Unger üs
Familienalbum

Ein Familienroman, mehr noch: ein Gesellschaftsroman. Und das im Spoken Word? Durchaus. Guy Krneta gelingt das Wagnis, indem er uns Momentaufnahmen aus der Geschichte einer Schweizer Familie und mit ihr aus den vergangenen fünfzig Jahren der Schweiz verschafft. Wie im Fotoalbum ergeben sich kleinere und grössere Sprünge zwischen den einzelnen Aufnahmen. Umso grösser wird die Spannung: Wo bleibt er denn, der Unggle Sämi? Und danach die Auflösung: Ah, da ist er wieder, oder: Diese Vivienne kenne ich doch auch schon. Aber «unger üs» bleiben wir dabei nicht. Und dies nicht nur, weil der Ich-Erzähler nach Peru fährt, um das Kind zu finden, das er gezeugt haben will.

«Unger üs» sagt der Grossvater, wenn er noch glaubt, er könne die Familie vereinen. Und «unger üs» sagt der Unggle Sämi, wenn er einmal mehr flunkert und nicht entlarvt sein will. «Unger üs» bietet eine täuschende Fassade – wie die Berner Mundart, wenn sie nicht so kunstvoll in der Schwebe gehalten wird, wie Guy Krneta das schafft: Er spricht im Vertrauten das Verfängliche aus, und diese Doppelbödigkeit liegt auch in den Geschichten und den Personen, die sie erleben. Man gewinnt sie lieb, diese Personen, auch wenn oder gerade weil unter ihrem «unger üs» kein fester Boden mehr zu finden ist.

(Buchpräsentation Der gesunde Menschenversand 2014)

Dr Grosvatter, dr Sämi u d Isabel

de Beat Mazenauer

«Familien isch, we mr unger üs sy, het dr Grosvatter gseit.» Und weil das selten vorkommt, packt er die Gelegenheit beim Schopf und berichtet den versammelten Kindern und Enkeln von seiner Idee, das Familiengrab zu erweitern. Damit sie alle auch weiterhin unter sich bleiben würden. Wie immer bei solchen Ideen, zumal wenn's auch um Geld geht, ist es mit der Einigkeit schnell vorbei. Die ungleichen Kinder haben verschiedene Auffassungen von dem, was mit ihnen nach dem Tod geschehen soll. Doch Grossvater überzeugt sie mit dem kurzen Porträt all jener Vorfahren, die bereits auf dem Grabstein stehen. 
Das ist der eine Strang in Guy Krnetas «Familienalbum», wie sein neues Buch im Untertitel heisst. Es umfasst 80 kurze Erzählungen: zum Teil schnelle Momentaufnahmen, zum Teil fortlaufende Geschichten wie die vom Ich-Erzähler, der als Dienstverweigerer in einem Genfer Knast einsitzt. Solchen «Delinquenten» wurde damals in den 70er und 80er Jahren eine harte Lektion erteilt. Doch waren schon damals auch Widersprüche erkennbar. Weil im Militärtribunal ein Richter sass, berichtet der Erzähler, der lange Haare zum Rossschwanz gebunden trug, habe er sich subito eine Glatze rasiert. 
Im Genfer Gefängnis begegnet er zwielichtigen, schrägen und netten Typen. Vor allem lernt er im Ausgang eine junge Frau aus Peru kennen, die Isabel, die bei ihrer Mutter zu Besuch weilt und in einer Beiz serviert. Aus einem ersten Gespräch entwickeln sich zarte Bande einer Beziehung. Zuhause in Peru soll Isabel mit einem ungeliebten älteren Mann, dem Dorfbürgermeister, verheiratet werden. Der Erzähler muss sich entscheiden, glaubt er – kein leichtes Unterfangen, allein schon wegen der interkulturellen Missverständnisse.

