Sieben Küsse

Peter Von Matt

Sieben bedeutungsvolle Küsse der Literaturgeschichte von Marguerite Duras bis Heinrich von Kleist hat Peter von Matt für sein neues Buch ausgewählt. Eigentlich ist Küssen ja ein Alltagsgeschäft. Und dennoch sind wir fest davon überzeugt, das Leben nach dem Kuss sei ein besseres als zuvor. Daran hat auch die Literatur ihren Anteil, denn in zahllosen Geschichten nimmt das Schicksal nach dem entscheidenden Kuss einen neuen Lauf. Einmal mehr erweist sich Peter von Matt als Meister der kenntnisreichen und eleganten Interpretation, aus der Neugierige genauso viel lernen wie erfahrene Leser: ob es nun um Literatur geht, die Liebe – oder um Osculologie, die Wissenschaft vom Küssen.

(Buchpräsentation Hanser)

Kussszenen zum Glück

par Florian Bissig

Publié le 11/04/2017

Sein Buch Sieben Küsse leitet Peter von Matt diesmal nicht mit einem weit ausgreifenden Essay ein, sondern überlässt den Auftakt einem kurzen Motto von Novalis, mit dem er den Band auch wieder abschliesst. Der romantische Dichtungstheoretiker wundert sich darüber, «dass in einer guten Erzählung allemal etwas Heimliches ist – etwas Unbegreifliches». Sie «scheint noch uneröffnete Augen in uns zu berühren», lässt also den Leser auf eine fundamental neue Art etwas erkennen. In der Folge stehen wir «in einer ganz andern Welt, wenn wir aus ihrem Gebiete zurückkommen».

Von Matt ist ein bewährter Geburtshelfer solcher Transformationen. In seinen stilistisch glänzenden Essays zur Literatur verschmilzt die literaturwissenschaftliche Auslegung mit einer Vermittlungsleistung. Sein Leser blickt tief in die analysierten Texte und erfährt die Ermunterung, die klassischen Werke zu lesen – sei es erstmals oder aufs Neue. Gelehrt und doch verständlich, lehrreich und doch nie herablassend, berührt von Matt selbst mit seinen Texten «uneröffnete Augen» in uns und entlässt uns nach der letzten Seite in eine ganz andere Welt.

Auf singuläre Weise berührt und unwiderbringlich verwandelt sind auch die Hauptfiguren der sieben literarischen Texte, denen sich von Matt in Sieben Küsse ausgiebig widmet. Tatsächlich stehen sieben Kussszenen im Zentrum der Interpretation. Doch keiner dieser Küsse steht komplikationslos gemäss der konventionellen Vorstellung für den glücklichen Zusammenschluss zweier Seelen. Das Glück spielt zwar eine Hauptrolle, allerdings tut dies auch sein Gegenteil. Denn alle Glücksforschung, wie von Matt sagt, ist «in der Literatur zugleich Unglücksforschung».

Glück im Unglück bedeutet etwa für Mrs Dalloway in Virginia Woolfs gleichnamigem Roman die Erinnerung an einen einzigen flüchtigen Kuss einer Freundin, von dem sie während Jahrzehnten zehrt, während sie im Korsett der feinen Gesellschaft leidet. Immerhin hat der Kuss tatsächlich ihr gegolten, anders als der, mit dem sich Tschechows Hauptmann Rjabovič in der Erzählung Der Kuss begnügen muss. Der schüchterne unansehnliche Offizier tappt in ein dunkles Zimmer und wird von einer duftenden jungen Dame für ihren Liebhaber gehalten und geküsst. Eigentlich ist Rjabovič klar, dass der Kuss und die zugehörigen Gefühle nicht ihm gelten. Dennoch trägt er seinen Kuss während Wochen mit sich herum und «empfindet und denkt wie einer, der in der Ferne eine schöne Geliebte hat».

Den möglichen Ursachen für diese scheinbar irrationale Glückseligkeit des Offiziers geht von Matt – und diese Feststellung kann auf alle Essays ausgedehnt werden – mithilfe noch des kleinsten literarischen Details und mithilfe eines profunden Kontextwissens gründlich nach, und erhebt dennoch nie den Anspruch, den Text und seine Schlüsselszenen abschliessend zu deuten. Nur zu gern anerkennt er, was Novalis das «Heimliche» oder das «Unbegreifbare» nennt. «Die Szene behält ein Geheimnis»: Der Satz und ähnliche fällt bei von Matt öfter, und der Literaturwissenschaftler verteidigt ihn auch gegen mancherlei allzu einseitige professionelle Deutungen. So stellt er sich auch vor Kleists Marquise von O. und ihren Vater, deren masslos erotisch und lechzend scheinender Versöhnungskuss die Kritiker aller Generationen dazu herausgefordert hat, das Skandalon als Vergewaltigung, als Inzest oder als Regression ins Kleinkindalter unter begriffliche Kontrolle bringen zu wollen.

Besonders köstlich ist es, von Matt dabei zu folgen, wie er ungewöhnlichen Kussszenen, die zunächst vor allem das Potential zur Schockwirkung oder zum Gelächter zu haben scheinen, zu einem viel umfassenderen Recht verhilft. So arbeitet er die Deutung heraus, dass in Marguerite Duras’ Moderato cantabile der Kuss, den der Mann der von ihm soeben ermordeten Ehefrau ins blutige Gesicht drückt, nur den körperlichen Tod bedeutet. Demgegenüber kommt der seelische Tod in einem trockenen, kalten Kuss zur Darstellung, den sich zwei verabreichen, die fassungslos über jenem blutigen Ereignis der Liebe brüten.

Am berührendsten ist vielleicht von Matts Lektüre von Grillparzers Der arme Spielmann, dessen Titelfigur allerlei Attribute eines Narren, Randständigen und Aussenseiters anhaften. Die Rekonstruktion der Geschichte seines tiefen Falls führt uns zu einer Kussszene mit der unerreichbaren Geliebten, deren Erinnerung er wie ein Juwel mit sich herumträgt. Doch geküsst wurde durch das Glasfenster einer Tür, und so wird der sonderbare Kuss zu einem Symbol für unverwirklichbare Vereinigung des Paars, und ebenso wie für des Spielmanns lebenslange Trennung von Gesellschaft, Erfolg und Vernunft, wie von Matt nahelegt.

Von Matt wird in Sieben Küsse nicht müde zu wiederholen, dass «die Literatur in Szenen denke und nicht Gedanken in Szenen übersetzt». Bester Beleg für sein Credo ist die Tatsache, dass er die Szenen nicht bloss in Gedanken und Zurechtlegungen (rück-)übersetzt, sondern sie in ihrerm irreduzibel szenischen Charakter zur Sprache und zur lebhaften Vorstellung bringt. So verweilt man mit diesem kundigen Kritiker und Vermittler gerne im Gebiet des «Unbegreiflichen» und hat es nicht eilig daraus zurückzukommen.