immeer
Roman

«Eva! Setz dich auf und zieh die Knie an und schau dich um! An den Unmengen nackter Körper vorbei auf das Meer! Sie hindurch durch die Lücken zwischen den kleinen Booten! Und dahinten das Kreuzfahrtschiff am Horizont! »
Ich nicke und frage die Fliege: «Es ist doch schön hier, oder?»
Sie fliegt dicht an mein Ohr und flüstert hinein: «Aber warum bist du hier, wenn du nicht einmal weißt, ob es hier schön ist?»
Ich antworte, ich sage: «Sieh dich doch mal um! Sieh doch auf das Wasser – dort hinten, wo die Hitze das Meer benebelt, die Linie des Horizonts verwischt. Das kann ich nicht übersehen.»
Eine Wolke schiebt sich von der toskanischen Küste unter dem Himmel hindurch und steht über der Bucht Barbarossa. Ich ziehe mir meinT-Shirt über.
«Komm! Komm, steh auf!», sage ich zu Monn.
«Lass uns gehen. Es wird gleich regnen.»
Monn rollt sich auf den Rücken, schiebt sich langsam die Sonnenbrille in die Stirn, kneift die Augen zusammen und fragt: «Was?»
Ich schaue ihn an, werfe das Handtuch zurückauf die Matte und lächle: «Nichts.»
«Ist dir kalt?», fragt Monn.
«Nein. Warum?»
«Weil du dich angezogen hast.»
Ich lächle immer noch hinunter zu ihm, hebe die Arme, schaue mich nach allen Seiten um und pelle mich wieder aus dem T-Shirt.
(Henriette Vásárhelyi, immeer)

«Ich weiß, aber trotzdem.»

de Ruth Gantert

«Aber warum bist du denn hier, wenn du nicht einmal weißt, ob es hier schön ist?»

«Hier» ist auf der Insel Elba, und die Angesprochene heisst Eva Blach. Die junge Frau ist an der Ostsee aufgewachsen, lebt in Berlin und macht zu Anfang des Buches Urlaub am Mittelmeer mit ihrem Freund Monn. Sonnenbaden, schwimmen, zum Aperitif und zum Essen ausgehen, schlafen – was könnte daran nicht schön sein? Doch etwas stimmt nicht. Die eingangs zitierte Frage stellt eine Fliege, die Eva überallhin begleitet und mit der sie sich unterhält. Die Ich-Erzählerin spricht nicht nur mit Tieren, sie taucht auch immer wieder ab in Träume und Erinnerungen. Die entsprechenden Passagen heben sich mit einer anderen Schrift von der Erzählung der Gegenwart ab. Das Mittelmeer vor Eva wird in ihren Gedanken zur Ostsee, wo sie mit Jan aufwuchs, ihrem Freund aus der Kinderzeit. Zu Jan und Eva gesellt sich später Heiner als Dritter im Bunde, der jedoch bald zu viel Platz einnimmt, und Eva ihren Jan streitig macht. Besonders ein Bild von Jan kehrt obsessiv wieder:

«Jan schwimmt mit großen Zügen aufs Meer hinaus. Er dreht sich auf den Rücken. Er hebt den Kopf und winkt mir umständlich zu. Ich sehe ihm nach.»

Schnell wird klar, dass Eva einem Toten nachsieht. Jan ist an Krebs gestorben, an einem Hirntumor, der sich schon früh bemerkbar machte und immer wieder nachwuchs, bis keine Operation mehr helfen konnte. Die Ostsee wurde zu Jans Grab; in sie verstreute man seine Asche.

Dem Auftakt in Italien folgt eine lange Rückblende in Berlin, der Stadt, in der Eva mit Jan und Heiner die Wohnung teilte. Trotz oder wegen Jans Krankheit stürzen sich die drei in alle Exzesse der Grossstadtjugend: Zigaretten, Alkohol, Drogen, Musik, Sex. Heiner verkauft Drogen und seinen Körper, Jan lebt von Sozialgeld, Eva arbeitet als ungelernte Hilfskraft in einem Hotel. Mit einem Verrat an Heiner lädt Eva Schuld auf sich, worunter ihre Beziehung zu beiden Männern leidet. Nach Jans Tod gleitet Eva in einen schwebenden Zustand zwischen Luzidität und Wahnsinn, den ein kurzer, unvollständiger Satz perfekt benennt: «Ich weiß, aber trotzdem.» Eva weiss, dass Jan tot ist, trotzdem ruft sie ihn mehrmals auf seinem Handy an und lernt so Monn kennen, der Jans Telefonvertrag übernommen hat. Eva weiss, dass sie die Wohnung räumen und Jans Sachen weggeben muss, trotzdem nimmt sie die schon in Kartons gepackten Gegenstände immer wieder hervor und stellt sie an ihren Platz zurück. Als ihr Verhalten immer seltsamer wird, bringt Monn Eva in eine Klinik. Nach einem Besuch an der Ostsee lässt Eva endlich zu, dass die Wohnung geräumt wird und willigt ein, mit Monn auf die Insel Elba zu fahren.
So führt der lange Mittelteil wieder zurück zur Ausgangssituation und dem italienischen Strandleben. Kommt hier eine Lebenskrise zu ihrem Abschluss? Wird es nun besser, wie der nach vorne schauende Monn hoffnungsvoll meint? – Der Roman findet ein unerwartetes und doch schlüssiges Ende.

