Noch ein Leben für John Potocki
Roman

Jan Nepomucem Graf Potocki (1761–1815) galt zu Lebzeiten als einer der reichsten Männer Europas. Er bereiste die ganze Welt und hinterließ einen Meilenstein der europäischen Literaturgeschichte, ›Die Handschrift von Saragossa‹. Felix Philipp Ingold folgt den Spuren des legendenumrankten polnischen Adligen und nähert sich spielerisch, verspielt, spielend seiner Biografie. Malta, London, Afrika, Asien, Petersburg, Begegnungen mit Schachautomaten, einem sprechenden Affen, rauschende Feste, wo immer er auftritt – und ein Lebensende, das sich auf mehrerlei Arten ereignet haben könnte. In jedem Fall: Ein Leben, das zum Roman geworden ist.

(Klappetext Matthes & Seitz)

Das Biographie-Game – ein Nachspiel

de Beat Mazenauer

«So weit die wahre Geschichte. Jetzt müsste sie bloss noch erfunden werden», so schliesst der Roman Alias oder Das wahre Leben. Mit ihm legte Felix Philipp Ingold 2011 eine gebrochene, zwischen Wahrheit und Fiktion oszillierende Biographie über Kirill Beregow (1922-1993) vor. Wo der Blick in Wirklichkeit nicht mehr hinkommt, hilft die Fiktion weiter. In seinem jüngsten Buch Noch ein Leben für John Potocki schreibt Ingold dieses Projekt fort, indem er den «Alias»-Begriff in eine digitale Umgebung einbettet. Aus dem Anderswer wird ein Avatar, oder eine Software-Verknüpfung, die eine wahre Biographie neu kontextualisiert und virtuell veranschaulicht.
Wie der Titel signalisiert, geht es darin um ein zweites, oder drittes Leben für John alias Jan Nepomuk Potocki (1761-1815). Der Name steht für eine schillernde historische Figur: «ein polnischer Forschungsreisender, Historiker, Romancier und Diplomat», der heute «v. a. als Verfasser des Romans ‹Die Handschrift von Saragossa› bekannt» ist. So steht es im Internetlexikon Wikipedia, das Ingold selbst gerne mit einem referenziellen Kunstgriff zu Rate zieht.

«Wie nicht beginnen?» setzt sein Roman mit einer rhetorischen Figur an. Das Verfassen einer Biographie unterliegt immer einem Widerspruch. Der Text ist am Ende kürzer als das Leben, deshalb verändert und verfälscht er dieses. Die Regel gilt für die «Selbsterlebensbeschreibung» (wie Jean Paul es nannte) und erst recht für die historische Biographie. Was können wir aus der Optik der Nachgeborenen von frühern Zeiten überhaupt wissen? Ingold ist ein gewiefter und theoriefester Autor, der bestens um diese Klüfte weiss. Biographien sind brüchiges Gelände. Deshalb versucht er schon gar nicht, das erste Leben von Jan Potocki zu beschreiben, sondern widmet sich gleich einem zweiten, getreu der Devise von Andrej Platonov im Vorspann zum Buch: «Der Mensch braucht unbedingt ein zweites Leben, sonst braucht er auch das erste nicht.»
Seinem Theaterstück «Biographie» setzte Max Frisch eine Widmung von Platonovs Landsmann Tschechow voran: «Wie, wenn das eine Leben, das man schon durchlebt hat, sozusagen ein erster Entwurf war, zu dem das zweite die Reinschrift bilden wird!» Eine Reinschrift ist es im Falle von Ingold nicht geworden, eher eine Irritation im historischen Nachspiel von Potockis Leben. Frischs Stück ist dafür eine interessante Folie, ein Spiel der Möglichkeiten, wofür Ingold eine ganz und gar andere Lösung sucht und findet.

