Alles Gute und auf Wiedersehen
Roman

»Ich bin wieder dort, wo alles angefangen hat: in Berlin. Es ist alles noch genau so wie vor drei Wochen, und trotzdem ist alles anders: Ich habe Lora wiedergefunden.«

Als Mara im Sommer 1987 der neuen WG-Mitbewohnerin hilft, ihren schweren roten Koffer in die Wohnung zu schleppen, gibt sie sich betont kühl und abweisend. So sind die Berliner Umgangsformen. Zu Maras Erstaunen ist Loras roter Koffer voller Bücher, und über diese Bücher finden die beiden zueinander. Sie entdecken ihre Liebe und ihren gemeinsamen Traum, Künstlerin zu werden. Während Mara an ihrem Schreiben zweifelt, nutzt Lora jede Möglichkeit, als Theaterregisseurin Erfahrungen zu sammeln, und entfernt sich immer weiter von Mara - bis hinter die Mauer. Und eines Nachts ist sie ganz verschwunden, mitsamt dem roten Koffer. Nur die Bücher lässt sie zurück.
Jahre später hat Mara ihr Leben neu organisiert, sie lebt in einer kleinen Wohnung am Arkonaplatz, ist liiert mit Leif. Dessen Sohn Morten liebt sie, aber es fehlt ein Stück zum Familienglück. Mara fehlt ein Stück ihrer Vergangenheit. Sie macht sich auf die Suche, verfolgt Loras Spur mit dem Auto, mit Stift und Papier. Dabei ist sie fest entschlossen, nicht nur Lora, sondern auch sich selbst zu finden.

(Buchpräsentation Rotpunktverlag)

Critique

de Mareike Haase

«Leben lässt sich nur rückwärts verstehen, muss aber vorwärts gelebt werden.» (Kierkegaard)

Die Geschichte von Mara und Lora nimmt ihren Anfang im West-Berlin des Sommers 1987. Zwei Jahre später verschwindet Lora spurlos. Zwanzig Jahre später findet Mara die Freundin und kann die gemeinsame Geschichte endlich aufschreiben.

Der grosse, rote Koffer, den Lora bei ihrem Einzug in Maras Berliner WG im Sommer 1987 mitbringt, lässt sich nur mit vereinten Kräften die Stufen hinauftragen und entpuppt sich als Bücherschatztruhe. «Ich kannte alle Bücher, die da lagen. Es waren Bücher, die ich immer und immer wiedergelesen hatte. Bücher, die ich noch viel höher hinaufgeschleppt hätte als in unsere Wohnung.» sagt Mara und weiss: «Der Anfang von allem lag irgendwo verborgen zwischen den Zeilen dieser Bücher. Sie hatten uns schon verbunden längst bevor wir uns an jenem Sommernachmittag begegneten». Beide Frauen lieben Geschichten: Mara, die Germanistik studiert, aber eigentlich Schriftstellerin werden will, und Lora, die aus einem kleinen Dorf in der Schweiz nach Berlin gekommen ist, um Theaterwissenschaften zu studieren, um sich ihren Traum zu erfüllen, Regisseurin zu werden.

Lora lebt sich schnell ein. Sie beginnt für die ganze WG zu kochen und bringt so regelmässig alle Mitbewohner am Küchentisch zusammen. Mit ihrem lebhaften und mitreissenden Wesen verwandelt sie die vormalige Zweckwohngemeinschaft in eine kleine Familie und schafft es sogar, dass Mara, die ihr Germanistikstudium eigentlich abgebrochen hatte und nur noch als Aushilfe in einer Apotheke arbeitet, wieder an die Uni geht. Anfänglich lässt sich Mara von Lora ins Theater mitnehmen, ist aber bald genervt davon, dass Lora sich alle Stücke mindestens zwei Mal ansehen möchte, um deren Aufbau zu studieren. Eines Tages bemerkt Mara, dass sie sich in Lora verliebt hat. Zunächst ist sie verunsichert über dieses neue Gefühl, dann werden die beiden schliesslich ein Paar. Dass Mara Lora mehr braucht als umgekehrt stellt eine Asymmetrie dar, die zum Fallstrick für die Beziehung wird. Denn während Lora Kraft aus der Liebe zu Mara zieht und sie als Quelle für ihr künstlerisches Vorankommen nutzt, stützt Mara, deren Selbstzweifel nicht abnehmen, irgendwann ihr Glück einzig auf die Beziehung, woraufhin Lora versucht sich aus Maras Umklammerung zu lösen – sie pendelt nach Ost-Berlin und führt damit eine Quasi-Trennung herbei.