Immeer ist ein Buch über Tod und Trauer. Es gelingt der Autorin mit starken Bildern und einer eigenständigen Sprache, sämtliche Klippen, die bei diesem Thema drohen zu umschiffen: Weder der Verstorbene noch Evas Beziehung zu ihm werden idealisiert. Über den modernpsychologischen Jargon der «Phasen der Trauer» oder Begriffe wie «Lebensqualität» kann Eva nur lachen. Tatsächlich ist das Buch trotz der schweren Thematik auch humorvoll, zum Beispiel wenn die «Verrückte» ihre Mitinsassen der psychiatrischen Klinik beschreibt, oder wenn sie alle besorgten Blicke, die sich auf sie richten, sehr wohl registriert und eisern versucht, den Anschein von Normalität zu wahren. Auch und gerade in ihrer «psychischen Ausnahmesituation», wie sie ironisch sagt, beobachtet die Erzählerin genau. Ihre nüchternen Kommentare treffen ins Schwarze; Selbstmitleid ist ihr fremd.
Wie sich in Evas Leben Wirklichkeit und Traum, Gegenwart und Vergangenheit vermischen, so kombiniert der Text Zitate, Dialoge, Berichte und Beobachtungen zu einem rhythmischen Ganzen. Poetische Bilder treffen auf prosaische Sätze, Verse aus modernen Liedtexten fügen sich in die Erzählung ein.
Bei aller zeitgenössischen Verortung hat der Roman eine mythologische Dimension. Die Präsenz der Fliegen lässt ein wenig an Sartres Aufnahme des Orest-Stoffes in Les Mouches denken. Mehr noch gleicht die Erzählerin der Figur des Orpheus. Wie er weigert sie sich, den Verlust der geliebten Person anzunehmen. Wie er steigt sie in die Unterwelt hinab, und wie er kann sie nicht anders, als zurückzuschauen. Der Romanerstling der 36-jährigen Autorin überzeugt und berührt als moderner Orpheus-Gesang.

«Man kann doch nicht mit Tieren sprechen. Das macht man nicht. Daran will ich mich halten. Aber sie fragen mich jetzt manchmal etwas.

Sie fragen nach Jan. Und ich will Jan nicht vergessen. Ich will ihnen nichts erzählen. Aber Jan nicht vergessen und sie fragen, worauf ich antworten will. Wenn ich aufhöre zu antworten, werde ich beginnen, Jan zu vergessen. Die Zeit legt sich über die alte Zeit, wandert weiter und alles schreitet fort, aber ich will nicht mit.»

Revue de presse

Henriette Vásárhelyi erzählt so, dass man die Logik der Vereinsamung ihrer Protagonistin, ihrer Verweigerung von Rückkehr ins Reich der Lebenden zu begreifen meint. Ihre Sprache ist packend, klar und tief; vielleicht liegt das am Meer, das den Fluchtpunkt des Romans darstellt. (Bernadette Conrad, Solothurner Zeitung, 23.08.2013)

Die Protagonistin hat auf die Frage, wann es denn genug sei mit der Trauer um einen Menschen, schlicht keine Antwort parat. Ihre Masslosigkeit jedoch ist eine literarisch eindringlich gestaltete Zumutung. (Alexander Sury, Der kleine Bund, 09.09.2013)

Dieses Buch ist wie ein Faustschlag: brutal und direkt, traurig und trotzig. Henriette Vásárhelyis für den Schweizer Buchpreis nominierter Roman «immeer» ist ein herausragendes Debüt, bei dessen Lektüre man wie die Hauptfigur Eva den Boden unter den Füssen verliert. (Martina Läubli, NZZ, 22.10.2013)

Note critique

Eva macht Ferien auf der Insel Elba mit ihrem Freund Monn. Doch die Freuden des italienischen Strandlebens erreichen sie kaum. Die Ich-Erzählerin spricht mit Tieren, taucht immer wieder ab in Träume und Erinnerungen. Eva denkt an Jan, ihren Geliebten, der an einem Hirntumor gestorben ist. Seit Jans Tod schwebt Eva zwischen Luzidität und Verrücktheit. Wie sich in Evas Leben Wirklichkeit und Traum, Gegenwart und Vergangenheit vermischen, so kombiniert der Text Zitate, Dialoge, Berichte und Beobachtungen zu einem rhythmischen Ganzen. Der Romanerstling der 36-jährigen Autorin überzeugt und berührt als moderner Orpheus-Gesang.

(Ruth Gantert, Viceversa 8, 2014)