Lanz

Flurin Jecker

In einer Projektwoche soll der 14-jährige Lanz einen Blog schreiben. Erst sträubt er sich, doch dann breitet er rückhaltlos sein Leben aus: die seit der Trennung der Eltern gespaltene Familie, die Kompliziertheit zweier Zuhause, die Ödnis seiner Kindheit in einem Dorf in der Schweiz, seine Probleme mit dem Erwachsenwerden … Und dann sind da noch die misslungenen Annäherungsversuche an Lynn, derentwegen er sich überhaupt erst für den Blogger-Kurs angemeldet hat. Mit einem unwiderstehlichen Sog erzählt Flurin Jecker in seinem Debütroman von einem Jungen, der die Zumutungen der Welt kommentiert, und das in einer eigenwilligen und wuchtigen, restlos glaubwürdigen Sprache.

(Buchpräsentation Nagel & Kimche)

Nicht immer ist alles schön. Romanerstlinge von Flurin Jecker und Luise Maier

par Jörg Hüssy

Publié le 03/04/2017

Die Liste der diesjährigen Neuerscheinungen aus dem Schweizerischen Literaturinstitut Biel/Bienne zählt bereits sieben Titel. Darunter sind neben Julia Webers bereits besprochenem Roman Immer ist alles schön (Limmat) zwei weitere gelungene Debütromane, die aus der Perspektive eines heranwachsenden Mädchens bzw. eines Jugendlichen erzählt werden. Alle drei zeigen Familien, die nicht intakt sind und den Kindern einiges abverlangen. Im Blog-Roman Lanz (Nagel & Kimche) von Flurin Jecker erfährt man von den Freuden und Nöten eines Vierzehnjährigen in seinem Schul- und Familienalltag. Luise Maier schildert in Dass wir uns haben (Wallstein) Erfahrungen von Gewalt und Grenzüberschreitung. Während bei Maier die schwierige Beziehung der Eltern in einer Trennung mündet, ist in Jeckers Roman die Trennung der Eltern bereits vollzogen.

Flurin Jecker zeigt eine ziemlich normale Familie, bei der jedoch vieles nicht mehr im Lot ist. Die Hauptfigur Lanz pendelt Tag für Tag zwischen den Welten der Mutter und des gleichgültigen Vaters. Das Leben von Lanz ist geprägt von dieser Zerrissenheit. Und vor allem ist er gerade mitten in der Pubertät, als ein Mädchen namens Lynn seine Aufmerksamkeit erregt. Nun möchte er in einer Projektwoche die Gelegenheit nutzen, ihr näher zu kommen und meldet sich wie sie für den Kurs «Ich schreibe einen Blog» an. Die Vorzeichen stehen von Anfang an schlecht, wird dieser Kurs doch ausgerechnet von seinem verhassten Klassenlehrer geleitet. Und von Lynn keine Spur. Als sie am zweiten Tag doch noch auftaucht, gelingt es ihm trotz Facebook und realer Begegnung nicht, sie für eine Party Ende Woche zu begeistern. Enttäuscht und mit der nicht gerade verlockenden Aussicht aus dem Blog vorlesen zu müssen, entschliesst sich Lanz kurzer Hand zu Verwandten in die Berge zu verschwinden. Jecker zeigt unverstandene Jugendliche, die Privates bereitwillig auf Social Media teilen, die jedoch in der Schule nicht gewillt sind, aus einem Blog vorzulesen. Jugendliche, die mit der Langeweile kämpfen und den ewigen «Anschiss» mit Alkohol und Joints zu lindern versuchen. Ganz normale Jugendliche also.

Der 1990 geborene Berner Autor wählt eine ausufernde und sehr mündliche Jugendsprache, um die Welt des vierzehnjährigen Schülers abzubilden. Er beherrscht diesen Ton gut und gestaltet daraus eine Kunstsprache, die allerdings etwas schematisch und repetitiv ist. Seine Hauptfigur Lanz besitzt einen eher begrenzten Wortschatz, der von ein paar immer wiederkehrenden Begriffen geprägt wird: Positives ist «lustig», Negatives «behindert» und mit «ultra» wird Nachdruck verliehen. Ganz vereinfacht ist die Sprache dennoch nicht, sind doch Nebensatzkaskaden das liebste Stilmittel. In seinen Blog-Einträgen lässt Lanz auch den Lehrer Gilgen eine mündliche, vom Standard abweichende Sprache reden: «Bevor ihr etwas raufladet, kommt aber bitte zuerst zu mir, dass ich kurz drüberschauen kann.»

Bei Luise Maier ist es nicht die Sprache, die von der Norm abweicht, bei ihr ist es vielmehr das Verhalten der porträtierten Kleinfamilie. Die in Österreich geborene und in Bayern aufgewachsene Autorin versteht es, den familiären Alltag in einer knappen, spröden, zugleich poetischen und drastischen Sprache aufzuzeigen. In kleinen Miniaturen – die Kapitel sind zum Teil nur eine halbe Seite lang – gelingt es ihr, die Familie facettenreich zu skizzieren. Es sind Szenen aus dem Leben der heranwachsenden Tochter; von ihrer Kindheit bis in die Jugendjahre. Vieles wird nur angedeutet. Gewalt ist da, aber auch Zärtlichkeit. Eine Familie wird gezeigt, die zerbricht. Dabei tun sich Abgründe auf und werden Grenzen überschritten. Der Vater wird in seinen Aktionen als gewalttätig, schamlos und grobschlächtig beschrieben. Nur selten ist er liebenswürdig. Er züchtigt seine Kinder auf brutale Weise. Einmal fesselt er seinen Sohn ans Kinderbett und ein andermal sperrt er ihn in den Keller. Eine weitere abstossende Szene ereignet sich im Badezimmer. Dort zelebriert er vor der Tochter rücksichtslos seine Intimwäsche. Auch die beiden Geschwister überschreiten Grenzen, als sie ein Sexheftchen finden und danach das Dargestellte nachzuahmen versuchen oder als die Tochter einen Hamster mit einem Zahnstocher quält. All dies wird aus der Sicht der kleinen Schwester beschrieben. Sie nimmt die Position der stillen Beobachterin ein, die sich stark zurücknimmt und von sich nur wenig preisgibt. Dafür erzählt sie vom Kampf ihrer Mutter gegen Krankheiten und von deren Versuch, sich mit einem eigenen Malatelier zu emanzipieren.

Die beiden Debüts zeigen zwei grundverschiedene Lebenswelten, die formal sehr unterschiedlich umgesetzt sind. Ihnen ist allerdings gemeinsam, dass Stil und Tonalität konsequent durchgezogen werden. Luise Maier überzeugt mit ihrer drastischen und dennoch beiläufigen Schilderung all der familiären Abgründe und Grausamkeiten und Flurin Jecker mit einem stimmigen Porträt eines Adoleszenten.