Alles kann lösen
Schallerziehung

«Ich schätze das Abseitige, Angekommene und noch nicht Abgeschlossene in seinen Texten. Wenn ein Niederflurbus abfährt und dabei aber noch eine Tür aufsteht, dann könnte da jemand herausfallen und keiner könnte das wie Michael Stauffer beschreiben, wie da jemand herausfiele. Vielleicht noch Dürrenmatt. Der hat mir als Kind mal Schiffe auf dem Zürichsee gezeigt mit dem Satz ’Wollen doch mal sehen, ob nicht gerade eines untergeht’. Stauffer sagt solche Sätze ständig, ohne sie zu sagen.»

Nora Gomringer, Buchpräsentation Der gesunde Menschenversand

Sprich's aus, lass los!

de Beat Mazenauer

Im Alltag treibt die Sprache Kapriolen und Blüten, dass man zuweilen glaubt, all das aufschreiben zu müssen. Meist jedoch bleibt es beim schönen Vorsatz.
Ja, warum selbst aufschreiben, wenn es einer für uns tut! Michael Stauffer geht in der hundskommunen Alltagskomunikation für seine Leserschaft auf die Pirsch und trägt deftige, absurde, schwadronierende, radebrechende Beute mit nach Hause – respektive auf die Bühne. Von da her kennt man ihn, den dadaistischen Radaubruder mit den vielen Idiomen. Seine besten Sprachstücke und Sprechtexte liegen nun auch in Buchform vor. «Alles kann lösen» lautet die Patentlosung, mit Bezug auf einen jener Zettelchen, die vor Jahren von windigen Wunderheilern in die Briefkästen verteilt wurden – und vielleicht noch werden.

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Alles kann lösen!

PROFESSOR NGEMBE

Stauffer selbst ist ein solcher Professor Irgendwer auf dem Gebiet der Sprachheilkunst. Wo andere Schreiber und Schreiberinnen instinktiv Abstand halten, langt er kräftig zu: Er kalauert, beschimpft, ergötzt sich in kindischen Witzen. Doch mit System. Denn was auf den ersten Blick wie plumpe Nachahmung der banalen Wirklichkeit anmutet, trägt den Virus der Verfremdung, Verdrehung, Veräppelung in sich. Oder wie es Claude Salmony im Nachwort schreibt: Die Abweichung von der Norm ist eine «wichtige Methode seines Schreibens». Der Widerstand steckt in der scheinheiligen Affirmation. Stauffer lehnt sich gegen alle Diktate auf, der Sprache wie des Sinnes. «Ich bi mit vielne befremdet», lautet ein Tagebucheintrag «vomene Esel».

Inhaltlich verlegen sich seine struben, rohen, kauzigen Texte gerne auf biedere Alltagsszenen, die ins Absurde kippen, oder in ein böses Schreien und Fluchen. Auf der Bühne weiss Stauffer bestens zu inszenieren, denn «Wenn di ufreggsch, säggs eifach»:

Du bisch en huere Glatzkopf, e verdammti Wurschtbire.

Du bisch so en elende Gschwullne-Grind.

E huere Puddingwampe.

En Pissbock, en elende, en verreckte.

Ein Erzähler am Rande des Nervenzusammenbruchs, mutet es oft an. Ob stammelnd, parlierend, reimend oder melodielos singend. Stauffer erzählt am liebsten von einfachsten Dingen und kaum nennenswerten Ereignissen, die wir alle kennen.
Verräterisch naturalistisch klingen die Dialogfetzen eines Mamis zu ihrem Maik im Zug oder Tram («Maik, s Mami wött dr öppis säge»), gewitzt die falsch zugestellte SMS, die er trotzdem beantwortet, hanebüchen verdreht die sprachliche «Gliichberechtigung»: «Ich säge nu no: / Bau-sie-nspeck statt Bau-er-nspreck / Pfeff-sie statt Pfeff-er ....»

«Tätü Dada» trällert es insgeheim dazu, wenn er Gott sprechen und drohen lässt oder die Berner Bären durchdekliniert («Arabär»).

Zu sagen, dass jede Geschichte, jedes Sprechstück ein artistisches Kunststück sei, wär eine unrühmliche Übertreibung. Stauffers Spiele geraten nicht immer raffiniert, er meidet auch den plumpen Kalauer nicht. Aber er redet virtuos mit vielen Zungen. «Alles kann lösen» präsentiert sich als geradezu babylonisches Gewirr, angefangen mit dem eigenen Thurgauer Dialekt, dann weiter im berndeutschen Mimikry, dem Zweisprachenidiom Biels, träfem Balkan Slang, Pseudo-Türkisch oder krudem Inglisch-Pidschin wie in «My Home 1-6» («Hello evfribodi...»).

Die Leserinnen und Leser finden in dem Band gewiss ihre liebsten Texte. Allen voran bietet er ein paar grandiose Highlights der zeitgenössischen Sprechkunst. «Das oraschi Schatz» etwa («Die oraschi Schatz, zwai Függs. Lueg sie a.») oder «Jesus oder Allah», im Yugo-Slang mit der frappierenden Schlussfolgerung:

«Auso guet, mir mache so. Jesus isch Allah vo Herr, isch Mönsch vo Gott, isch fertig.»

Die politische Korrektheit hängt sich hier an den eigenen Floskeln auf.
Eigentlich müssen diese Texte für sich laut gelesen werden. Und mit allen darf man selbst auch spielen, so mit dem leiernden «aff».

wa bisch du für en aff

ich bi de sms aff

wa bisch du für en aff

ich bi de ipod aff

wa bisch du für en aff

sägmers wa bisch du für en aff

Ersetze aff durch app, und der Text klingt geradezu zeitgemäss. In Michael Stauffers Texten holt uns der Alltag immer wieder ein.

Note critique

Tatü Dada, Michael Stauffers Texte sind da. Alles kann lösen versammelt Gedichten, Geschichte und Absurditäten, mit denen Stauffer sein Publikum von der Bühne herab unterhält oder malträtiert. Im Zentrum stehen oft banale Alltäglichkeiten, die er virtuos in den verschiedensten Dialekten und Sprachen verdreht und verfremdet. In der offensichtlichen Banalität steckt der Wurm. Stauffer lehnt sich gegen alle Normen auf, die der Sprache wie des Sinnes – und dabei macht er auch vor dem plumpen Kalauer nicht halt. Gerade deshalb beinhaltet das Buch ein paar grandiose Highlights der zeitgenössischen Sprechkunst wie den Dialog über »Allah oder Jesus« im Yugo- Slang.

(Beat Mazenauer, Viceversa 8, 2014)