhaltung erzählt Osacar Peer in Das alte Haus / La chasa veglia eine Geschichte aus der unheilen Alpenwelt. Chasper Fluri trägt seinen Vater zu Grabe, der ihm nur Schuldern hinterlässt: für das alte Elternhaus, für die Trinkerei der letzten Jahre, für die Ausbildung des älteren Bruders Domenic. Nun sind sie alle verschwunden. Der Bruder, der studieren durfte und das Studiengeld lieber vertat, tauchte eines Tages spurlos unter, die Mutter verstarb wenig später an ihrem Kummer. Und nun der Vater.
Chasper aber will das Haus retten, für dessen Kauf einst die Gemeinde aufgekommen ist. Der Wirt und Dorfkönig Lemm würde es allerdings gerne selbst übernehmen, er ahnt, dass sich touristisch daraus was machen liesse. Chasper lehnt sein erpresserisches Angebot ab und sucht bei Bekannten Hilfe. Die Jugendliebe Johanna, die geerbt hat, würde ihm gerne leihen, darf aber nicht, weil ihre geizige Schwiegermutter auf dem Geld hockt. Andere wie Curdin oder der Bäcker wollen nicht. Und die letzte Hoffnung, ein ausgewanderter Cousin in La Spezia, verflüchtigt sich, als ein Telegramm kurz seinen kürzlichen Tod meldet.
Es ist zum Verzweifeln! «Herrgott nochmal, wozu soll man überhaupt leben, wenn man nicht wenigstens einmal nahe bei einer geliebten Person sein kann, so nahe, dass sie einen vielleicht erlöst?» Johanna bleibt für Chasper eine schöne Erinnerung an einen sommerlichen Tag. Mehr nicht, auch wenn sie sich gut geblieben sind. In diesem Tal hält die Liebe – scheinbar – nur verbotene Früchte bereit. Der Auslöser für Domenics Flucht waren Liebschaften, die er seinem Studium vorzog. Schon als Gymnasiast hatte er im Tal ein Techtelmechtel mit der Gattin eines Bankiers, der hier ein Sommerhaus besass. Oder der Pfarrer Kieni, der ins Tal versetzt wurde, weil er an seiner frühern Arbeitsstelle eine Schülerin verführte. All dies wird im Tal unterdrückt – nicht mit Gewalt, eher mit Stillschweigen. So bleibt das Alleinsein, an das sich Chasper gewöhnt hat: «doch manchmal krepiert man vor Einsamkeit».

In Das alte Haus porträtiert der Engadiner Oscar Peer eine ungenannt bleibende Talgemeinschft irgendwo an der Grenze zum Italienischen und Österreichischen, irgendwann in der Mitte des letzten Jahrhunderts. Die subtilen sozialen Mechanismen werden vom Erzähler mit nüchterner Diskretion geschildert. Einzig die direkte Anrede an ein literarisches Du: Johanna ist angesprochen, bedeutet gegen Ende, dass er mit seinem Bericht gewissermassen zwischen ihr und Chasper vermitteln möchte.
Dieser bewahrt trotz all der Niederschläge eine melancholische Gelassenheit. Nur ein einziges Mal bricht die Verzweiflung offen durch, als Lemm in sein Haus eindringt, um sich umzusehen. Chasper prügelt ihn vom Grundstück. Wie er wenig später den jährlichen Herbstball im Dorf – in Lemms Gasthaus – besucht, geben sich alle Dorfbewohner freundlich und zuvorkommend. Sie begrüssen Chasper schulterklopfend und laden ihn ein zuzusitzen. Selbst Lemm wirkt geläutert – genau da schnappt die Falle zu. Glücklich darüber, wie angenehm der Abend in Gemeinschaft ist, unterschreibt Chasper einen Vertrag ... und bereut es sogleich wieder.
Die Konflikte werden unterschwellig, deshalb nicht minder rau ausgetragen werden. Pfarrer Kieni benennt das Übel: «wo es um Geld geht, hört die Nächstenliebe auf». Und die Hebamme Lucrezia, die dem halben Tal auf die Welt geholfen hat, weiss: «Zuerst sind sie klein und rührend, als kämen sie vom Himmel, dann wachsen sie auf und werden zu Halunken.»
Zeit für ein Fanal. Noch während am Herbstball ausgelassen getanzt wird, kehrt Chasper heim, packt ein paar Sachen ein, lässt die Tiere frei und zündet das alte Haus an. Dann geht er weg. Von oben betrachtet er, wie die Flammen lodern, das Gebälk zusammenkracht, am Ende ein Glimmen bleibt. Chasper verschwindet wie einst Domenic. Spurlos. Glück gibt es keines im engen Tal – vielleicht aber irgendwo draussen.
Oscar Peer verleiht dieser einfachen Heimatgeschichte eine menschliche Wärme und existentielle Tiefe, indem er den handelnden Personen nie zuviel zumutet, sondern sie reden, denken und empfinden lässt, was ihnen entspricht. Ihr Horizont übersteigt nie die engen Grenzen der Tallandschaft. Hierin ist Peers Erzählung konsequent und glaubhaft.
Seine Erzählung hat er in zwei Versionen verfasst: im rätormanischen Vallader und in Deutsch. Beide behalten nebeneinander ihre sprachliche Eigenständigkeit, beide sind sie sind Originale.