Tropfen
Gedichte

Meine Zeit ist ausgefüllt

mit Warten

auf das Ende

der Zeit.
Wenn der Nachbar über mir Blumen gießt,

hör ich wie das Fallen der Tropfen

langsamer wird.
Jetzt hat es

aufgehört.

Ein Glockenton, die schweren Tropfen des Schneeregens – von einfachen, unauffälligen Dingen handeln Kurt Aeblis Gedichte, von auf Spaziergängen zufällig Vorgefundenem: ein laubgelber Gehweg, ein erfrorener Wasservogel, oder von Alltäglichem: die grellen Stimmen der Stadt, der liebevoll zärtliche Umgang der Zugreisenden mit ihrem Mobiltelefon. Doch Aebli sieht die Dinge in ungewohnter Weise neu. Seinem offenen, nichts Bestimmtes suchenden Blick zeigt sich im scheinbar Vertrauten das Unvertraute. Und im Entdecken des noch nie Gesehenen sieht auch der Betrachter sich neu.
Ihren Dreh- und Angelpunkt haben diese Gedichte in der Vergänglichkeit von Welt und Existenz, dem Nichts, das sich zugleich als ungeahnte Fülle entpuppt, als Fülle des Augenblicks, »für den alles sich lohnt«, den aber letztlich doch »kein Wort fasst«.

(Kurt Aebli, Tropfen. Wien, Edition Korrespondenzen)

Optische Linsen der Meditation

de Andreas Langenbacher

Tropfen sind flüchtige Wesen, Formen des Übergangs, und sie fallen nicht nur aus Gewitterwolken. Sie rinnen als Tränen aus Wasserhähnen, wandern fröhlich mäandernd über Fensterscheiben oder sie blinzeln uns frühmorgens mit kristallklaren Augen aus dem Grün am Wegesrand zu. In Kurt Aeblis neuem Gedichtband Tropfen hören wir sie unter anderem auch als Zeitzeichen von oben aus Nachbars Geranien auf unseren Balkon prallen.

Tropfen in Gedichte zu verwandeln gleicht dem Versuch, mit Wasser auf Löschpapier zu schreiben. Was aber nicht heisst, dass Gedichte nicht die Gestalt von Tropfen annehmen können, indem sie wie kleine Sprengsel auf dem Lotosblatt zu wechselhaften Meditationslinsen werden. Ein Effekt, den Kurt Aebli mit der ernsthaft verschmitzten Meisterschaft eines mit allen Wässerchen gewaschenen Weisen immer wieder herbeizuführen vermag.

Kurt Aebli hat seit den neunzehnachtziger Jahren sieben schmale Prosabände und fünf schlanke Lyrikbände verfasst. Als programmatische Aussagen zu seinem auf eine weltoffene Weise introvertierten Werk werden gerne einprägsame Sätze seiner Protagonisten zitiert. Allesamt Solitäre und Aussenseiter, die im Verborgenen aufs Ganze gehen, indem sie sich dem Unscheinbaren widmen, auch dem Weniger- werden ihres Ichs.  Wellenberg etwa ist einer von ihnen, einer von vielen aber auch viele in einem. Von ihm wird gesagt: «Nicht ans Ziel gekommenes Scheitern. Seine Formel für Inspiration.»

Von solchem, manchmal etwas koketten Spiel mit der permanenten Vorläufigkeit der eigenen Schöpfung und mit der Einsicht ins Scheitern kann in Aeblis neuen Gedichten kaum die Rede sein. Sie sind von einer meditativen Leichtigkeit und ungezwungenen Treffsicherheit, die an chinesische Tuschmalerei gemahnt. Allesamt kleine aber komprimierte Reflexionen auf den flüchtigen Zustand erfüllter Präsenz, der bei Aebli aber immer mit Saumseligkeit und Selbstvergessenheit zu tun hat. Minimale Strichführung paart sich darin mit höchster Komplexität, Leere und Fülle halten sich die Waage, auch bei der Selbstbetrachtung. Das könnte, muss aber nicht damit zu tun haben, dass Aebli, seit er in Radolfzell am Bodensee lebt, wohl vermehrt auf schmalen Pfaden durchs Hinterland geht:

Wenn ich lange genug

gegangen bin,

denke ich manchmal,

das jetzt auch

ich

gehe.

Es sind also nicht nur Tropfengedichte, in denen sich ein prekäres Ich an kleinen und kleinsten Stoffpartikeln kondensiert. Es sind vor allem Weg- und Waldgedichte, hellwache und zugleich kontemplative Gedankengänge, mit denen Aebli uns diesmal ins Offene führt. Und zwar eher hinein als hinaus. Aber immer in einer wunderbaren Mischung aus taoistischer Zurückhaltung und kritischer Reserve und mit einer unbeirrbaren Konzentration aufs scheinbar Belanglose:

Ein Pferd hat dem Weg

Wunden

geschlagen.

Von Brombeerblüten

werden die Stechmücken

nicht satt.

So entstehen wie beiläufig bildstarke Miniaturen, Denkbilder, Gedankentupfer und Mikroessays, aus denen sich der sie Entwerfende schon in ihrem Entstehen wieder auszublenden versucht, um sie ihrer eigenständigen Evidenz zu überlassen. Das Gedicht soll in die phänomenale Welt zurückfinden, aus der es entsteht. So dass der Schreibende und mit ihm die Lesenden darin wie in einer natürlichen Umgebung perplex stehen bleiben können.

Kurt Aeblis Tropfen- und Weggedichte könnten damit auch als Versuche verstanden werden, dem lyrischen Ich zu einer Biographie zu verhelfen, um sich dabei gleichzeitig der eigenen Gegenwart zu versichern.  Ohne dass das eine am anderen Schaden nimmt. Ein Versuch, der den Rezensenten unwillkürlich an sein liebstes Kinderbuch erinnert. Es heisst Tröpfchen und es schildert in Wort und Bild, wie ein Strichmännchen durch einen zufällig aufs Zeichenpapier fallenden Tropfen Kerzenwachs zum Leben erwacht, durch die weite Welt wandern darf, bis es sich allzu eigenmächtig in sie einzumischen beginnt und deshalb wieder als Strichmännchen enden muss. Kurt Aebli aber wird seinen weiteren Weg sicher schadlos unter die Füsse nehmen.