Selbstanzeige

Martin Zingg ist eine im literarischen Leben der Schweiz nicht zu übersehende Figur, er ist bekannt als Rezensent, als Moderator von Veranstaltungen, als Herausgeber von Zeitschriften und Büchern und als Lektor. Neben diesen vielfältigen literarischen Tätigkeiten ist der Öffentlichkeit aber eine Seite von Martin Zingg fast vollständig verborgen geblieben, paradoxerweise seine literarischste: der Autor. Höchste Zeit also, den Autor Martin Zingg durch diese «Selbstanzeige» den Leserinnen und Lesern zur Kenntnis zu bringen. Sein Buch versammelt 25 Prosastücke, deren Protagonisten – allesamt eigentliche Sprachakteure – von den kleinen und den großen Kalamitäten, Peinlichkeiten und Fährnissen ihrer Existenz berichten.

(Buchpräsentation Engler Verlag)

«Wer kann sich schon wehren gegen sich selbst» – Eine «Selbstanzeige» in 25 Prosastücken

de Daniel Rothenbühler

Martin Zingg gehört zu den besten Kennern der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts und der jüngeren Gegenwart. Er beobachtet und begleitet das literarische Schaffen im deutschen (und französischen) Sprachraum seit vierzig Jahren als Lektor, Herausgeber, Rezensent, Moderator und Veranstalter und hat während fast einem Vierteljahrhundert zusammen mit Ruedi Bussmann in der Zeitschrift Drehpunkt manch neue Stimme entdeckt und bekannt gemacht. Einen mit allen literarischen Wassern gewaschenen Autor hat der Verleger Urs Engeler da also veröffentlicht. Und dessen 25 Prosastücke verheimlichen nicht, welche Autorinnen und Autoren des 20. Jahrhunderts ihr Autor zu seinen Ahnen zählt: das geht von Franz Kafka und Robert Walser über Günter Eich und Wolfgang Hildesheimer bis zu Ilse Aichinger.

Zingg ahmt diese Vorbilder nicht nach, er spielt souverän mit ihnen. So gleich im ersten grösseren Prosastück «Elf Väter», einer Kontrafaktur zu Franz Kafkas «Elf Söhne». Das Ich, das sich in allen weiteren Texten des Bändchens zu Wort meldet, beginnt seine «Selbstanzeige» hier, indem es auf seine «Väter» ausweicht und diese charakterisiert. Wenn es zum Beispiel vom ersten sagt, alles in seinem Leben sei Entwurf, oder vom fünften, dass er sich nicht festlegen wolle, den neunten als Zögernden bezeichnet und den zehnten als Schummler, der immer mehreres zur gleichen Zeit meinen möchte, dann hat man im Fortgang der Lektüre das Gefühl, dieser erste Text gebe wie ein Inhaltsverzeichnis des Weiteren preis. «Ich», sagt das Ich der «Elf Väter» zum Schluss denn auch, «wäre, wenn ich mich suchte, überall dort, wo der eine Vater noch nicht aufhört und die zehn anderen schon begonnen haben.»

Aber eben: Das Ich dieser Texte ist nicht mehr – wie  noch viele Ichs in der Literatur des 20. Jahrhunderts – auf der Suche nach sich selbst, es hat sich zu seinem Leidwesen immer schon irgendwie gefunden und fragt in «Begegnung»: «Wer kann sich schon wehren gegen sich selbst.» Obwohl es also der Selbstfindung nicht entgehen kann, zielen die kühnen Kapriolen seiner Sätze immer wieder darauf, sie zu unterlaufen. Die Selbstanzeige dient ihm – wie dem Steuersünder im Strafrecht – vor allem dazu, möglichst wenig belangt zu werden.

Das beginnt schon im ersten der insgesamt elf Klammersätze bzw. -texte, die die 14 übrigen und längeren Prosastücke umrahmen und miteinander verbinden: «Auf der Flucht vor dem Zusammenhang gerate ich sofort in den nächsten.» Der Satz zeigt die Unmöglichkeit, Identität zu verweigern, sobald man «ich» sagt: «Auf der Flucht vor dem Zusammenhang» weiss das Ich, dass es eigentlich schon im nächsten ist, weil es ausspricht, was vor sich geht, also einen Satz, also einen Zusammenhang bildet.

Wie in «Elf  Väter» spielt Zingg in diesem Satz auf ein literarisches Vorbild an, aber so, dass er auch die Erfahrungen aufgreift, die über dieses hinausweisen. Hier ist es Ilse Aichinger mit ihrem Satz: «Niemand kann von mir verlangen, dass ich Zusammenhänge herstelle, solange sie vermeidbar sind.» Zingg weiss, dass Zusammenhänge nur so lange vermeidbar sind, wie wir auf das Sprechen und Schreiben selbst verzichten, denn sprechend und schreibend kann man nicht keine Zusammenhänge bilden. Das haben schon die Dadaisten mit ihren radikalen Sprachzertrümmerungen erfahren.

Aus diesem Paradox der Moderne flüchtet der Autor der «Selbstanzeige» nicht in die postmoderne Kapitulation des Draufloserzählens. Es spielt zwar mit Erzählanfängen wie: «Alle Pläne zerschlugen sich», oder: «Ich hatte mich bereits gewöhnt», oder: «Hätte nicht alles auch ganz anders kommen können». Aber diesen Anfängen folgt meist ein mäandrierendes Räsonieren, öfter in der Gegenwarts- als in der Vergangenheitsform. «Jedes Elend, das weiss ich, löst sich irgendwann in Überlegungen auf», sagt das Ich in «Enorme Einsamkeit» und trägt der Tatsache Rechnung, dass «überlegen» ursprünglich neben «zwiefach legen» und «umdrehen» auch «überschlagen» heisst.

Ins Überlegen in diesem Sinn gerät das Ich in Zinggs Prosa immer wieder auch deshalb, weil es wie der erste seiner Väter so leben möchte, «als stünde ihm das Wichtige noch bevor» und denkend und sprechend immer mindestens «zwei Ausgänge gleichzeitig» vor Augen hat, wie der letzte Klammersatz des Bändchens festhält, denn: «Das meiste denkt man ja leider bloss, um am Ende herauszufinden, dass man doch nicht das denken möchte, was man eben gedacht hat.»

Es sind solch umwerfende aphoristische Formulierungen, die die Prosastücke Zinggs zu einem Lese- und Denkvergnügen machen. Sie ergeben sich aus unterschiedlichen Sprechsituationen und -weisen der Texte: Manche lassen an Parabeln denken, so «Enorme Einsamkeit» oder «Warum immer nur ein Sieger?», andere scheinen einer Regel zu folgen wie ein Oulipo-Text, z. B. der Regel, nur Fragen zu stellen wie in «Beratung», wieder andere haben die Unmittelbarkeit und das Tempo von Sprechtexten des Spoken word, wie «Hitze» oder «Zucker». In manchen schliesslich klingt trotz der literarischen Verfremdung Autobiografisches an, so vor allem im Text «Diktat», dem wahrscheinlich gelungensten des ganzen Bändchens. Denn hier ergibt das vielschichtig sich wendende und überschlagende Überlegen sich auf höchst verdichtete Weise aus einer einzigen konkreten Situation: derjenigen einer dem Tode nahen Mutter, die ihrem Sohn letzte Botschaften in die Schreibmaschine diktiert, während er sich übergangslos seinen Wahrnehmungen, Erinnerungen und Zukunftsprojektionen hingibt und festhält: «Das Leben, aber was fange ich jetzt damit an, ist in jedem Moment der Beginn einer Erinnerung.»