Script Avenue
Autobiografischer Roman

Ich saß seit Monaten im fünften Stock der hämatologischen Abteilung der Universitätsklinik und wartete auf den Tod.

Das ist die perfekte Dramaturgie. Titanic! Sie ergattern noch zwei Tickets für das Oberdeck. Und saufen dann erbärmlich ab.

Nein, sie hat mich nicht enttäuscht, sie ist gestorben.

Wir wollten alle Amerikaner sein. Nur John F. Kennedy wollte ein Berliner sein.

Schicksalsschläge sind eine super Diät. Und wenn man keine neue Partnerin findet, gibt's auch keinen Jo-Jo-Effekt.

Wir tun alle irgendwas, um zu vergessen, dass mit unserer Geburt unser Schicksal bereits besiegelt ist: Wir müssen sterben.

Dieses Buch werde ich noch schreiben, denn wenn ich schreibe, denke ich nicht an den Tod.

(Spotlights auf die Script Avenue, Wörterseh 2014)

Smarte Schreibwut

de Ruth Gantert

Ein autobiografischer Roman

«Was ist das? Ein Schweizer Roman? Memoiren eines Arschlochs? In welche Kategorie gehört dieses Geschwätz? Dieses Buch ist unverkäuflich! Wenn ich dieses Manuskript einem Verlag anbiete, wird man mich zuerst fragen, welche Kategorie? [...] Es gibt Krimis, Thriller, historische Romane, Science-Fiction, Erzählungen... Dann gibt’s thematische Unterkategorien: 18. Jahrhundert, Schweizer Schriftsteller, Ratgeber, Leukämie, sexistische Literatur, Erotik, Asien, Hongkong-Städteführer, begreifst du die Regeln des Buchmarkts immer noch nicht?»

So ereifert sich in Script Avenue Charlie Runkle, Literaturagent, angesichts des gleichnamigen Romans, den ihm der Ich-Erzähler und Romanschreiber Samuel (Sammy) Bretelle vorlegt. Dieser Dialog zwischen den Figuren des Literaturagenten und des Autors findet allerdingst nicht in der «Realität» statt, sondern in Sammys Fantasie, in seiner Parallelwelt, dem Ort seiner Träume, den er «Script Avenue» nennt.
«Script Avenue» heisst auch das Buch, das er schreibt. Ein authentisches Buch, ein ehrliches Buch, wie er mehrmals betont – und wohl sein letztes, denn Sammy ist schwer krank. Er leidet an den Folgen einer Leukämiebehandlung, wie auch der Autor Claude Cueni. Viele Figuren und Erlebnisse des Buches stimmen mit dem Leben des Basler Schriftstellers, Verfasser historischer Romane, Hörspiele, Drehbücher und Computergames, überein. Dennoch stellte Claude Cueni das Buch dem Verlag Wörterseh als Roman vor, wie er in Interviews erzählt. Der Verlag hingegen bevorzugte die Bezeichnung «Autobiografie», worauf  beide gemeinsam sich auf die Kategorie «autobiografischer Roman» einigten.
Das im Angesicht des Todes verfasste Buch wird viele Leute ärgern, sagt Sammy, die Figur des Autors, wohl zu Recht. Es wird nicht nur ärgern, sondern auch verstören.

Eine Schweizer Kindheit in den fünfziger- und sechziger Jahren

Entsetzt liest man von der engen bäurischen Welt eines kleinen Dorfes im katholischen Berner Jura mit dem sprechenden Namen Vilaincourt, in dem der kleine Junge, dessen Mutter schwer krank ist, bei Verwandten aufwächst und zuerst einmal in eine Schraubenkiste neben der Toilette gesteckt wird. Schutzlos ausgesetzt erleidet das Kind Schmutz, Armut, Gewalt, Enge und Zwang eines rigiden, sektenhaften Katholizismus.  Auch als die Eltern Sammy wieder zu sich nehmen und er in der Deutschschweizer Stadt am Rhein eingeschult wird, bessert sich seine Situation nicht. Die Mutter verfällt zunehmend dem religiösen Wahn, während der Vater sich zwar ebenfalls als gläubiger Christ ausgibt, von der Kirche aber direkt ins Wirtshaus geht um zu rauchen, Bier zu trinken und den schönen Kellnerinnen nachzusehen. Wut und Frustration einer gescheiterten Existenz reagiert er hemmungslos an Frau und Kind ab. Im Buch wird er selten «mein Vater» genannt, und stattdessen konsequent als «der Hagere im hellblauen Hemd» bezeichnet.

Der zuerst vernachlässigte, dann misshandelte Junge blökt, bevor er sprechen lernt, und entwickelt dann eine Reihe von Ticks: körperliche Zuckungen, zwanghafte Gesten, mehrfaches Aussprechen von Schimpfwörtern, die erneute Züchtigungen nach sich ziehen. Nach einer besonders heftigen Ohrfeige des Vaters erleidet er einen Hörsturz und bleibt auf dem linken Ohr taub. Eine brutale «Teufelsaustreibung» durch die Eltern lässt ihn fast am Weihwasser ersticken. Immer wenn man denkt, es sei nun das Äusserste erreicht, was ein Kind erleiden kann, kommt es noch schlimmer. So entpuppt sich der lustige und grosszügige Onkel Arthur, der dem Jungen zuerst wie ein Lichtblick in der Familienhölle erscheint und ihm Spielfiguren aus der Römerzeit schenkt, die seine Fantasie nachhaltig beeinflussen, als der allerschlimmste Verbrecher: Der Fremdenlegionär hat in Algerien vergewaltigt, gefoltert und gemordet, und vergreift sich zuhause sexuell an seinen Neffen. Arthurs Geschwister schliessen lieber Augen und Ohren und schweigen, statt ihre Kinder zu schützen.

