Simeliberg

Michael Fehr bringt einen neuen Ton in die zeitgenössische Literatur. Simeliberg, seine zweite Buchveröffentlichung, ist zweierlei in einem: Klangkunstwerk und rätselhafte Kriminalgeschichte.
Hinunter ins Loch, durch Matsch und Dreck, fährt Gemeindsverwalter Griese mit seinem Landrover. Die Repetierwaffe auf dem Rücksitz, erfüllt er widerwillig den Auftrag der kantonalen Sozialhilfebehörde, einen Bauern in die Stadt zu bringen. Dessen Frau ist verschwunden, in der Stadt will man der Angelegenheit auf den Grund gehen. Der verschrobene Bauer erzählt von irrlichternden Plänen, die Menschheit zum Mars und in eine helle Zukunft zu führen. Und nicht genug damit: An dem unwirtlichen Ort tragen sich mysteriöse Dinge zu. Junge Männer in schwarzen Uniformen versammeln sich und bedrohen schliesslich auch Griese, als er ihnen auf die Schliche kommt.
Polizei, Nachforschungen, Drohungen - alles nimmt seinen Lauf. Die Figuren zeigen einen knorrigen, verstockten Menschenschlag. Die Welt in Simeliberg ist gezeichnet von Gegensätzen: da die scheinbare Normalität der Oberwelt, dort die dunklen Machenschaften im sumpfigen Loch. Droben die Menschen Weiss und Wyss, drunten der Bauer Schwarz. Dazwischen der Grenzgänger Griese, der je länger, desto stärker zwischen alle Fronten und in die Mühlen der Behörden gerät.
Erzählung und Klang gehen eine ungewöhnliche Symbiose ein. Der Titel «Simeliberg» erinnert an das gleichnamige Grimmsche Märchen und an das melancholische Volkslied "Vreneli ab em Guggisberg". Michael Fehr evoziert eine Geschichte von existenzieller Wucht um Themen wie Ideologie und Verwirrung, Vereinsamung und Geborgenheit. Bis ins Feinste der Worte inszeniert Fehr ein poetisch musikalisches Gesamtwerk.

(Buchpräsentation Der gesunde Menschenversand)

Critique

de Liliane Studer

Es ist erst zwei Jahre her, als ein neuer Name am Schweizer Literaturhimmel auftauchte – und heute ist Michael Fehr dort nicht mehr wegzudenken. Der 33-jährige Berner hat sich innert kürzester Zeit in die vordersten Ränge geschrieben, und nicht nur geschrieben, sondern mit Auftritten verschiedenster Art die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. An der Eröffnung der Solothurner Literaturtage 2015 sang Fehr den Blues – zum Heulen schön –, von ihm wurde im vergangenen November ein Kinderstück Die drü Söili mit Ingwer im Berner Schlachthaus uraufgeführt: ein witziges und wie immer bei Fehr gleichzeitig tiefsinniges Werk, in dem ein Samurai auftritt, der fürs Leben gerne Schweinefleisch isst und mithilfe seines Hundes auf der allerletzten Insel die drei allerletzten Ferkel findet. Die aber sind nicht blöd – und das Stück ein Vergnügen. 2013 erschien Michael Fehrs erster Prosaband Kurz vor der Erlösung in der Edition Spoken Script (Verlag Der gesunde Menschenversand), eine Sammlung von siebzehn Sätzen zu Fragen über Gott und die Welt, sprachlich grossartig, inhaltlich eine Herausforderung. Michael Fehr, der sich damals noch dagegen wehrte, ein Schriftsteller zu sein – er sei ein Denker –, zeigte sich in diesen Prosatexten als ebensolcher Denker, der aber auch noch das Zeug hatte, dieses Denken in Sprache umzusetzen und mit Leserinnen und Lesern zu teilen.

Und nun also Simeliberg, ein schmaler Band von gerade mal 140 Seiten (inklusive Glossar), ein Prosatext, ist das so klar? Auch wenn die Zeilen nur die Hälfte der Seitenbreite ausfüllen? Die Geschichte des Gemeindeverwalters Griese, der den Auftrag hat – weil ein Gemeindeverwalter einer so abgelegenen Gemeinde allerhand Aufträge zu erledigen hat, und erst noch, wenn er nicht ein Hiesiger ist –, diesen Schwarz zu holen, der im Loch lebt und dessen Frau verschwunden zu sein scheint, einfach nicht mehr gesehen wurde im Dorf. Schwarz verwickelt ihn in ein Gespräch über Sozialismus und Marx, und vollends verwirrt ist Griese, wenn er die unzähligen Tausendernoten sieht, die Schwarz ganz selbstverständlich bei sich aufbewahrt. Eigentlich versteht Griese gar nichts mehr und Schwarz verunsichert ihn zutiefst. So will er seinen Auftrag möglichst schnell erledigen, Schwarz in der Stadt abliefern. Doch die Dinge nehmen ihren Lauf. Grieses Freundin (oder wie genau lässt sich seine Beziehung zu Annett Wyss definieren, die mit Mann und Söhnen im Bauernhaus am Dorfrand lebt und wo er abends noch eine warme Suppe bekommt?) erwartet anderes von ihm, nämlich dass er herausfindet, wo ihr Sohn geblieben ist. Und als es dann losgeht, unten im Graben, beim Haus von Schwarz, das in der Nacht in die Luft fliegt, steht Griese nur im Weg herum und muss sich von einer Frau (auch das bleibt ihm nicht erspart!) zurechtweisen lassen, er, der Gemeindeverwalter. Griese hat keine Chancen, eigentlich hat niemand Chancen in dieser Geschichte, am ehesten vielleicht noch Schwarz, obwohl sein Haus nicht mehr da ist, als er endlich wieder zurückkehren darf. Er hat noch die Remise.