Als Lora 1989 spurlos verschwindet, verfällt Mara in tiefen Kummer. Nach dem Fall der Mauer verlässt sie die WG und zieht in eine Einzimmerwohnung in Ostberlin. Sie isst kaum noch und liegt wochenlang apathisch im Bett. Ab und zu besucht sie Leo, ihr bester Freund, den sie bei ihrer Arbeit als Aushilfe in der Apotheke kennengelernt hatte. Leo vermittelt ihr schliesslich einen Job als Nachhilfelehrerin, und so sehr sich Mara zu Beginn dagegen sträubt vor Menschen zu stehen, findet sie dadurch wieder aus ihrem Liebeskummer hinaus und zurück ins Leben. Sie lernt Leif kennen, den Vater einer ihrer Schüler, mit dem sie zaghaft eine Beziehung beginnt. Zu Leifs Unmut führen sie aber eigentlich eine Beziehung zu dritt, denn Lora ist noch immer allgegenwärtig. Die Leerstelle und die Fragen, die Loras Verschwinden in Maras Herz hinterlassen haben, sind zu gross als dass sie sich ganz auf Leif einlassen kann.

Bei der Suche nach Bildern aus ihrer Kindheit in einer Fotokiste, stösst Mara auf Fotos und auf einen ungeöffneten Brief von Lora. Dieser Brief gibt Mara endlich jenes Puzzleteil an die Hand, das zur Vervollständigung des Bildes und der Geschichte von Lora fehlte. Erst durch diesen Brief können sich Lora und Mara auf Augenhöhe begegnen, denn auch Lora hatte Abgründe, in die sie schauen musste, und eine Vergangenheit, die sie in tiefe Selbstzweifel stürzte. So kann Mara Lora von dem Podest herunterholen, auf das sie sie jahrelang gestellt hatte – und die gemeinsame Geschichte findet ihren Abschluss, sodass Maras und Leifs Geschichte beginnen kann.

Das Thema Geschichte – sowohl in der literarischen wie in der historischen Bedeutung – zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman. Gegen Ende, wenn die Zeitstränge sich zu überlappen beginnen, wird es jedoch zunehmend schwieriger, zwischen der Gegenwart, in der Mara die Geschichte niederschreibt und der erinnerten Vergangenheit zu unterscheiden. Die Beziehung mit Leif wirkt zudem, als würde sie letztlich auf Pragmatismus fussen und im Vergleich mit der Leidenschaft, die Mara für Lora empfand, lediglich einen Trostpreis darstellen. Maras Schwierigkeiten, sich Leif anzunähern, werden auch mit einer traumatisierenden Männererfahrung in ihrer Jugend begründet.  Maras und Loras Trennung findet ihre metaphorische Entsprechung in der Mauer, die Lora schliesslich immer häufiger gen Osten passiert. Beide Frauen brachte eine notwendige Flucht nach Berlin - wobei sich erst ganz zum Schluss auflöst, wovor Lora eigentlich aus der Schweiz geflohen war.

Vielen Dank und auf Wiedersehen ist nach der Erzählung Unkraut (2002) Viola Rohners erster Roman. Die 1962 geborene Autorin arbeitet als Gymnasiallehrerin und Erwachsenenbildnerin und studierte Theaterwissenschaften und Germanistik in Zürich und Berlin. Die Parallelen zwischen der Autorin und ihren Figuren spiegeln sich in der Begeisterung für Literatur und Theater. In der Detailtreue, mit der die Autorin Berlin beschreibt, zeigt sich eine grosse Vertrautheit und tiefe Verbundenheit mit der Stadt. Plastisch und farbig schildert sie das Leben der Menschen in der Zeit des Übergangs zur Wiedervereinigung. Als solche bezeichnet Mara auch das Wiederfinden Loras, das ihr schliesslich nicht nur die Freundin zurückgibt, sondern auch den Abschluss eines wichtigen Teils ihrer eigenen Lebensgeschichte ermöglicht.

Revue de presse

Zwar setzt das Buch mit einigen Umständlichkeiten ein; lieber hätte man sich einen weniger zögerlichen Einstieg und ebenso einen strafferen Schluss gewünscht. Doch gelingt der Autorin die lebendige Evokation einer Lebensspanne mit Höhe- und Tiefpunkten. Sentimentalitäten bleiben in dieser Geschichte – und zumal in dieser Stadt, in der das «Herz mit Schnauze» schlägt – draussen vor der Tür. Dafür glaubt man das Fluidum Berlins zu wittern und all die Existenzen mit Luftwurzeln, getrieben von Süchten und Sehnsüchten, gezeichnet von Aus- und Abbrüchen, geradezu greifen zu können. (Beatrice Eichmann-Leutenegger, NZZ, 02.09.2014)