Briefsteller [Pismovnik]
Roman

Eine Frau, ein Mann, eine Sommerliebe. Sascha und Wolodja werden durch einen Krieg getrennt und können sich nur Briefe schreiben. Sie erzählen einander darin von allem und jedem: von Kindheit, Familie, Alltag, von Freud und Leid. Ein normaler Briefwechsel zweier Liebender – bis sich beim Leser Zweifel regen und klar wird, dass die Zeit der beiden ver-rückt ist, dass sie durch Raum und Zeit getrennt sind. Sie lebt in der Gegenwart, er kämpft im Boxeraufstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegen chinesische Rebellen. Er stirbt in einem der ersten Gefechte dieses halb vergessenen Krieges, aber seine Briefe kommen weiterhin an. Sie heiratet, verliert ein Kind – und schreibt ihm unbeirrt weiter, als ob eine Parallelwelt bestünde, als ob die Zeit keine Rolle spielte, ebenso wenig wie der Tod. 

(Klappentext DVA)

Critique

de Ruth Gantert

«Liebster Wolodenka!» – «Saschka, meine Liebe!»: Getrennte Liebende schreiben einander Briefe – ein bekanntes Thema der Weltliteratur. Zwei Werke werden im Buch von den Schreibenden selbst genannt: Abaelard und Heloise und La nouvelle Héloïse. Schischkins Héloïse heisst Sascha, sie hat ihren Wolodja im Sommer kennengelernt; die Datschen der beiden Familien lagen nicht weit voneinander weg. Die wunderschönen Beschreibungen des Liebesglücks, aber auch einer Verzweiflungstat am Anfang des Buches geben gleich den Ton an: ganz leicht, schwebend und humorvoll, doch auch tieftraurig und erdenschwer. Die Briefe beider Liebenden, in der berückenden Übersetzung aus dem Russischen von Andreas Tretner, strotzen vor genau beobachteten Details und Sinneseindrücken, von denen man beim Lesen nicht genug bekommen kann: die Gartendüfte und –geräusche, die Lichtspur, die hinter dem Geliebten auf der Wiese leuchtet, die ersten sauren Äpfel und der Sand, den er ihr auf den Bauch rieseln lässt. So entsteht gleich zu Beginn des Romans eine Welt, die präsenter und realer nicht sein könnte. «Sich die simpelsten Dinge auszudenken übersteigt alle Fantasie, verstehst du?»

Die gemeinsamen Erlebnisse gehören schon am Anfang des Buches der Vergangenheit an; die beiden Liebenden sind nicht mehr beisammen, sondern durch tausende von Kilometern getrennt. Wolodja, der eigentlich Schriftsteller werden wollte, hat alle seine Manuskripte verbrannt und sich für den Kriegsdienst gemeldet. So mischen sich unter die Erinnerungen an die sinnlichen Glücksmomente bald der militärische Befehlston des Kommandeurs und der Gestank der Latrine. Wolodjas Einheit wird in den Boxerkrieg (1900) gegen die aufständischen Chinesen geschickt. Und das Unheil nimmt seinen Lauf: Nachdem der junge Soldat noch in einem Brief die Überfahrt nach China geschildert hat, trifft die Nachricht seines Todes bei Wolodjas Eltern ein, die daraufhin Sascha benachrichtigen. Doch damit brechen Wolodjas Briefe an Sascha nicht etwa ab – seine Berichte vom Kriegsgeschehen sind weiterhin zu lesen. Nach der Ankunft in China beschreibt er seine Erlebnisse im Militärlager, auf dem Schlachtfeld und in der eroberten Stadt Tientsin. Dabei schildert er seiner Geliebten die entsetzlichen Kriegsgräuel, deren Zeuge er wurde.
Auch Sascha schreibt ihrem Wolodja weiterhin. Im Gegensatz zu ihm wird sie älter. Sie lebt in Moskau, in einer Zeit, die von äusseren Geschehnissen nicht näher bestimmt wird. Von der Politik spricht Sascha nicht, von ihrer Arbeit in einer Abtreibungsklinik kaum, dafür von ihren Erinnerungen und ihren privaten Schicksalsschlägen: Ihr Mann war bereits verheiratet und hat aus erster Ehe ein Mädchen, dem Sascha versucht, eine gute Stiefmutter zu sein. Die kleine Sonja lehnt sie jedoch ab. Sascha wird selbst schwanger und verliert das Kind vor der Geburt. Sonja erleidet einen Unfall und die Liebesbeziehung zum Vater des Mädchens nimmt ein Ende. Wieder allein, pflegt Sascha ihre alten Eltern bis zu deren Tod.

