Das Leuchten in der Ferne

Über die afghanischen Berge

de Beat Mazenauer

Kriegsreporter leben gerne gefährlich. Das Unvorhersehbare ist für sie gewissermassen Lebenselixier, wogegen der gemächliche Alltag bloss Gefühle der Beengung und Langeweile hervorruft. Zumindest bei Moritz Martens verhält es sich so. Er war an allen Hotspots der Welt im Einsatz, mittlerweile in die Jahre gekommen ist sein Ruf aber etwas verblasst. Der Gedanke an ein Leben mit Steuererklärung und Sonntagsspaziergang beginnt heimtückisch in seine Lebenspläne einzusickern. In diesem emotionalen Zwiespalt gefangen springt er nur zu gerne auf ein neues Angebot an.

Auf dem städtischen Amt kommt er zufällig in Kontakt mit Miriam Khalili. Die Begegnung bliebe folgenlos, hätte Miriam nicht in Martens jenes Faible fürs Abenteuer gespürt, das ihn wenn nötig «sämtliche Bedenken bei fahrendem Schiff über Bord» werfen liess. Sie lädt ihn zu sich ein und tischt ihm die Idee für eine Story auf, der er (allzu) leichtfertig erliegt, obwohl einiges daran ungereimt klingt. Unter dem Sigel eines humanitären Anliegens steht ihm eine Reise zu den Taliban in Aussicht. Noch weiss Martens nicht, dass es Miriam um etwas ganz anderes geht. Doch Martens ist keiner, der schnell aufgibt, auch nicht, als ihm ernsthafte Zweifel über das Vorhaben kommen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Martens und Miriam, so unterschiedlich ihre Lebensauffassungen sein mögen, durch das gemeinsame Abenteuer  einander auch erotisch näher kommen.

In Afghanistan ist dann alles anders. Miriam gesteht ihre Lüge und weiht Martens in das wahre und nicht minder gefährliche Unternehmen ein. Über Kontaktpersonen werden sie zu einem skrupellosen Bandenchef namens Dilawar geführt, der ihnen gegen Geld eine Geisel überlässt. Das Unternehmen gelingt – allerdings nur, weil Martens als neue Geisel bei den Taliban zurückbleibt. Er ist seiner Neugier für eine knallige Story bedenkenlos, naiv in die Falle gegangen. Doch – soviel sei verraten – eine Story könnte es dennoch werden.

Die Gesetze des Buchmarkts sind rigide. Sex, Spannung und Exotik sind die Zutaten von Büchern, die sich im Markt behaupten wollen. Linus Reichlin bedient sie in «Das Leuchten in der Ferne» gekonnt. Es geschieht allerdings um den Preis, dass die zwei Kernelemente des Romans, die Liebesgeschichte hier und das Taliban-Abenteuer da, nicht reibungslos zusammen passen. Die Beziehung zwischen Martens und Miriam ist zwar akkurat aufgebaut und bleibt knisternd rätselhaft. Sobald die beiden aber Berlin verlassen, wird sie aufgepeppt bis zu jenem Höhepunkt, als sie auf der Ladebrücke eines Toyota, der sie zu den Taliban fährt, das Holpern der Strasse sexuell transformieren. Die Frage mag kleinlich anmuten, aber ist die Aussicht auf ein gänzlich unberechenbares Abenteuer mit den moralistischen Tugendwächtern wirklich ein guter Spielplatz für Sex? Oder nicht doch nur modische Konfektion? Sex sells.

Dass Reichlins Roman derlei nicht nötig hätte, zeigt sich spätestens da, wo Miriam fürs erste aus dem Buch verschwindet und Martens mit den Taliban – als Gast und Gefangener zugleich – über die Berge zieht.
Seit einer Geiselnahme 1973 spricht man vom «Stockholm-Syndrom», wenn sich Opfer emotional mit ihren Geiselnehmern verbunden fühlen. Moritz Martens verfällt diesem Syndrom, zum einen weil er den Taliban ausgeliefert ist. Er geniesst zwar den Schutz Dilawars, doch wenn immer möglich wird er vom subalternen Yousef gedemütigt. Zum andern zieht ihn die archaische Lebensweise der Taliban an. Ihn fasziniert, wie sie (ganz und gar unbürgerlich) mit einem Minimum an Komfort auskommen. Die Wege sind lang, und so weit das Auge reicht erstreckt sich nichts als eine endlose Gebirgswüste. Martens sackt gewissermassen in dieses elementare Dasein ab. Bloss in schwachen Momenten zwischendurch fehlt dem Feinschmecker eine kleine Gaumenfreude, und ein guter Wein.

Linus Reichlin war nie in Afghanistan, wie er in Interviews versichert hat. Aufgrund von Erzählungen eines afghanischen Freundes, der die Taliban kennt, ist es ihm dennoch gelungen, diesen zweiten Teil mit ruhigen, detailscharfen Bildern und einer trägen Spannung zu versehen, die ihre Wirkung nicht verfehlt. Eine Kumpanei mit den Taliban, frei von Politik und Moral, liesse sich dagegen einwenden. Aus Sicht von Martens wirkt dies durchaus schlüssig. Die grausame Steinigung einer «bösen Frau» wird nicht ausgespart, nur in den Hintergrund gedrängt. Letztlich erliegen wir alle, als Leser von Kriegsreportagen, immer wieder dieser Faszination für das wilde Abenteuer, das uns Martens und seine Berufsgenossen in die gute Stube liefern. Das Genre der Kriegsreportage ist nicht nur aus politischen Interessen geboren.
Zwischen den beeindruckenden Einblicken in eine fremde Lebenswelt und dem konventionellen Beziehungsgefüge hinterlässt Reichlins Roman letztlich einen ambivalenten Eindruck. Etwas weniger von letzterem hätte ihm mehr Glaubwürdigkeit verliehen.