Erdnüsse. Totschlagen
Erzählungen

Critique

de Beat Mazenauer

1994 brillierte Ruth Schweikert am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt mit einer ausgezeichneten Lesung: mit einer der insgesamt sieben Erzählungen, die im Band Erdnüsse. Totschlagen erschienen sind. Sieben Geschichten von heimat- und ziellosen Frauen, Gefangenen zwischen dem Wunsch nach Glück und den täglichen Beziehungs-Katastrophen.

Erdnüsse. Totschlagen

Die Erfahrung von befreiender Liebe und ekstatischer Geborgenheit bleibt Ruth Schweikerts Frauen versagt. Vielmehr waltet in all ihren Geschichten eine lastende Dumpfheit, die sich unentwirrbar aus Resignation, einsamer Verzweiflung und letzten Hoffnungsresten zusammenstückelt. Keine Haltepunkte nirgends, selbst familiäre oder eheliche Verbundenheiten sind bloss Gerüchte vom Hörensagen. Krampfhaft mühen sich Eva, Daniela oder Esther mit ihrem Dasein ab und erinnern sich vage der fernen wie fremden Väter ihrer Kinder. Auch die Eltern, Portalfiguren des Lebens, halten die Tore vor ihnen geschlossen.

So beschreiben Schweikerts Geschichten Liebe und Sexualität als traurigen Gnadenakt, dessen Früchte man am liebsten schnell vergisst und der Frau überlässt. «Damit hatte diese Liebe ihren Zweck erfüllt, und sie endete taubstumm», lautet der Grundtenor solcher Entfremdung.

Wie ohnmächtig das Leben verlebt wird, schildert zum Beispiel «Totschlagen». Eine 38jährige Frau, alleinerziehende Mutter, beileibe keine Pin-up-Schönheit, hat ihre Stelle als Verkäuferin gekündigt, da ihr sonst gekündigt worden wäre. Der letzte Arbeitstag ist dem Scheitern, der Erinnerung an ihre veflossenen Männer und «ach ja» das Kind gewidmet. Ende, aus: «man sollte sie alle totschlagen, denkt sie». Die Lesenden aber wissen, dass es nie soweit kommt, denn die Lethargie hat sich tief eingefressen und verhindert jeden Kraftakt.

Immer wieder scheint in diesen Geschichten insgeheim ein schicksalshafter «Zwang zur Wiederholung» zu walten. Das Scheitern wird von den Müttern an die Töchter weitergegeben. Mit bemerkenswertem Geschick findet sich dieser gesellschaftliche Stillstand in der Erzählung «Port Bou» ausgearbeitet.

Sie ist raffiniert mehrschichtig komponiert und wechselt permanent die Ebenen. Zwei Frauen selben Namens: Roswitha Hauser, Mutter und Tochter, teilen sich in die Hauptrolle. Zwischen ihnen knüpft Ruth Schweikert verfängliche Bande familiärer wie weiblicher Kontinuität ohne Perspektive. Unter diese Erzählebene gelegt und zugleich feinsinnig mit ihr verknüpft finden sich Reflexionen über «Schicksal und Charakter». Sie entstammen dem gleichnamigen Essay von Walter Benjamin, der 1940 auf der Flucht vor den Nazis im spanischen Grenzort Port Bou Selbstmord verübt hat und nun der Tochter zufällig als Projektionsfigur des eigenen Scheiterns dient. Auf diesem gedanklichen Fundament spielt das Leben mit Roswitha, charakterlos: Träume und Enttäuschungen, ein bisschen sexuelle Belästigung - alles ganz normal und von Ruth Schweikert dicht und klug erzählt.

Auch wenn die Autorin solche Dichte nicht in allen Texten einzulösen vermag, wer eine Erzählung wie «Port Bou» schreibt, der sind auch Mängel zu verzeihen. Ab und an schleichen sich stilistische Ungereimtheiten ein oder wirkt die Charakterisierung der Figuren allzu ungelenk und aufgesetzt. Schliesslich überwiegen aber die düstere Klarheit und eigentümliche Leichtigkeit, mit der Schweikert von den Schattseiten der Emanzipation erzählt, deren Folgen die Frauen abzugelten haben.