Erfolgsstory mit Schicksalsschlägen

Trotz der denkbar schlechten Ausgangslage verwirklicht der Schulabgänger seinen Traum und wird Schriftsteller. Er heiratet Andrea, eine Frau aus reichem Haus, und bekommt einen Sohn, Tim. Doch im Erfolg ereilen ihn Schicksalsschläge: Tim ist spastisch gelähmt und erfordert die aufopfernde Pflege beider Eltern. Andrea bekommt Brustkrebs. Sie übersteht die Chemotherapie. Doch als es dem Sohn endlich besser geht und er das Gymnasium besucht, erkrankt sie an Darmkrebs. Der nahende Tod macht sie launisch und aggressiv gegenüber den geliebten Menschen und Dingen, die sie überleben werden. So lässt sie ihre Wut nicht nur an Haus und Garten aus, sondern verletzt ihren Mann und ihren Sohn mit Worten und Taten. Sammy verfällt in tiefe Trauer, als Andrea stirbt, und kann sich nur langsam wieder aufrappeln, nicht zuletzt dank Tims Ratschlägen und einem gemeinsamen Aufenthalt in Hongkong. Dort lernt er nach verschiedenen sexuellen Abenteuern mit attraktiven Asiatinnen auch seine zweite grosse Liebe kennen. Ein Happyend kann jedoch nicht erfolgen, da er nun selbst tödlich erkrankt. Mit bewundernswerter Energie und Beharrlichkeit trotzt Sammy der Krankheit sein letztes Buch ab: Die «Script Avenue».

Schreiben als Tourette-Syndrom

Dem Jugendlichen diagnostiziert ein Arzt das Tourette-Syndrom. Diese Krankheit ist nicht nur für sein seltsames Benehmen verantwortlich, sondern auch für seine nicht erlahmende Schreibwut: Sammy hämmert unablässig auf die Tasten, sechzehn Stunden am Tag. Er kennt keine Angst vor dem leeren Blatt Papier und keine Suche nach Inspiration: der Strom seiner Kreativität versiegt niemals.  So hat er auch keinen Plan B für die Berufsfindung: er ist Schriftsteller, etwas anders kommt gar nicht infrage. Auch die Absagen, die er auf seine Manuskripteinsendungen erhält, entmutigen ihn nicht. Dafür ist er bereit, auf den verschiedensten Gebieten zu arbeiten, um Geld zu verdienen – versorgt ihn doch jede Arbeitsstelle mit Einsichten in ein bestimmtes Umfeld und mit Material für seine Bücher. Ein ausgezeichnetes Gedächtnis bereichert zudem seine Schaffenskraft.

Die geschilderten  Auswirkungen des Tourette-Syndroms, die sich bei Sammy finden, charakterisieren auch das Buch von Claude Cueni, im positiven wie im negativen Sinn: Da ist die Energie, die den Text vorantreibt, da ist aber auch ein Zuviel an Adjektiven, an Adverbien, an Wiederholungen von Wörtern und Motiven. Die Lust am Tabubruch führt in ihren besten Momenten zu glänzenden Satiren. Als Beispiel sei nur der Spott genannt, der die Beschreibung einer Beerdingungszeremonie (es handelt sich um diejenige des Schwiegervaters) zum Lesegenuss macht:

Vor dem Altar stand eine Pyramide aus farbigen Würfeln. Ich dachte spontan an das Windows-Logo, dann zog ich Google in Erwägung, aber es waren große Playmobil-Steine, wie man sie im Kindergarten stapelt. Der Pfarrer nahm einen Würfel von der Pyramide und meinte, jetzt sei einer gegangen. Er hatte soeben für die christliche Gemeinschaft den Tod visualisiert  und dramatisiert, so wie heute Fußballtrainer mit einem Schokoladepokal das Saisonziel visualisieren. Der Pfarrer aus Simbabwe war ein Joseph Beuys des Christentums. Unglaublich, diese Stringenz der Analyse des Todes.

An anderen Stellen aber berührt der Tabubruch peinlich und hinterlässt ein schales Gefühl. Andreas Kampf mit dem Tod erspart einem weder intime körperliche noch psychische Aspekte, wobei die Schonungslosigkeit der Beschreibung nur die sterbende Frau trifft. Mann und Sohn verhalten sich dabei schlicht vorbildhaft, und kein Wölkchen trübt je das perfekte Vater-Sohn-Verhältnis.

Die Erfahrung des Autors mit Drehbüchern macht sich im ganzen Buch bemerkbar, das sich spannend liest. Doch sind die Figuren in ihrer Rede und ihren Gesten oft karikiert und wirkt der Wechsel von tragischen zu humorvollen Szenen etwas bemüht. Als  Sammy die Asche seiner Frau in Hongkong verstreut und dabei die Windrichtung missachtet, lässt der Film «The Big Lebowski» allzu deutlich grüssen. Der Roman sprüht nur so von Kalauern, tut dies jedoch auf Kosten des Tiefgangs. Und er wird deshalb nicht weniger sexistisch, weil er den Sexismus neckisch thematisiert. So ist Script Avenue  zuweilen tatsächlich «Geschwätz», wie es im Eingangszitat selbstironisch heisst, in seinen besten Momenten aber auch das Porträt einer Gesellschaft und eines umgetriebenen Lebens, und packende Literatur.