Entwürfe zu einem dritten Tagebuch

Im August 2009 meldeten die Feuilletons eine Sensation: In einem der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Teil des Max-Frisch-Archivs in Zürich war das Typoskript eines bisher unbekannten Werks des Schweizer Autors gefunden worden: 184 Seiten, von Frisch auf Tonband diktiert, von seiner Sekretärin in die Maschine getippt. Der Autor selbst hatte auf der Titelseite notiert: »Tagebuch 3. Ab Frühjahr 1982«.
Max Frisch lebte zu dieser Zeit in New York, zusammen mit seiner damaligen Lebensgefährtin Alice Locke-Carey, bekannt als »Lynn« aus der Erzählung Montauk. Ihr ist das Tagebuch 3 gewidmet, und vermutlich fällt das abrupte Ende der Aufzeichnungen Mitte der achtziger Jahre mit der Trennung von der Amerikanerin zusammen. Die USA und die Schweiz, die Reagan-Administration und das belastete Verhältnis zu der um vieles jüngeren Frau, der Kalte Krieg und der Krebstod eines engen Freundes: Wie die beiden legendären, 1950 und 1972 erschienenen Tagebücher verzeichnet auch das Tagebuch 3 Augenblicksnotizen neben längeren reflexiven Passagen – und hebt das scheinbar flüchtig hingeworfene Notat in den Rang des Literarischen: »Es gibt in Amerika alles – nur eins nicht: ein Verhältnis zum Tragischen.«

(Buchpräsentation Suhrkamp Verlag)

«Hänge ich am Leben?»

de Beat Mazenauer

Die Tagebücher von Max Frisch stellen eine genuine Kunstform dar, die charakterisiert ist durch Präzision und Komposition. Frisch hielt darin nicht Alltägliches fest, sondern etablierte eine ästhetische Reflexionsebene, die seine Arbeit an den literarischen Projekten kritisch begleitete. Zwei dieser Tagebücher über die Jahre 1946-1949 und 1966-1971 sind bestens bekannt.
In diese Reihe stellt sich auch das 2010 im Archiv aufgetauchte «Tagebuch 3». Frisch begann im Frühjahr 1982 daran zu schreiben, um ein Jahr später das Projekt wieder aufzugeben. Das daraus resultierende Typoskript hat Frisch nicht hinterlassen. Es blieb lediglich eine Fassung überliefert, die seine Sekretärin Rosemarie Primault vor Jahren dem Archiv übergeben hat.
Sollte dieser Torso nach dem Willen Frischs unveröffentlicht bleiben? Die vorliegende Publikation gibt darauf eine Antwort, die vorab innerhalb des Archivs stark umstritten ist. Das «Tagebuch 3» ist bruchstückhaft geblieben, als Ganzes fehlt ihm die Geschlossenheit seiner Vorgänger. Der Buchtitel «Entwürfe zu einem dritten Tagebuch» trägt dem Rechnung. Und auch die Aufzeichnungen 1982 / 83 verfolgen wenige Themenstränge und verknüpfen sie zu loser Stringenz.

«Hänge ich am Leben? / Ich hänge an einer Frau. / Ist das genug?» – lautet eine der frühesten Eintragungen. Die 30 Jahre jüngere Alice Locke-Carey war seit 1980 Frischs Lebensgefährtin, die mit ihm zwischen New York und Berzona pendelte. Mit ihr setzt das «Tagebuch 3» ein, etwa zeitgleich mit dem Agendaeintrag vom 20. April: «Alice geht nach NY. Ende», endet auch dieser Entwurf.
Alice war 32 Jahre jünger als Frisch und liess ihn, wie Notate verraten, seine Ohnmacht vor der «Augenblicklichkeit unserer Existenz als Leere vor dem Tod» spüren. Das Altern beschäftigte ihn intensiv. Leitmotivisch kehrt der stille Traum von einem Haus wieder, das er – an wechselnden Orten – für den Lebensabend einrichten würde.
In seinem Kern kreist das «Tagebuch 3» um das Sterben des Freundes Peter Noll. Im Dezember 1981 wurde bei ihm Krebs diagnostiziert, dem er ein Jahr später erlag. Noll, der das eigene Sterben in «Diktaten über Sterben und Tod» festhielt, forderte auch Frisch heraus. Es sind bewegende Szenen einer vergehenden Freundschaft, die er beschreibt, etwa wie Noll todkrank auf einer letzten Reise nach Ägypten zusammenbricht.
Ungeachtet dessen, wie der Autor heute selbst entscheiden würde, gibt es gute Gründe für eine Veröffentlichung dieses Entwurfs. Frisch zeigt sich darin als souveräner, genauer, selbstkritischer Beobachter und als engagierter Zeitgenosse. Seine Analysen der Politik Ronald Reagans, die mitunter zu Zorn aufwallen, sind scharf und präzise: «Love it or leave».
In dieser Form steht das dritte Tagebuch einem gewöhnlichen Tage- und Notizbuch näher als seine Vorgänger. Die Eintragungen werfen einen vitalen, auch berührenden Schatten auf Leben und Werk in jenen Jahren. Frischs unbedingter Stilwille, der sich in funkelnden Beobachtungen manifestiert, verleiht dem Buch eine Ausdruckskraft, die eine Publikation durchaus legitimiert.