Aus dem Berliner Journal

Als Max Frisch 1973 in der Berliner Sarrazinstraße eine neue Wohnung bezog, begann er, wieder ein Tagebuch zu führen, und nannte es Berliner Journal. Einige Jahre später betonte er in einem Interview, es handle sich dabei mitnichten um ein »Sudelheft«, sondern um ein »durchgeschriebenes Buch«. Seiner literarischen Form nach entspricht es den weltberühmt gewordenen Tagebüchern der Jahre 1946-1949 und 1966-1971: Neben Betrachtungen aus dem Alltag des Schriftstellers finden sich erzählende und essayistische Texte sowie sorgfältig gezeichnete Porträts von Kolleginnen und Kollegen wie Günter Grass, Uwe Johnson, Wolf Biermann und Christa Wolf. Nicht zuletzt zeugen die Tagebucheinträge von der außergewöhnlichen Wachheit, mit der Frisch als Bewohner West-Berlins die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR beobachtet und erlebt hat.
Es gilt als einer der großen Schätze in Max Frischs Nachlass, das legendäre Berliner Journal, vom Autor selbst mit einer Sperrfrist von zwanzig Jahren nach seinem Tod versehen, der »privaten Sachen« wegen, die er darin verzeichnete. Nun wird es erstmals in Auszügen publiziert, nun ist der unverwechselbare Frisch wieder da: illusionslos und voller Zweifel im Ton und mit lustvoll scharfem Blick auf die Welt und das Leben.

(Buchpräsentation Suhrkamp Verlag)