Grausamkeit und Hingabe, Liebe und Hass: Briefsteller spricht von dem, was die Menschen umtreibt – allem voran dem Gedanken an den Tod der anderen und an den eigenen Tod. Bedeutet der Tod die endgültige Trennung, oder gibt es eine Welt, in der das Getrennte wieder zusammenfindet? Gleich zu Anfang des Buches erscheint das Prinzip des Reims, der die Welt zusammenhält:

Ich habe deine Karte wieder gelesen. Ja, ja, ja: Alles reimt sich, das ist wahr! Man muss sich bloß umschauen. Überall Reime! Hier die sichtbare Welt und da – wenn du die Augen schliesst – die Unsichtbare. Hier der Zeiger der Uhr, da der Reim auf sie: Strombus, die Meeresschnecke, aus der ein Aschenbecher wurde. Hier die Kiefer, deren Ast am Himmel unentwegt etwas zu flicken hat – dort auf dem Regal ein Kräutlein aus der Apotheke, geeignet, Winde zu vertreiben. Hier mein verbundener Daumen – bestimmt bleibt da jetzt eine Narbe fürs Leben – und als Reim darauf derselbe Daumen, nur vor meiner Geburt oder wenn ich einmal nicht mehr bin, was vermutlich dasselbe ist. Alles ist mit allem in der Welt verreimt. Die Reime halten die Welt zusammen wie Nägel, bis an die Köpfe sind sie hineingetrieben, damit ja nichts auseinanderfällt.

Das so beschriebene Reimprinzip bestimmt auch das Buch von Michail Schischkin: Zwar ist die Besonderheit dieses Briefromans, dass die Briefe der Liebenden nie direkt aufeinander antworten, was die Leser schon vor der Nachricht von Wolodjas Tod etwas stutzig macht. Der Titel des Romans weist allerdings darauf hin, dass es sich nicht um einen realen Briefwechsel handelt, doch ist seine Wortbedeutung nicht mehr bekannt: «Briefsteller» hiess im 18. Jahrhundert ein Buch, das eine Anleitung zum Briefeschreiben gab. Kein direkter Dialog also, sondern eher eine Briefsammlung für die Leserschaft. Und dennoch weben zahlreiche Anklänge zwischen den Erlebnissen, den Erinnerungen und Gedanken der beiden Liebenden ein dichtes Netz an Bezügen, an «Reimen», die den Roman zusammenhalten. Stellt Sascha ihrem Geliebten in ihrem ersten Brief unvermittelt eine Frage zur Mona Lisa («weißt du übrigens, worüber sie lächelt? Ich hab es, glaube ich, heraus»), so findet sich gegen Ende des Buches eine Antwort von Wolodja: «Inzwischen weiß ich sicher, worüber sie lächelt. Sie lächelt, weil sie schon dort ist, und wir sind noch hier. Sie lächelt uns zu von dort drüben.» Mögen die Betrachtungen über die Welt «dort drüben», über Ewigkeit und Unsterblichkeit manchmal etwas zu sehr nach Sinn- und Trostfindung anmuten, so schliesst man das Buch doch geschüttelt von dem Grauen des Kriegsgeschehens und beglückt von den ganz konkreten Beobachtungen und wunderbaren Formulierungen. Denn was ist der Mensch? «So ein Knäuel aus Wärme und Licht.»

Note critique

Nach Venushaar besticht der in der Schweiz lebende Russe Michail Schischkin in Briefsteller (übersetzt von Andreas Tretner) erneut mit seinem ganz besonderen Ton: tieftraurig, erdenschwer, und doch wieder ganz leicht und humorvoll. Es handelt sich um einen Briefroman: Die beiden Liebenden Sascha und Wolodja werden nach einem Sommer auf der Datscha getrennt. Er kämpft in China im Boxeraufstand (1900), sie studiert in Moskau Medizin. Wolodja stirbt, Sascha heiratet – doch der Briefwechsel geht unbeirrt weiter. Mehr als der philosophische Gehalt des Romans überzeugen die genauen Beobachtungen und sinnlichen Beschreibungen. Denn was ist der Mensch? «So ein Knäuel aus Wärme und Licht.» (Ruth Gantert)