Er erzählt die Biografie Potockis in Form eines Computergames nach. Der Spieler-Erzähler (und mit ihm die Leserschaft) betritt eine virtuelle Text-Umgebung, in der ihm die Lebenswelt Potockis auch bildlich aufgeht. Er kann historische Räume und Kontexte visualisieren und so neue Einblicke gewinnen. Er folgt Stufe um Stufe der fremden Biographie, lotet ihre Lebensmöglichkeiten aus und denkt über Alternativen nach.
Der Mensch schreitet durch einen Garten sich verzweigender Möglichkeiten und zieht die Realität hinter sich her. So etwa liesse sich das Setting hier beschreiben. Wir begegnen John Potocki in verschiedenen Lebensphasen und -anekdoten und erweitern unsern Horizont durch die Andeutung von biographischen Alternativen, historischen Kontexten und auch anachronistischen Bezügen quer durch die Zeitalter – beispielsweise beim kurzen Auftritt eines gewissen «Haidegger».
Zu Beginn lernen wir den jungen Potocki in einem prägenden Moment kennen. Während der Vater ein meist abwesender Tyrann war, blieb die Mutter blass und unbedeutend. Der junge John wuchs im Schloss bei Tanten und Cousinen auf. Doch einmal wurde er vom Vater für einen Streich in den finstern Turm gesteckt, wo er seine Liebe für die Zahlen entdeckte. Ein biographisches Schlüsselerlebnis. Diese Liebe sollte ihn begleiten, ebenso wie das Zeichnen und Malen, während das Schreiben seinen ungelenken Händen zeitlebens höchste Mühe bereitete.
John Potocki wurde Privatgelehrter in allen möglichen Dingen. Ingold schickt ihn auf die Reise nach Marokko, wo er festgehalten wird und nur mit Not fliehen kann. Auf seinen Spuren weckt der Erzähler auch Reminiszenzen an Sternstunden der Geschichte. Wir werden Zeuge des legendären «Schachtürken», des ersten ‹Schachcomputers›, der insgeheim aber noch mit Manpower getürkt war. Oder wir erhalten Eindrücke vom glänzenden Hofstaat des weniger glänzenden Zaren Paul I., dem Potocki diente.
Selbst sein Ende ist legendär, je nach Lesart und Mythos. Während Wikipedia behauptet, er habe sich mit einer Kugel erschossen, die er sich selbst aus einem Samowar-Knopf während Stunden zurecht geschliffen habe, insinuiert Ingold, das er bei einem Luftballonflug verschwunden sei.

Felix Philipp Ingold ist ein raffinierter Biograph, der uns Dinge vorgaukelt, die sich bei Nachprüfung oft als wahr und richtig erweisen, zuweilen aber auch bloss erfunden und erlogen sind. Die Grenzen bleiben diffus, selbst wenn er aus Internetquellen zitiert und so seine Nachforschungen scheinbar transparent macht. Mitunter heisst es aber auch einfach: «Belege dafür haben wir nicht», um derart die illusionäre Füllung von historischen Leerstellen gleich selbst in Frage zu stellen. Die Beschreibung von Potockis Leben ist ganz auf Verfremdung bedacht. Der Erzähler gibt sich als moderner Zeremonienmeister zu erkennen auf der Grundlage einer digitalen Inszenierung. Die kurze Rahmenhandlung schildert, wie er ausgerechnet in Nabokovs ehemaligen Etablissement in Montreux ein Potocki-Computergame zu Testzwecken ausgehändigt erhält mit der Auflage, einen Bericht dazu zu verfassen. Der Roman ist das (von den Auftraggebern nie gelesene) Resultat davon.