«Aber das, wo vo üs blybt, sy so Gschichte, wo me cha vrzeue», erklärt der Grossvater beharrlich und berichtet vom Besuch eines früheren Lehrers, der ihm noch nach Jahrzehnten vorhielt, er sei als Mitglied der Schulkommission mitverantwortlich dafür, dass er als «militanter Militärvrweigerer» keine Stelle mehr gefunden habe. Der gemütliche Grossvater zeigt sich unvermittelt von seiner bürgerlich konservativen Seite, die einen langen Schatten zurück in jene dumpfe Vergangenheit wirft.
 Guy Krneta hält diese Geschichten Bild für Bild fest. Wenn eine Familie zusammenkommt, erhält das geliebte Idyll schnell Risse. Etwa durch die Cousine Vivienne. Sie lebt in den USA, doch wo sie zuhause sei, könne sie nicht recht sagen – vielleicht in der Arbeit. Wenn die anderen vertraulich von Sprache und Heimat reden, fühlt sie sich provoziert. «Aber d Schprach syg kes Deheime. Di heig keni Wäng», protestiert sie, wenn sie selbst aus einer Sprache in eine andere wechsle, werde sie «en angeri». Doch den Grossvater vermag sie davon nicht zu überzeugen.

Die Sprache ist ein Kernthema bei Guy Krneta. Sie ist es hier schon rein formal, indem er im Berner Dialekt erzählt. Das ist ein Statement – doch keines, das zur Einkapselung drängt. Dialektsprache will hier einfach als literarische Ausdrucksform angesehen werden, fernab von Klischees und Beschränkungen. Auch wenn Unger üs bei einer Familienkonferenz ansetzt, öffnet Krneta sogleich den erzählerischen Kosmos. Politisches kommt zur Sprache, und das Übersetzen wird zum Thema. Der Erzähler hilft Mitgefangenen im Knast beim Formulieren von Briefen im fremden Idiom. Und die Cousine Vivienne hat eine vergessene Sprache entdeckt, die lange vor Christus im vorderen Orient gesprochen worden sei: «E Schprach, wo me sinnlechi Wahrnämigen ire Dichti chönn üssere, wi süsch i kere Schprach. E hochmusikalischi Schprach, Dichtig per se.»
Der scheinbare Widerspruch zwischen Grossvater und Vivienne ist (nur) literarisch aufzuheben. Jede Sprache kann erzählen, jede Sprache ist auf eigene Weise musikalisch. Wo beides zusammen kommt, da entsteht so etwas wie Heimat. Genau das demonstriert Guy Krneta mit seinen Erzählungen: lautlich, rhythmisch, vital und witzig. Welt wird sichtbar im Kontext der Familiengeschichten.

Und dann wäre da noch der Onkel Sämi. Er ist das vitale Herz dieses Familienalbums. Ein liebenswerter Fabulierer, dessen Lebensentwurf gescheitert ist, vielleicht scheitern musste. Doch von diesem lustigen Freigeist sind dem Erzähler wunderbare Anekdoten in Erinnerung geblieben. Sämi war jederzeit für eine komische Idee gut. Er war anders als die Verwandtschaft, er sang in einem Schwulenchor und musste sich als Nicht-Schwuler in dieser Umgebung ständig verstellen. Doch er ist tot: «Wider typisch. Absyts vor Pischte». Schabernack und gewitzte Geschichten halten das Andenken an ihn lebendig.
 Dieser Sämi hat auch gewusst, wann das Erzählen an Grenzen stösst. Wie er einmal von einer Weltreise zurückkehrte, wollte er nichts berichten. Ja, schön sei's gewesen, er habe viel erlebt. Mehr nicht. Grossvater hat kein Verständnis für solche Verstocktheit, ausgerechnet der Erzähler aber verteidigt ihn: «Vilech isch's würklech schön gsi». Mehr wäre dazu nicht zu sagen.

Unger üs steht auf der Shortlist für den Schweizer Buchpreis 2014.

Revue de presse

Seine Leistung ist, dass er für die Montage ausschliesslich spoken-word-taugliche Texte einsetzt und sie so doppelt codiert. Zum einen dienen sie in wechselnden Konstellationen für den mündlichen Vortrag, zum anderen eindeutig verortet als Romanepisode. Je nach Funktion sind sie deshalb ein Ganzes oder Teil eines grösseren Ganzen. (Fredi Lerch, «Die Erfindung des Spoken-word-Romans», Journal B, 31.10.2014)