Wurfschatten
Roman

»Siehst du, es schlägt noch. Ada löste die Fingerkuppen von ihrer Halsschlagsader und ließ die Hand sinken, nicht zu weit, nur bis zum Schlüsselbein. Sie starrte durch das staubige Fenster auf die Straße. Die blasse Februarsonne spielte den Passanten auf dem Bordstein Ihre Schatten zu, synchron und maßstabgerecht, jedem sein Quäntchen Schablonenschwarz. Alles, wie es sich gehörte, zumindest draußen, selbst die fetten Tauben schleppten ihre kleinen Schatten durch den Rinnstein, in dem der letzte Schnee versickerte. Es war beinahe still in dem kleinen Raum. Nur das Blubbern der Aquarien war zu hören. Und ab und zu das Summen des Kühlschranks aus der Küche. Ada wusst nicht, wie lange sie schon im Pyjama am Fenster stand und auf dem Ende ihres Zopfs herumkaute, der nach Shampoo schmeckte und Rauch, sie wusste nur, dass es lange sein musste, dass es Zeit war, die kalten Füße zu bewegen und den Tag zu beginnen.«

(Simone Lappert, Wurfschatten, Berlin, Walde + Graf bei Metrolit)

Was, wenn die Angst das Leben verhindert? Simone Lappert erzählt in Wurfschatten die Geschichte einer jungen Frau, die äußerlich funktioniert und innerlich zu zerbrechen droht. Behutsam und nie denunzierend nähert Lappert sich ihrer Protagonistin, und erzählt von den tragischen wie den komischen Momenten ihres ins Stocken geratenen Lebens.

(Buchpräsentation Metrolit)

Angst nagt in den Wänden

de Beat Mazenauer

Ada bringt sich und ihren eigenen Schatten partout nicht zusammen. Sie wirft ihn förmlich von sich weg, als gehörte er nicht zu ihr; dennoch weiss sie zu genau, dass sie ihm nicht entkommt. Unter unserer Sonne werfen alle ihren Schatten. So auch Ada.
In ihrem Debüt erzählt Simone Lappert eine Geschichte ohne spektakuläre Handlung. Ada, mit vollem Namen Adamine Scholl, schwankt zwischen Unschlüssigkeit und Angststarre. Sie fürchtet, dass Unerwartetes in ihr Leben einbreche – und hofft zugleich, dass solches geschehe. In ihrer Wohnung hält sie ein Zimmer frei für ihren Stupor: Alphabetisch geordnet hat sie Zeugnisse ihrer Angst von Attentat bis Zyste an die Wand gepinnt. Und auf dem Tisch – neben dem Aquarium mit den stummen Fischen – liegt stets ein Stethoskop griffbereit. Die Angst ist «wie ein Krebsgeschwür», das «immer neue Metastasen bildete». Entsprechend kribbelt es Ada in den Händen oder zwickt ihr Knie so sehr, dass sie ihren Vorsprechtermin an einem Theater sausen lässt. Dann stülpt sich von neuem eine Taucherglocke über sie und drückt sie «tief in ihr eigenes Angstwasser» hinein.
Umzingelt von erdachten Krankheiten und gefangen in einer lähmenden Apathie kommt Ada beruflich nicht voran. Ihre Theaterkarriere stockt, der Einfachheit halber begnügt sie sich mit der bescheidenen Rolle einer Toten in einem Unterhaltungsstück. Geld ist damit kaum zu verdienen, weshalb ihr der geduldige Vermieter – um sie nicht kündigen zu müssen – vorübergehend einen Neffen in die Wohnung setzt. Ada ist darob entsetzt und versucht diesen Juri hinaus zu ekeln. Doch der zeigt sich resistent, und bald merkt Ada, dass sie nachts schlafen kann, weil jemand in der Wohnung ist, der sie finden könnte, falls ihr etwas zustiesse.