Biographie ist eine Frage der Inszenierung. Weshalb also nicht mittels eines Biographie-Games? Ingold betont diese Spielanlage immer wieder mit Nachdruck. Nichtsdestotrotz bleibt er genau hier aber inkonsistent und ungenau.
Es beginnt bei Formalien. Was wird eigentlich gespielt? Der Erzähler erhält auf DVD ein Game ausgehändigt und dazu eine Xbox 360 – also eine Spielkonsole. Später spricht er von einer «Playstation», dem Konkurrenzprodukt der Xbox. Hinzu kommen Touch-Screen, Klicks und anderes mehr, was eher auf ein Spiel am Computermonitor hindeutet. Alles in allem bleiben Charakteristik und Konzeption des Games somit unklar. Auch im Vollzug behält es etwas diffus Hybrides zwischen virtueller Lebensumgebung à la Second Life und levelbasiertem Action-Game. Doch Potockis (historisches) Leben steht nicht auf dem Spiel, auch wenn wiederholt von Levels und neuen Aufgaben die Rede ist.
In dem Punkt gibt sich der Erzähler unentschieden, was sich auch auf die Lektüre niederschlägt. Sein Insistieren auf dem digitalen Spielcharakter verleiht dem Buch stellenweise etwas Krampfhaftes, Anstrengendes. Die Frage des Erzählers ist daher durchaus berechtigt: «Wer aber sind … wer eigentlich ist das – wir?»

Leichter fällt es, den Game-Hintergrund als rhetorischen Kunstgriff zu begreifen, der primär dazu dient, die historischen Leerstellen, geheimen Umstände und unausgeloteten Verknüpfungen zu erhellen. Potocki wird dabei nie der Gefahr eines vorschnellen Todes ausgeliefert (da dies historisch unwahrscheinlich ist), vielmehr wird nachgespielt oder nachgestellt, wie er aus einem Kranz von Möglichkeiten den ihm eigenen Weg auswählte und ging. Durch fiktive Arrangements werden Tatsachen geschildert und zugleich als historische Wahrheit diskreditiert. Die (moderne) Optik des Betrachtenden bleibt dabei entscheidend. Er schaut gewissermassen durch ein Schlüsselloch der Geschichte und erkennt dahinter ausschnittweise eine Welt, die er virtuell nach eigenem Gusto und eigenem Wahrnehmungshorizont ausstaffiert. Gegen Ende thematisiert der Erzähler die daraus resultierenden Schwierigkeiten. «Alles Lug und Trug. Alles klar. Alles wahr», fasst er sein «Rendez-vous von Dingen, das nur als Fiktion wahrhaftig ist», zusammen. Literatur vermöge zu verwirklichen, was selbst der Autor nicht wisse und wissen könne. Daraus aber, wendet er ein, entstehen Schwierigkeiten für die Leserschaft, die nur lesen will, was sie «immer schon verstanden hat». In dem Sinne erweist sich Ingold als ein Biograph etwa vom Schlage eines Perec im neu entdeckten Roman Der Condottiere. Er stiftet ungewohnte Zusammenhänge und zerrüttet sie zugleich – etwa wenn die ohnehin höchst schrägen Foto-Illustrationen in einer Weise angeordnet sind, die jede Lesefreundlichkeit mutwillig verweigert.

Felix Philipp Ingold ist mit seinem digitalen narrativen Setting ein hohes Risiko eingegangen, das sich trotz glänzender Passagen am Ende nicht restlos auszahlt. Vielleicht braucht es auch dafür ein zweites Leben. Zum Schluss sei nochmals der unglückliche Dichter Andrej Platonov zitiert, der womöglich genau wusste, wovon er sprach: «Das Leben ist eine Möglichkeit, die man verpassen kann und verpasst haben wird.» Und dennoch ist es lebens- und lesenswert.

Note critique

»Alles Lug und Trug. Alles klar. Alles wahr.« Felix Philipp Ingolds Noch ein Leben für John Potocki erzählt die Biografie einer schillernden, abenteuerlichen Figur als Computer-Game. In einer virtuellen Umgebung werden Etappen aus dem Leben von Jan Nepomuk Potocki (1761–1815) in neuem Licht entfaltet. Die derart heraufbeschworene historische Epoche bleibt jedoch ein künstliches Gebilde, denn das Wissen ist gänzlich abhängig von unserer (modernen) Optik. Ingolds Versuch im digitalen Setting ist reizvoll angelegt, leidet aber darunter, dass der virtuelle Kunstgriff narrativ wie technisch nicht restlos konsistent ist.

(Beat Mazenauer, Viceversa 8, 2014)