Das Steinauge & Galápagos

Christoph Keller

Ein kombiniertes Roman- und Erzählungsprojekt von hoher Ambition zum Thema der Erinnerung bzw. der falschen Erinnerung.

(Klappentext BoD)

Erinnerungen sind die Hölle

par Beat Mazenauer

Publié le 30/01/2017

Fast drei Jahrzehnte ist es her seit jenem verhängnisvollen Nachmittag in der Tivolischlucht. Die beiden Freunde Philip und Paul waren wie so oft auf der Suche nach Fossilien, als sich Paul etwas zu weit vorwagte und über die «Fossilienwand» abstürzte. Im letzten Moment, bevor er fiel, sei es aus Überraschung oder aus Panik, liess er sein «Steinauge» fallen: «ein schöner, aber gewöhnlicher Stein», der, so Pauls Behauptung, das «fossilierte Auge» eines Alligatoren sein könnte, oder einer Riesenschildkröte. Die Einbildungskraft der beiden übertrumpft ihr Wissen bei weitem.

 Der Unfall spaltet die Zeit zwischen Kindheit und Erwachsenenleben. Philip Gandolf war bald darauf von zuhause ausgezogen, ohne sich je wieder zu melden. Und die Familie von Paul Berlanga zerfiel leise und unaufhaltsam. Drei Jahrzehnte später kehrt der Erzähler in die Villa Berlanga zurück, um die alte Geschichte loszuwerden. Anlass bietet eine Filmdokumentation über den mittlerweile erfolgreichen Schauspieler Philip Gandolf. Eine junge Regisseurin, Lili Fontana, ist am «Künstler, der ein anderer wird», interessiert. Sie bittet Philip, zu erzählen, auf Band zu sprechen. Der tut es ohne Punkt und Absatz in rasanten Wortkaskaden, die das alte Geschehen nochmals aufleben lassen. Er hört im inneren Ohr nochmals das «Stiklit, stiklit», mit dem er seinen Freund rief und der daher den Übernamen Stieglitz trug; er erinnert sich an frechen Schabernack und an das sonderbare Ehepaar Winter, durch dessen Garten sie jeweils die Schlucht betraten. Auch Marita – oder nein: Marina – taucht nochmals auf. Das Mädchen durfte als einziges die beiden Freunde begleiten. Demgegenüber blieb Stieglitz' Schwester Evelina ausgeschlossen. Sie ging Philip auf die Nerven, und erst recht ihr Spiel, das sie mit Stieglitz spielte. 

Die Erinnerungen sind «die Fossilien unseres Gedächtnisses, unsere zu Gedanken versteinerten Handlungen», weiss Philip. Später wird er sein Urteil zuspitzen: «Unser Gedächtnis ist das Reich der Toten! Das ist die Erinnerungsfalle, du wirst schon sehen […] Unsere Hölle ist die Erinnerung. Als Gott das Vergessen schuf, erfand der Teufel die Erinnerung.» Die Erinnerung, so leicht sie Philip zu fallen scheint, verfolgt ihn bis in die Träume und bis in sein neues Projekt. Er plant ein Comeback als Schauspieler, mit einer Dramatisierung von Luis Buñuels Der Würgeengel – ein Huis-clos-Stück mit mysteriös biblischen und politischen Anspielungen.

In der Villa Berlanga ist auch Evelina stumme Zeugin von Philips Versuchen, sich das Vergangene erzählend vom Leib zu reden. Sie ist nach überstandener Trunksucht fromm geworden, lässt Philip aber in Ruhe. Ihr Haus steht ihm offen, insbesondere das seit Stieglitz' Tod unangetastete Dachzimmer. Hier hatte dieser mit ausrangierten Möbeln so etwas wie eine eine Parallelwohnung eingerichtet: eine «Spottwohnung», wie er sie nannte. Hier spürt Philip nochmals die diffizile Beziehung, die ihn mit Stieglitz verbunden hatte. Stieglitz war der stets vorlaute, freche Junge, Philip dagegen sein meist stiller Schatten, der sich für die Unarten von jenem artig entschuldigt.

Im Wechsel von hervorsprudelnden Monologen, die Philip hektisch in eine im ganzen Haus verteilte Gegensprechanlage spricht, und dem Bericht darüber, was sich dazwischen tut, erzählt Christoph Keller die Geschichte dieser Freundschaft. Dem Buch voran steht ein Zitat von Max Aub aus den Gesprächen mit Buñuel: 

«Ich bin der andere», sagte Rimbaud.
Er log. Niemand ist ein anderer.

Der erste Teil des Zitats steht über dem ersten Kapitel des Romans, dem ein zweites kürzeres Kapitel folgt, das «Niemand ist ein anderer» heisst. Drei Monate später im Oktober soll Philip nochmals zum Ort des Geschehens fahren. Er freut sich auf Lili, die Regisseurin, die er endlich verführen will. Während seines ersten Aufenthalts in der Villa Berlanga ist das dem alten Frauenschwarm versagt geblieben. Seiner Frau und seinem Sohn Paul in Genf stellt er eine kurze Abwesenheit in Aussicht.