Die existentielle Befindlichkeit einer fünfundzwanzigjährigen Frau, die Angst vor dem Leben hat und sich stumme Fische hält, bildet den Kern dieses Debüts. In dem Punkt überrascht Simone Lapperts Buch nicht sonderlich. Es erinnert an viele vergleichbare Bücher der letzten Jahre. Was sie allerdings mit den besten von ihnen verbindet, ist der sprachliche Gestus. Simone Lappert schreibt keine mit Befindlichkeit gesättigte Innerlichkeitsprosa, für Adas Emotionen sucht sie vielmehr einen höchst formbewussten literarischen Ausdruck, in dem sich Ernst und Schalk verbinden. In Adas Optik verfremdet sich ihre Umgebung in unliebsamer Weise. Sie mag weder in eine der «vorgefertigten Liebesschablonen» gezwängt werden noch jene «beschatteten Werktagslinien» ziehen, wie es alle tun. Vielleicht hat ihre Mutter ja Recht, wenn sie Ada und ihrer Generation vorwirft, «eine Horde gelangweilter Allergiker» zu sein, die nicht kämpfen können und «für die es schon ein Abenteuer sei, Kaffee ohne Milch zu trinken».
So sehr Ada also an ihren eingebildeten Nöten leidet, unterschwellig wird spürbar, dass ihrer Hypochondrie etwas höchst Inszeniertes innewohnt. Sie ist ein Schutzmantel gegen ein Leben, das Entscheide abfordert, anstatt einfach weit und offen zu sein. In Lapperts artistischer Sprache findet sich diese Ahnung aufgehoben. Zugleich schwingt unterschwellig eine Ironie mit, die Distanz schafft, ohne die Heldin lächerlich zu machen.

Adas Leben gerät durch Juri zuerst in Bedrängnis, dann in Aufregung, zuletzt in Bewegung. Die Wende geschieht, als ihre Freunde das abartige «Angstalphabet» von Attentat bis Zyste entdecken. Doch Juri verrät sie nicht, ja er gibt sich ritterlich selbst als Urheber zu erkennen.
Allmählich gewöhnt sich Ada an ihren Mitmieter, dessen Gelassenheit nicht ganz so gefestigt ist wie es den Anschein macht. Sie beginnen sich gegenseitig ihre Geschichten zu erzählen, doch vorsichtig. Etwas Nähe vielleicht, aber nicht zuviel, weil sie brennbar sein könnte.
Juri hat von seinem verstorbenen Vater eine Goldschmiede geerbt. Der bis anhin unschlüssige Sohn führt sie ohne Begeisterung fort, den Entscheid dafür oder dawider vor sich herschiebend. Je mehr sich die Erzählung ins Hin und Her zwischen Ada und Juri vertieft, umso mehr gerät Simone Lappert selbst ein wenig aus der Fassung. Die im sprachlichen Detail oft überraschende Genauigkeit mit Blick auf ihre Heldin wird schummrig, die Erzählung verliert etwas von ihrem Überschuss an Originalität. Finden sie sich, oder nicht?
Die Stärke von Simone Lapperts Prosa liegt nicht in der Handlung, sondern da, wo sie still steht und still gestellt ist. Etwa in der Hoffnung auf bessere Zeiten. In dieser Hinsicht überzeugt Wurfschatten mit vortrefflichen Wendungen. Am Ende zieht Juri sein Fazit: «Eigentlich müsste es Zukünfte heisse», sagt er. «Dann wären wir alle viel entspannter.»

Revue de presse

«[Simone Lappert] bietet in ihrem Debütroman einen sauber konstruierten Plot und eine avancierte Sprache, beweist Gespür für frische, spielerische Bilder [...]. Nichtsdestotrotz bleibt auch Wurfschatten ein Bericht von der Front wohlhabender Kinder.» (Dana Buchzik, Süddeutsche Zeitung, 05.08.2014)

«Es ist dies ein höchst erfreuliches Debüt einer vielversprechenden jungen Schweizerin, die ihrem Buch eine dichte Motivik und eine klare Architektur gegeben hat, die die Erzählper­spektive konsequent einhält und sich so gut wie keine sprachlichen Missgriffe leistet [...]. Sie hat etwas, was sie unbedingt sagen will und muss, und sie kann es so sagen, dass es einen packt und festhält.» (Martin Ebel, Tages-Anzeiger, 08.08.2014)