Herr Brechbühl sucht eine Katze

Tim Krohn

1 Haus, 11 Menschen, 65 Gefühle: Tim Krohn schreibt mit leichter Hand einen realitätsgesättigten, sinnlichen und bisweilen hochkomischen Serienroman.

Das Jahrtausend beginnt für den pensionierten Tramfahrer Hubert Brechbühl mit großen Plänen und ohne Katze. Für das junge Paar Pit und Petzi mit viel Sex. Für Julia Sommer ohne Sex. Für Selina May ohne Arbeit. Für Efgenia Costa mit Drogen. Für Erich und Gerda Wyss mit Überlegungen, wer von beiden zuerst sterben sollte. Vieles davon wird sich ändern, anderes nicht. Elf Bewohnerinnen und Bewohner eines Züricher Mietshauses geraten im Jahr 2001 in einen Strudel der Gefühle.

Der Schweizer Bestsellerautor Tim Krohn eröffnet mit diesem Band eine groß angelegte literarische Erkundung aller Gefühle, Charakterzüge und Abgründe des Menschen. So steht jedes der 65 Kapitel in diesem Roman für eine »menschliche Regung«.

Mit unbändiger Erzähllust und ebenso viel Witz wie Sensibilität zeichnet der Autor etwa die zärtliche Beziehung des alten Ehepaars Wyss, das durch »Wagemut« unversehens an den Rand der Kriminalität gerät; er erzählt von »Ödnis« und »Begeisterung« bei Pit und Petzi, denen über allerlei Liebesexperimenten fast ihre Liebe abhandenkommt, und von den fatalen Folgen der »Barmherzigkeit« des Rettungsfahrers Adamo Costa. Auch »Glück« wird erkundet – und da kommt die Katze ins Spiel …

(aus der Buchpräsentation, Verlag Galiani)

Gemischtwarenladen der Gefühle

par Jörg Hüssy

Publié le 20/03/2017

Tim Krohn hat Grosses vor. Er hat eine Romanserie begonnen, welche die «menschlichen Regungen» in ihrer ganzen Bandbreite ausloten soll. Dem Autor schwebt ein im heutigen Zürich angesiedeltes Zeitgemälde vor. Nicht von ungefähr klingt darin Honoré de Balzacs Die menschliche Komödie an. Dieses umfassende Erzählwerk zeichnet anhand der französischen Gesellschaft in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Bild der menschlichen Gesellschaft. Tim Krohn beschreibt demgegenüber eine überschaubare, klar begrenzte Welt: die Bewohner eines Genossenschaftsbaus mit acht Wohnungen. Mit dieser Einengung erinnert er an ein weiteres Schlüsselwerk der französischen Literatur: an Georges Perecs Das Leben Gebrauchsanweisung, dessen Erzählkosmos sich auf ein Mietshaus in Paris beschränkt. Die Idee zu Tim Krohns monumentalem Romanprojekt liegt bereits einige Jahre zurück und startete 2015 auf einer Crowdfunding-Plattform. Es ist partizipativ angelegt: Der Autor sucht Unterstützer, die bei ihm eine kurze Geschichte bestellen. Sie sind aufgefordert, einen Begriff aus der im Internet aufgeführten Liste der «menschlichen Regungen» – mittlerweile umfasst sie um die tausend Begriffe – auszuwählen und den Text durch drei weitere Worte mitzuprägen. Die Auftraggeber können sich ausserdem im Gespräch mit dem Autor einbringen. Diese Geschichten werden dann von Tim Krohn als einzelne Kapitel in die Romanserie eingewoben. Nun ist der erste Band mit dem Titel Herr Brechbühl sucht eine Katze herausgekommen. Zwei weitere Bände sind beim Berliner Verlag Galiani bereits in Vorbereitung. Ob die auf rund fünfzehn Bände ausgelegte Serie wie geplant abgeschlossen werden kann, steht noch in den Sternen. Der seit einigen Jahren im Münstertal ansässige Autor ist jedenfalls willens, sein Opus magnum in der Abgeschiedenheit fortzuführen.