Vom Beobachten des Beobachters

de Beat Mazenauer

Dreiundzwanzig Jahre nach seinem Tod ist ein neues Tagebuch von Max Frisch erschienen. Der Autor selbst hat testamentarisch verfügt, dass es so lange verschlossen bleiben sollte. Frisch hatte es zu schreiben begonnen, als er 1973 mit seiner damaligen Frau Marianne nach Berlin umzog, in die Nähe von Grass und Uwe Johnson. «Übernahme der Wohnung (Sarrazin Strasse 8) und Abend bei Grass. Nieren», lautet sein erster Eintrag am 6. Februar 1973. In dieser kürzesten Notiz ist im Kern alles schon da: die Berliner Topographie, die sich für ihn schnell in die damalige DDR weiten wird, Freunde und Kollegen, die kritische Selbstbeobachtung.
Frisch hatte die Notiz auf ein kariertes Blatt Papier getippt und in ein Ringheft gelegt. Fünf solcher Hefte sollten es schliesslich werden, mit präzisen Beobachtungen, nachdenklichen Gedanken und luziden Porträts, aber auch mit Eintragungen über persönliche Beziehungen. Letztere hat der Herausgeber Thomas Strässle herausgefiltert, um sich in seinen Auszügen ganz auf das literarische Journal zu konzentrieren. In seinem Nachwort begründet er diese Auswahl zum einen damit, dass vorab die ersten beiden Ringhefte «sorgfältig ins Reine geschrieben, ausformuliert und durchkomponiert» sind, also für eine Veröffentlichung vorgesehen waren; wogegen die späteren, oft nur skizzenhaften Einträge «fast ausschliesslich um Frischs Privatleben» kreisen.
Das ganze Tagebuch ist Stoff für die Biographen, die vorliegenden Auszüge aber machen den Autor Frisch kenntlich, der wie kaum einer mit peinlicher und sich selbst peinigender Genauigkeit beobachtete und das Beobachtete festhielt. Der Anlass für den Umzug nach Berlin war eine gefühlte Beziehungslosigkeit zu Zürich, wo sich Metropole und Provinz in seltsamer Art vermischen. In Berlin erwartete ihn nicht nur eine richtige Stadt, hier fand er auch ebenbürtige Kollegen und einen Hauch von Weltgeschichte. Hier glaubte er neue Impulse für sein Schaffen zu finden und alte Gewohnheiten in Frage zu stellen. Das Gefühl beispielsweise, sich «für den Lauf der Welt verantwortlich fühlen zu müssen»: ein Irrtum - «als lebe man, um etwas zu sagen. Wem?»
Die Frage ist unangenehm, aber zentral für Frisch. Hat er etwas zu sagen, und wenn ja, wem? Warum? Ihn befällt Scham angesichts der entstehenden Notizen: «ein Zeichen, dass ich beim Schreiben schon an den öffentlichen Leser denke». In seiner Selbstbefragung und Selbstbeobachtung erweist sich Frisch als unnachahmlicher Meister. Schliesslich zieht er daraus ein Fazit: «Ich schreibe, um zu arbeiten. Ich arbeite, um zuhause zu sein.»
Frisch ringt um seine Arbeit und findet in jenen Wochen dennoch keinen Weg dazu. Manuskripte wie «Regen», das er bald in «Klima» umbenennt (und das er später als «Der Mensch erscheint im Holozän» publiziert wird), kommen nicht voran. Sie befriedigen ihn nicht, stattdessen erfüllt ihn Langeweile.
In diesen Prozessen ist ihm Uwe Johnson ein gnadenloser und produktiver Widerpart. Schon Jahre zuvor, erinnert sich Frisch, habe er ihn herausgefordert mit der Frage: «Herr Frisch, was machen Sie mit Ihrem Ruhm?» Es bleibt bei dieser fordernden Aufsässigkeit ebenso wie beim Sie, das für Frisch «eine besondere Art von Zuneigung, Vertrauen ohne Zutraulichkeiten» sichert. Uwe Johnson erhält im Journal ein wunderbares Porträt aus der Feder seines Freundes. Johnson ist ein schrecklich fordernder, geradezu jakobinischer Geist, und zugleich ein Verwundeter, der Alkohol benötigt, um seine Gewissenhaftigkeit für Augenblicke zum mildern. Vor allem aber ist er ein grossartiger Autor, mit einer besonderen Begabung, die Frisch mit Recht herausstreicht: «Die Zärtlichkeit im Umgang mit seinen Roman-Gestalten. Sympathie mach ihn nie kumpelhaft, unter Umständen aber männlich-zärtlich bei einer präzisen Schamhaftigkeit.»
Andere Geister erhalten in Frischs Journal ebenfalls präzise Porträts: der quecksilbrige Enzensberger, der politische Grass, Günter Kunert und Alfred Andersch. Mit seiner trotzigen Freiheit und Fröhlichkeit imponiert ihm auch Wolf Biermann, «eine geschichtliche Figur heute und hier». Die Begegnungen mit ihm zeigen einen trotzigen Charakter, der sich wegen seines Erfolgs im Westen in der DDR einiges herausnehmen darf. Der Kreis um ihn herum allerdings setzt viel aufs Spiel, und das war  längst kein Spass mehr. Dafür wüssten sie, notiert Frisch, wohin sie gehörten: «Das gibt ihnen bei aller Gefährdung (Entlassung von heute auf morgen, Berufsverbot) eine ungewöhnliche Sicherheit der Person, eine Art Fröhlichkeit sogar, während die Leute draussen auf der Strasse ziemlich grau wirken, nicht arm, aber lustlos».
Biermann und seine Freunde setzen einen Kontrapunkt zu den Duckmäusern und grauen System-Eminenzen, mit denen Frisch auch in Kontakt kommt, weil ein Buch von ihm bei Volk und Welt erscheinen soll. Vieles deprimiert ihn daran. Insbesondere die öde Gleichförmigkeit bei den Schein-Diskussionen. Statt Auseinandersetzung werden sie angetrieben von gesteigerter Rechthaberei aus der Position von Wissenden, die sich in der Stromlinienförmigkeit ihrer Meinungen übertrumpfen wollen. «Der Verschleiss von natürlichem Charakter, wenn das taktische Verhalten im täglichen Umgang zur zweiten Natur wird», hält Frisch fest. Und weiter: «Charakter zu haben muss furchtbar schwierig sein, man atmet auf, wenn einer glaubwürdig erscheint in seiner Affirmation oder Kritik» – wie beispielsweise Christa Wolf.
Die Beobachtungen und Begegnungen werden in dem Journal ergänzt mit kurzen abgeschlossenen Prosaskizzen, beispielsweise über einen Unschuldigen vor Gericht, der von allen Anwesenden inklusive Staatsanwalt nach Kräften entlastet wird und der sich am Ende selbst verurteilt. Er «ist sich selbst so unsympathisch geworden, grenzenlos unsympathisch». Selbstbeobachtung und Selbstkritik obsiegen über die Meinung der Aussenwelt. Darin findet sich jener Frisch wieder, der fragt, was er mit seinen eigenen Texten anfangen soll, die zwar in aller Welt gelesen und geliebt werden, die ihn selbst aber längst nicht mehr befriedigen.

Zu seiner Auswahl hat der Herausgeber Thomas Strässle ein lesenswertes Nachwort verfasst. Es wird gefolgt von einem editionskritischen Bericht sowie ausführlichen Anmerkungen, die Personen und historische Kontexte erschliessen. Auch wenn es nur Auszüge aus einem Journal sind, zeigen sie uns doch den ganzen Max Frisch.