Das weisse Meer
Erzählungen

Archangelsk ist ein schöner Name

de Beat Mazenauer

Eine Reise nach Archangelsk lohnt sich nicht, "in Archangelsk gibt es nichts". Doch der Name der Stadt klingt schön. Deshalb fährt Stefanie Sourliers erzählendes Ich in der Titelerzählung dennoch dahin. Das nur vierzig Kilometer entfernte Weisse Meer ist allerdings unerreichbar, ein militärisches Sperrgebiet. 
Einzig ein Bild ihrer Zufallsfreundin Leo bezeugt die Reise, von der die Erzählerin auch Ella berichtet. Mit ihr teilt sie in Manchester die Wohnung. Hier wie dort, und dazwischen Berlin – alle diese Orte sind flüchtige, zufällige Stationen eines trägen, manchmal verzweifelten Lebens. Die neun Erzählungen im Band Das weisse Meer kreisen um solche Nichtigkeiten – wäre da nicht die auffällige Häufung von Unfällen und Selbstmorden.

Stefanie Sourliers gleichförmiger Erzählton schwankt zwischen bleischwerer Trägheit und ruhiger Gelassenheit – im besten Fall, wie bei Onkel Georg ("Nach Italien"), dem allmählich die Kontrolle über sein Alter entgleitet. Unter der scheinbar glatten Oberfläche jedoch brodelt es. "Sie tun immer so, als wäre man blöde im Kopf", wehrt er sich, kaum mehr hörbar. 
Die Unerschütterlichkeit der erzählenden Ich-Figuren ist bloss eine Maske. Selbst scheinbare Gegensätze heben sich dabei auf: "Eigentlich bin ich ein fröhlicher Mensch, sagte mein lustiger Freund, ich mag das leichte Leben. Du bist immer traurig, sagte er zu mir, nicht sehr, aber immer ein wenig, ich hingegen bin ein lustiger Mensch" ("Der Bruder"). Doch lustig war sein Tod nicht. 
Die sich öffnenden Abgründe bändigt Stefanie Sourlier mit sprachlichen Mitteln. Ihre Geschichten sind behutsam und klug aufgebaut, sie plaudern nichts aus und lassen am Ende doch tief blicken. Mit sicherem Gespür entwickelt sie eine höchst stimmige, mitunter ins Mysteriöse ausgreifende Atmosphäre.

Böse Moritaten

"Man denkt immer, man könne das Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden, und plötzlich kriegt das Nichtige immense Wirklichkeit." Behutsam lockt Sourlier die Lesenden ins Dickicht ihrer bösen Erzählungen, in denen die Wahrheit nur als Schemen zu erkennen ist. Das Klima ist heiss, oder kalt. Und beides zugleich. 
Die Ich-Erzählerinnen halten sich dabei diskret bedeckt, bloss Erinnerungen überfallen sie und bringen ihren konturlosen Alltag zum Kippen. Sourliers Geschichten sind böse Moritaten ohne Grund und Begründung. Die vielen Tode legen ihre langen Schatten darüber.

Den Erzählton hält Stefanie Sourlier eisern, strikte durch, nur vereinzelt verrutscht ab und zu eine Formulierung. Die untereinander geschickt verwobenen Geschichten geben nichts preis – wenn doch, dann zwischen den Zeilen und in den vielsagenden Auslassungen. Zurück bleibt ein "bitterer, säuerlicher" Geschmack wie beim Kind in der ersten Erzählung. So schmeckt Kupfersulfat auf der Zunge.

Note critique

Die Atmosphäre wirkt äusserlich gelassen – bloss unmerklich verrutscht sie ins Melancholische und Mysteriöse. Mit ihrem Erzählband Das weisse Meer ist der Autorin Stefanie Sourlier, Jahrgang 1979, ein erstaunlich stimmiges Debüt gelungen. Die neun Erzählungen, die untereinander geschickt verwoben sind, verraten einen ruhigen Erzählton, der unterschwellig immer wieder aufbricht. Vor allem die vielen Selbstmorde und Unfälle geben Hinweise darauf, dass den Protagonisten das Leben nicht leicht gelingt. Ihre Unerschütterlichkeit ist bloss eine Maske, wie beim lustigen Freund: «Eigentlich bin ich ein fröhlicher Mensch», sagte er, sein Tod jedoch war nicht lustig. (Beat Mazenauer)