Jakob schläft
Eigentlich ein Roman

Geschichten aus dem Familienalbum

de Beat Mazenauer

Krankheit und Tod stehen im Zentrum des Werkes von Klaus Merz. Davon macht auch sein neues Buch, der Mikroroman Jakob schläft, keine Ausnahme. Der Aargauer Dichter erzählt darin Episoden aus dem Album der eigenen Familiengeschichte.
Normabweichung, Krankheit und Tod sind zentrale Motive im Werk des 51jährigen Schweizer Dichters Klaus Merz. Sein früh verstorbener Bruder Martin, der an einem Hydrocephalus erkrankt war, hat sie ihm auf schmerzhafte Weise vorgelebt. Doch die familiäre Prägung reichte noch tiefer, schloss die Epilepsie des Vaters und die zunehmende Schwermut der Mutter mit ein. Zuhause hatte «Kranksein den Vorrang» und die «Zeiten relativer Schmerzlosigkeit» waren am schwersten auszuhalten.
Eindrücklich hat Klaus Merz diesen Komplex schon früher literarisch verarbeitet. Dem Vater hat er 1994 in der Erzählung «Im Schläfengebiet» ein berührendes Porträt gewidmet, dem Bruder 1988 in «Report». Hierin sieht sich ein Journalist während eines Schlachthofbesuchs mit einem Schlächter konfrontiert, der ihm die «wahre Geschichte» seines wasserköpfigen Bruders erzählen möchte, in dessen Schädel «unablässig Wortgebilde entstünden». Ein «Eingeborener» sei er gewesen, «der halt nach innen schaut, weil es ausserhalb nicht viel zu sehen gegeben habe für ihn». Die Geschichte dieses insgeheim Begabten untermauert er mit erstaunlichen Gedichten – aus der Feder von Martin Merz.
«Wie rasch ist man doch als Sensibler lädiert», klingt es – nicht ohne Ironie – aus dem Munde des Schlachters. Der Sensible zieht die Krankheit an, ja sie wird ihm förmlich zum Lebensfundament. Deshalb spielen Bruder, Vater und Mutter auch in dem schmalen Roman Jakob schläft eine wichtige, doch nicht die Hauptrolle. Klaus Merz erweitert darin die Liste der Lädierungen noch um den Bruder Jakob, der gleich bei der Geburt verstorben sei. Da ungetauft, kündet auf den Grabstein nur die nüchterne Bezeichnung «Kind Renz» von seinem kurzen Leben. Hoch droben im Himmel schläft Jakob aber und wacht über die Familie.
Drunten spielen sich derweil die Geschichten aus dem Familienalbum ab. In der guten Stube gleich neben der Backstube thront das neue Heiligtum, der Grundig Radio-Apparat. Aus ihm erklingen in ruhigen Stunden die Nachrichten aus fernen Ländern. Ihretwegen hält es Onkel Franz nicht zuhause, lieber brummt er auf seiner Harley durch das Dorf, während Gary Cooper im Landkino zur Mittagsstunde allein gegen alle antritt. Mit kurzen, präzisen Strichen und mit feiner Ironie beschwört Merz so die fünfziger Jahre und ihren familiären Alltag herauf.
75 Seiten Umfang sind nicht viel, doch dem skurrilen Untertitel «Eigentlich ein Roman» werden sie allemal gerecht. Der Meister der lakonisch verdichteten Kurzsätze hält sich auch hier an sein Programm der sprachlichen Konzentration, zwischendurch freilich verhilft ihm das anekdotische Erzählen zu längern, fast epischen Atem. Aus diesem Grund hebt sich dieser «Mikroroman» etwas von rätselhaften Kargheit und Luzidität von seinen anderen Dichtungen ab. Merz verzichtet weitgehend auf das subtile, irritierende Geflecht aus Anspielungen, Andeutungen und Aussparungen; einzig der fehlende literarische Hochmut bleibt für ihn auch hier unverzichtbar.
Der Dichter erzählt aus seiner eigenen Jugendzeit im ländlich-dörflichen Aargau. Allein das Geschriebene ist nie das Wirkliche, auch wenn es ihm gleicht. Demnach erzählt er nicht ungefiltert autobiographisch, sondern erfindet für sein Buch ein literarisches Ich: Lukas Renz (beinahe ein Anagramm für Klaus Merz). Dieses Ich ruft uns Sätze und Episoden ins Gedächtnis zurück, die wir aus den erwähnten Erzählungen «Report», «Im Schläfengebiet» oder «Querfahrt» zu kennen glauben.
Zwischen jene eingelagert aber finden sich immer wieder verwunschene Sätze und fein modulierte Sprachbilder, die auf den ersten Blick zwar «verloren» wirken, auf den zweiten aber eine ganz präzise Beschreibungsqualität offenbaren. Vom sonntäglichen Kinobesuch zurückgekehrt – High Noon stand auf dem Programm – setzte Vater in der Backstube den Vorteig an und Mutter «strich mir die Querschläger aus den Haaren». Solche Sätze nehmen wahr, «was durch Vorzeigen nicht sichtbar wird».
Eines Frühlings schlüpften aus einem Kästchen die Schmetterlinge aus, heisst es an anderer Stelle: «Es war kein Trauermantel dabei». Dieser fehlt auch in diesem kleinen, subtilen Roman. Vielmehr erteilt Klaus Merz, all der heimtückischen Lädierungen zum Trotz, darin licht und lächelnd die Lektion einer widerspenstigen Menschlichkeit, die ihn sein Vater gelehrt hat. Eine vergleichbare Leichtigkeit, die finstern Tönen abgewonnen ist, zeichnet die Zeichnungen von Merz’ Freund Heinz Egger aus. Jakob schläft und wacht auch darüber.