Philip hofft, dass mit diesem Besuch auch seine schlechten Träume ein Ende finden. Es kommt freilich anders. Lili hat recherchiert und auch Stieglitz' Schwester Evelina befragt. Dabei ist eine völlig andere Geschichte ans Tageslicht gekommen. Nicht dass Philip ein Mörder wäre, dies wagt niemand auszusprechen. Aber die neue Version lässt den Schauspieler Philip Gandolf nackt als Schauspieler erscheinen. All das auf Band Gesprochene klingt auf einmal fragwürdig, ja falsch und erlogen. Allein schon deshalb, weil die Villa Berlanga vor zwölf Jahren abgebrannt war oder wurde. Und auch die Familie Winter spielt eine ganz andere Rolle.

Mit Raffinesse spitzt Christoph Keller das Spiel um Erinnerung und Identität zu, treibt es durch den Fleischwolf der individuellen Einfärbung und macht daraus eine rasante Verfolgungsjagd nach den Schimären der Vergangenheit – genauer: der imaginierten Vergangenheit, die in erster Linien eine Konstruktion ist, die sich Philip erinnern will.

 Das ist ausgesprochen raffiniert gemacht, souverän orchestriert und überraschend aufgelöst, soweit sich dieses Tohuwabohu auflösen lässt. Leitmotive, die um Buñuel einerseits und vor allem um Max Ernst kreisen, von dem das «Steinauge» entliehen ist, lassen immer erahnen, dass Philips Erzählung auf kunstvoll tönernen Füssen steht. Das Patronat Buñuels schliesst übrigens an Kellers grandiosen Roman Der beste Tänzer von 2003 an, in dem es heisst, dass Erinnern undankbarerweise darin besteht, «die eigene Vergangenheit neu zu erfinden; undankbar, weil man etwas neu erfinden muss, das es schon einmal gegeben hat». Imagination und Fantasie, also Literatur kann dabei helfen.

Das Steinauge ist ein verblüffender Roman, schillernd und virtuos – zum Schluss zerstäubt Keller auch die Romanform selbst. Philip hat in letzter Zeit die Liebe zum Schreiben entdeckt und einige Erzählungen verfasst. Sie sind dem zweiteiligen Roman als integraler Bestandteil angehängt. In ihnen spielt die Familie Berlanga die Hauptrolle, wobei die Erzählungen weitgehend mit dem ersten Teil, Philips Version, übereinstimmen und sie weiter ausführen. Rückwirkend scheint somit auch der erste Teil ein Werk von Philip zu sein, das Evelina kurz als «Fiktion» bezeichnete. 

Als Schauspieler ist Philip Gandolf bekannt für eine spezielle Technik, mit der er sich jeweils seine Stücke erarbeitet. Bevor er sich an die eigene Rolle macht, spielt er zuerst alle anderen Figuren. Christoph Keller lässt ihn dieses «System Gandolf» reversibel anwenden: Philip verteilt gewissermassen die eigene Rolle auf alle anderen Personen, und auf seine Erzählungen. «In ihnen kann er tun, was er will.» Sich selbst hüllt er in Schweigen.

Der schöne Schein einer gepflegt erzählten Geschichte wird zum Ende hin ins völlig Irre, Absurde umgeleitet. Philip erzählt, wie Evelina Berlanga nach Amerika ins Land der Kreationisten reist, die an ein göttliches Design der Welt glauben und sich nicht vorstellen können, dass ein Schwarzer Präsident werden könnte. Sie glauben voll Demut an die biblisch verheissene Apokalypse, die dann auch eintritt – egal, ob Evelina selbst daran glaubt oder nicht. Zum Schluss überleben zwei Menschen auf der Insel Galápagos: Evelina und Stieglitz. Ob die beiden noch von unserer Welt sind? Ein stimmiger Schluss für dieses wunderbare Buch. 

Note critique

Un garçon décède lors d’une fouille géologique. Des années plus tard, un ami se remémore cette amitié tragiquement interrompue. Il enregistre ses souvenirs sur un magnétophone, en vue d’un projet de film. A partir de là, Christoph Keller élabore une course-poursuite fulgurante, sur les traces des fantômes du souvenir. Il enrichit le protocole de la conversation par un second compte-rendu et six récits, ce qui rend les choses encore plus troubles. Qu’est-ce qui est vrai et où suis-je dans ma tête? Das Steinauge [L'œil de pierre] est un livre extrêmement ambitieux sur le plan formel, subtilement construit et narré de façon saisissante, laissant entrevoir des gouffres vertigineux au lecteur. (Beat Mazenauer in Viceversa Littérature 11, 2017)