»Ich war, ich bin, ich werde sein«. Rosa Luxemburg - Rainer Werner Fassbinder. Hinterlassenschaften

Ingeborg Kaisers dichter und suggestiver Text ist eine erzählerische Engführung zwischen der »Feuerfrau« der deutschen Revolution, die sich ohne die geringste Rücksicht auf sich selbst 1919 in den revolutionären Kampf für eine gerechte Gesellschaftsordnung wirft, und dem von seinen Bildideen getriebenen Filmemacher, der sich um seines Werkes willen ebenso wenig schont und in einer Sommernacht des Jahres 1982 über einem Drehbuch für einen Luxemburg-Film zusammenbricht.
Das Buch berichtet über die von hektischem Kampf erfüllten letzten Lebenswochen Rosa Luxemburgs, ihren gewaltsamen Tod, den Kampf um die viel später erst aufgefundene Leiche und schließlich ihre bleibende Wirkung als Ikone der Revolution, als unbequeme Denkerin und Vorkämpferin für die Rechte der Frau. Ingeborg Kaiser beschwört die Strahlkraft der unvergleichlichen Persönlichkeiten Rosa Luxemburgs und des exzessiven Filmemachers Fassbinder. Die Lektüre wird für den Leser zu einem anregenden Abenteuer.

(Klappentext Collection Montagnola, editiert von Klaus Isele)

Hommage an zwei Einsame

de Beat Mazenauer

Als der Filmemacher Rainer Werner Fassbinder am 10. Juni 1982 unvermittelt verstarb, fiel sein Kopf auf das Drehbuch eines geplanten Films und tränkte das Papier mit seinem Blut. In seinem Kopf und auf den Blättern waren Pläne zu einem Film über Rosa Luxemburg herangereift. Die unbeugsame Spartakistin hätte sich wunderbar in die Reihe mit Effie Briest, Lili Marleen, Maria Braun oder Nora Helmer eingefügt.

Dieser zufällige Brennpunkt zweier Lebensgeschichten hat Ingeborg Kaiser dazu angeregt, tiefere Gemeinsamkeiten zwischen den Beiden zu suchen. Das Bild des blutenden Fassbinder, schreibt sie, gehe ihr nach «wie der nächtliche Landwehrkanal, in den die ermordete Rosa L. geworfen wurde». Das ist filmisch gedacht und charakterisiert so ihren Text als Ganzes. Er wirft Blitzlichter auf Rosa L., die unstet unterwegs war im Namen der Revolution, die selbst in Gefängnis nicht verzagte, und die in schändlichster, ungesühnter Weise im Frühjahr 1919 verhaftet und ermordet wurde. Diesen anschaulich erzählten Bildern tritt Fassbinder alias «Rain» als oft auch unausstehlicher Unruhepol gegenüber. Ihm hätte es glücken können, jene Bilder filmisch umzusetzen, weil er Rosas Einsamkeit und Umtriebigkeit und vor allem ihre selbstauferlegte Lebensaufgabe verstanden hätte. Wiederholt hatte sie geäussert, dass sie lieber «malen und auf einem Fleckchen Erde leben möchte, wo ich Tiere füttern und sie lieben kann». Stattdessen fühlte sie sich ganz der Revolution verpflichtet, ohne Zeit «zu denken wie es mir geht».

Ingeborg Kaiser schreibt nicht zum ersten Mal über Rosa Luxemburg. 2002 erschien Róża und die Wölfe, ein breites und zugleich inniges Lebensbild der in Polen geborenen Luxemburg, das sich mit persönlichen Reiseerfahrungen der Autorin Ingeborg Kaiser mischte. Dieser persönliche Zugang prägt verstärkt auch das neue Buch. Es nähert sich ganz aus der Optik einer Faszinierten, die den Nachhall der geschichtlichen Figur spürt und ihr bis in die geheimsten Empfindungen nachzuforschen versucht. Die postulierte Verwandtschaft mit Fassbinder eröffnet dabei neue Bezugslinien in die Gegenwart. «Das Nachleben der Toten», wird die Erzählerin durch Gustave Flaubert erinnert, «ist die Erinnerung der Lebenden, deren Stimmen holen sie zurück, Ich treffe sie oft, meine Toten, bei Nacht gelten ihre Gesetze». So wird die Autorin, mit Jahrgang 1930, zum Bindeglied zwischen den beiden Protagonisten, die zeitlich keinerlei Berührungspunkte aufweisen. Mathilde Jacob, Luxemburgs Freundin und gewissermassen ihre letzte Lebenszeugin, wurde im April 1943 in Theresienstadt ermordet; zwei Jahre später, am 31. Mai 1945, kam Rainer Werner Fassbinder zur Welt.

Die 1930 in Neuburg an der Donau geborene Autorin kennt die zeitliche Lücke aus kindlicher Erinnerung: den preussischen Korpsgeist, der einen verheerenden Krieg anzettelte und das Unwesen unter veränderten Bedingungen nach 1945 weiter betrieb. Von letzterem handeln auch Fassbinders Filme von «Katzelmacher» bis «Nora Helmer» selbst wenn sie stofflich bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen. Auf diese Kontinuität spielt der Titel des Buches mit einem Luxemburg-Zitat aus der «Roten Fahne» von 1919 an: «Ordnung herrscht in Berlin! Ihr stumpfen Schergen! Eure Ordnung ist auf Sand gebaut. Die Revolution wird sich morgen schon 'rasselnd' wieder in die Höh' richten und zu eurem Schrecken mit Posaunenklang verkünden: Ich war, ich  bin, ich werde sein!»

Ingeborg Kaisers Bild der Kämpferin Rosa Luxemburg enthält auch die leisen Töne und ihr trauriges Schicksal. Entsprechend ist ihre Herangehensweise feiner und gebrochener als die Kampfparolen ihrer Heldin. Formal gibt sich ihr Text als «Flaschenpost» an einen Freund namens Jakov aus, mit dem sie die Faszination für jene teilt. Ihm widmet sie den Text, der Brief und Erzählung und Essay und autobiographische Erinnerung in einem ist. Auch wenn die Rolle Fassbinders darin etwas zu kurz kommt, gelingt die Annäherung an die beiden ruhelos Einsamen, weil Ingeborg Kaiser die grossen Worte ihren Figuren überlässt, sie aber höchst behutsam, klug und dicht in den eigenen Kontext einbettet. Ihr Buch ergibt in der Summe ein stilistisch wie stofflich stimmiges Doppelporträt mit Auslassungen, in welchem sich ein historischer Kasus spiegelt, der bis heute seinen Stachel bewahrt hat. «In meinem Brief, Jakow, ist die Zeit ein Strang aus verschiedenen Zeiten. Aber noch läuft der Film – hinter den Augen Rains – ein Requiem aus Bildern».