Sez Ner

Arno Camenisch beschreibt in seinem Erstling das Leben von Senn, Zusenn und zweier Hirtenbuben während eines Sommers auf der Alp Stavonas am Fuße des Piz Sezner in der Surselva des Kantons Graubünden. In kurzen Prosastücken erzählt er von Kühen und Schweinen, Katzen und Hunden, der Polenta und dem Käse, dem Alkohol und den Rauchwaren, von Wind und Wetter, Mann und Frau, den Leuten aus dem Unterland und den Bauern aus den Tälern Graubündens. Dass Camenisch seine Texte nicht übersetzt, sondern auf Rätoromanisch und auf Deutsch schreibt, gibt ihnen ihren ganz eigenen Klang, in der Rauheit und Melodiösität, Kraft und Zartheit eine suggestive Verbindung eingehen. Distanz und Nähe sind auch die bezeichnenden Momente von Camenischs Beschreibungskunst: Alles ist sehr nah und genau gesehen, und doch wird nichts bloßgestellt, kann alles diskret bleiben und sich in seiner Unmittelbarkeit bergen.

Alpidyll mit Röschti aus der Packung

de Beat Mazenauer

„Der Senn hängt an seinem Gleitschirm in den Rottannen unterhalb der Hütte der Alp am Fusse des Sez Ner. Er hängt mit dem Rücken zum Berg, von der Hütte aus hört man ihn fluchen, mit dem Gesicht zur anderen Talseite (...). Der Zusenn sagt, der kommt dann schon wieder, der soll ruhig noch ein bisschen zappeln, wenn er schon nicht drüber gekommen ist.“

Mit diesen Worten beginnen Arno Camenischs prosaische Beobachtungen von einem Sommer auf der Alp. Bauernliteratur ist das offenkundig nicht. „Sez Ner“ schildert eine traditionelle bäuerliche Welt, die sich der Moderne nicht entziehen kann – und dies auch nicht will. Dennoch ist die Arbeit auf der Alp für die vier Sennen und Hirten anstrengend, schmutzig und einsam. Hände werden rissig, die Stiefel füllen sich mit Matsch und Mist. Die Menschen leben einträchtig mit Kühen, Schweinen, Hühnern und Hunden zusammen, zwischen Stall und Hütte herrschen beengende Verhältnisse. Und spätestens wenn wütende Gewitter mit Blitz und Donner über die Berge ziehen, beschleichen mulmige Gefühle auch den modernen Menschen. Dann hocken die vier Sennen und Hirten in ihrem Justy 4WD wie in einem (Faradayschen) Käfig und warten, bis sich die Natur wieder beruhigt.

Scharf und ironisch beobachtet

Arno Camenisch nähert sich dem Treiben auf der Alp Stavonas am Fuss des Piz Sez Ner nicht mit dem Blick des Fremden auf Exkursion. Der nüchterne Beobachter schmiegt sich vielmehr ein in das schlichte Alpleben, das manchmal beinahe archaisch unbescholtene Züge verrät. Nachdem der Senn sich einmal mit Mühe und Not vor dem wütenden Stier in Sicherheit brachte, blieb er erschöpft unter den Säuen liegen, friedlich dösend.

Dennoch ist die Alp kein idyllisches Arkadien mehr, sondern ein Produktionsbetrieb, der frischen Käse ans Unterland liefert. Und spätestens wenn in der Alpwirtschaft „nur Rösti aus der Packung“ auf den Tisch kommt oder der Senn in den Rottannen am Gleitschirm hängt, verflüchtigt sich der Traum vom Naturzustand vollends. Nur die Wanderer finden es an schönen Tagen „uhh schön“ und urchig in den Bergen.

Der Autor hält sich eng an seine Figuren, bleibt aber stets ein Aussenstehender, der viel sieht, einiges erahnt, dennoch das meiste verschweigen muss. So fügen sich die meist kurzen Prosapartikel nie nahtlos zueinander, sondern lassen stets Lücken offen. Diese wirken manchmal haarfein, manchmal weiten sie sich zu ahndungsvollen Abgründen.

„Sez Ner“ ist eine ausgesprochen unaufgeregt und präzis gearbeitete Prosa. Die Liebe zu den Figuren wird dabei nicht ausgestellt, sie bleibt diskret zwischen den Zeilen spürbar. Diesbezüglich entspricht der Text durchaus den schweigsamen vier Männern, die verlässlich ihre Arbeiten verrichten, gemeinsam einen Stumpen rauchen und Einzelgänger bleiben.

„Jetzt ist Ruhe, jetzt ist es still. Eine Fliege surrt um die Köpfe der Älpler.“

Frei von Künstelei verlegt sich Camenischs poetische Prosa ganz auf dieses beinah spröde Beschreiben in betont einfachen Sätzen, die aber immer wieder feine, oft ironische Irritationen bereit halten und stets etwas schwebend Leichtes behalten. Nicht zuletzt deshalb liest sich dieser äusserlich ganz und gar unspektakuläre Text mit Spannung. Darin steckt seine vielleicht bemerkenswerteste Qualität.

Romanisch - Deutsch

„Sez Ner“ liegt als zweisprachiges Buch vor, doch die deutsche und die romanische Version sind nicht identisch miteinander. Camenisch hat sie je eigens verfasst. Ihre Differenzen offenbaren sich bei genauem Hinsehen. Wechselweise fehlen kurze Absätze, und auch innerhalb der Sprachversionen wird die Zweisprachigkeit manifest, wie sie real in der Region Surselva / Obersaxen um den Piz Sez Ner gilt. Camenisch überlässt die Kraftausdrücke ganz dem Romanischen, dafür bleiben Produktenamen wie der „Aebi“ (Landwirtschaftsgefährt) oder der „Rössli“ (Stumpen) dem Deutschen vorbehalten. So behält der Text sein Geheimnis und entfaltet sich ganz erst in der doppelten sprachlichen Wahrnehmung – selbst ohne profunde Kenntnis der romanischen Sprache.

Note critique

Kein Dorf ist zu klein, um nicht irgendeinen «huara Seich» anzustellen. Fünfundzwanzig Häuser und ihre Bewohner reichen Arno Camenisch in seinem zweiten Buch, um dem Übermut seines Erzählers freien Lauf zu lassen. Witzig und frisch erzählt er in kurzen Absätzen Lausbubengeschichten aus einem Dorf, das Camenischs bündnerischem Heimatort Tavansa gleicht. Der wahre Reiz dieses Textes liegt jedoch in der Sprache. Setzte Camenisch in Sez Ner Deutsch und Romanisch einander gegenüber, verschmelzen sie hier – zusammen mit Dialektwendungen – zu einem neuen Idiom. Der Ich-Erzähler, ein Knirps im Vorschulalter, nimmt die Worte übers Gehör auf und verleiht ihnen so unverhofft lautmalerische Qualität: aus «au revoir» wird so «orvuar». Derart erzeugt dieser Text einen speziellen Sound und einen eigenen Rhythmus, der sich beim Lesen einprägt und am Ende auch geheimnisvolle Wendungen wie «Rubas und Schrubas» verständlich werden lässt. Das zweite ist das schwierigste Buch, sagt man. Arno Camenisch hat diese Klippe souverän und leichtfüssig gemeistert. (Beat Mazenauer)