Nein, es hat keinen Sinn, diesen dichten Text zusammenzufassen, es gibt nur eines: das Original zu lesen. Gleich mehrmals. Einmal auch laut, alleine oder aber im Lesekreis oder am Familiensonntagabend. Denn es ist schlicht grossartig, etwa wie Michael Fehr Telefongespräche wiedergibt – ja, wir lesen nur die eine Seite, was die andere sagt, ergibt sich aus den Antworten. Und mit welcher Leichtigkeit die krummen Geschäfte daherkommen, von Jugendlichen ausgedacht und ausgeführt, die der rechten Szene zuzuordnen sind, doch niemand hat etwas davon gewusst, will etwas gewusst haben, auch Schwarz nicht, bei dem sie sich immer wieder getroffen haben. Oder das Kapitel, es ist das achte, in dem Griese sich ein Zielfernrohr für sein Gewehr kaufen will. Auf knappstem Raum erfahren wir alles über den sogenannt legalen Waffenerwerb. Und im Verlauf auch einiges darüber, wie sich Griese mit eben dieser Waffe verheddert und sie ihm alles andere als hilft.

Michael Fehr zeigt mit seinem zweiten Prosaband seine ganze sprachliche Virtuosität, mit der er bereits die Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises 2014 in Klagenfurt überzeugte, die ihm für einen Auszug aus Simeliberg den Kelag-Preis zugesprochen hat. Ganz anders als in seinem ersten Buch erzählt er eine Geschichte, man könnte sie sogar als Kriminalroman bezeichnen, doch ein solcher Text erträgt keine Kategorisierungen bzw. Schubladisierungen. Michael Fehr führt in die Abgründe des Dorflebens, buchstäblich, er wirft Licht auf Rivalitäten, er lässt Vermutungen zu Gewissheiten werden, er öffnet den Vorhang und lässt einen Blick tun auf zwielichtige Handlungen. Dabei erklärt er nichts und vermeidet tunlichst irgendwelche Kausalzusammenhänge oder Psychologisierungen. Er öffnet allein durch Sprache Räume, in denen sich die Protagonistinnen und Protagonisten zwar bewegen, drin zurechtzukommen gelingt ihnen jedoch nicht. Dass die Literaturkommission des Kantons Bern dieses Buch mit einem Berner Literaturpreis 2015 auszeichnet, ist eine verdiente Anerkennung für einen Autor, der sich in kurzer Zeit mit seiner Vielseitigkeit einen Platz im literarischen Leben innerhalb des deutschen Sprachraums geschaffen hat. Und so sei denn hier auch noch erwähnt, dass sich Michael Fehr nicht nur mit seinem eigenen Schreiben hervortut, sondern dass er sich auch in der Nachwuchsförderung stark engagiert. So ist er Schweizer Kurator für Babelsprech zur Förderung junger deutschsprachiger Poesie und Juror beim Literaturwettbewerb Treibhaus der Zeitschrift Literarischer Monat.

Revue de presse

Das An- und Ineinanderfügen sich ablösender Sinneseindrücke und Denkfragmente zu einem prosaischen und eben nicht poetischen Komplex, zu einer Geschichte, die sich zur Not auch der Polizei erzählen liesse: Das ist durchaus eine anspruchsvolle Kunst. Fehr beherrscht sie, zurzeit vielleicht sogar am besten. [...] Es gibt manchmal Bücher, von denen man mit Fug und Recht behaupten darf, es wäre heilsam, wenn sich ein Land mit ihnen eine Weil beschäftigen würde. Simeliberg is so eines. (Philipp Theisohn, NZZ, 26.02.2015)

Der Plot ist ungemein spannend, spielt im Grunde aber doch nur eine untergeordnete Rolle. Michael Fehrs neues Buch ist ein livre noir. Es gibt in ihm buchstäblich keine Farben. Schwarz, Griese, Weiss, Wyss heissen die Protagonisten. Wir bewegen uns in einer Welt der Schatten. [...] Mit «Simeliberg» bestätigt Fehr nicht nur seinen Rang, sondern erweitert auch sein Ausdrucksspektrum. Er beweist, dass er sich nicht nur auf polyfone Sprachwelten versteht, sondern auch auf packende Geschichten. (Manfred Papst, NZZ, 01.03.2015)