Tim Krohn war schon immer experimentierfreudig. Dies zeigte sich früh in seinen Theaterstücken und in stilistisch anspruchsvollen Prosatexten. In den Romanen Quatemberkinder und Vrenelis Gärtli schöpfte er etwa aus der Glarner Sagenwelt und schuf dabei eine Kunstsprache, in der er das Schriftdeutsche virtuos mit Einsprengseln des Glarner Dialekts anreicherte. Es ist eine altertümlich wirkende, lautmalerische Sprache, die den mythenumrankten Geschichten eine wunderbare Form gibt, den Leser aber herausfordert. Mittlerweile ist seine Prosa stilistisch konventioneller geworden. Dafür zeigt sich Tim Krohn nun umso innovativer im Generieren von neuen Geldquellen und in der Ausarbeitung eines, wie er es selber nennt, «leicht grössenwahnsinnigen Prosaprojekts». In kurzen Kapiteln, die jeweils einer «menschlichen Regung», einem Charakterzug oder einem Gefühl gewidmet sind, erzählt er aus dem Alltag der Bewohner eines Wohnhauses. Dieses liegt in einer Genossenschaftssiedlung an der Röntgenstrasse im Zürcher Kreis 5. Die Bewohner sind typisch fürs Quartier: Sie sind Kulturschaffende oder Studenten, Ausländer oder alteingesessene Sozialdemokraten. Vom vierjährigen Mädchen mit seiner alleinerziehenden Mutter bis zum Rentnerpaar mit Alterssorgen sind alle Generationen unter einem Dach vereint. Wie in einer Fernsehserie erlaubt es diese Konstellation Tim Krohn das Personal auszutauschen, sei es durch Wegzug oder Ableben. Und vor allem die Serie über Jahre fortzuführen. Noch einen weiteren Kniff hat er sich einfallen lassen: Das Wohnhaus verfügt über eine Gästewohnung, in die er nach Belieben neue Figuren einquartieren kann. Die Handlung ist allerdings nicht nur auf das Haus beschränkt. Man erfährt von den Schwierigkeiten der alleinerziehenden Mutter bei ihrer Arbeit als Lektorin und den sie belastenden Intrigen im Verlag. Oder von der Schauspielerin Selina May, die zwischen Engagements beim Theater und Film aufgerieben wird. Auch das Studentenleben wird ausgebreitet, ein Leben voller Entdeckungen intellektueller und sozialer Art. Auffallend ist der rege Austausch, in dem sich die Bewohnerinnen und Bewohner befinden. Ihre Begegnungen gehen jedoch in einigen Fällen über gewöhnliche nachbarschaftliche Beziehungen hinaus. Das drastischste Beispiel ist ein sexueller Übergriff in der Waschküche als Eskalationspunkt einer Auseinandersetzung zwischen dem 19jährigen Student Pit und der mehr als doppelt so alten Efgenia Costa. Überhaupt sind die Mieter gar oft erregt. Sie sind fast ständig in sexueller Erregung und geraten schnell in Aufregung wegen Problemen bei der Arbeit oder lauten und die Hausordnung missachtenden Nachbarn: kurz der Kleingeist ist allgegenwärtig. Tim Krohn beschreibt diesen Mikrokosmos süffig und mit pointiert gesetztem Witz. Die Geschichten versteht er als Geschenk an seine Auftraggeber. Womöglich hat ihn deshalb der literarische Wagemut etwas verlassen. Literarisch herausfordernd sind die Texte jedenfalls nicht. In einem Interview erklärt er: «Eigentlich ist mein Anspruch ja, dass ich jeden Begriff in einer Geschichte in seiner ganzen, umfassenden Bandbreite spiegle.» Freilich, die Einschränkung «eigentlich» deutet es bereits an, hat er Mühe diesem Anspruch zu genügen.

Hingegen ist es eine wahre Freude diesen Gemischtwarenladen der Gefühle und Charakterzüge durchzugehen: Auf den Vorsatzseiten sind 777 davon aufgelistet. Es ist ein reicher, bunt gemischter Fundus mit manch einer Trouvaille. Eine gewisse Nonchalance bei der Auswahl kann man Tim Krohn dabei nicht verübeln: Welche Figur wird sich wie «Ödipus» verhalten und wer sich als «Stinkstiefel» erweisen? Sollten die «Menschlichen Regungen» je übersetzt werden, wird es zudem interessant sein, wie beispielsweise beinahe synonyme Begriffe wie «Unentschlossenheit», «Hinundhergerissenheit» und «Zerrissenheit» übertragen werden.
Auch der enzyklopädische Gedanken hinter seinem geplanten Monumentalwerk, das der Autor «Kompendium der Gefühlslage unserer Zivilisation» nennt, fasziniert. Jedenfalls darf man gespannt sein, wie sich all diese menschlichen Regungen einfügen werden und wie sich das Leben an der Röntgenstrasse weiterentwickelt. Vielleicht erweitert Tim Krohn ja sein Angebot bei der nächsten Unterstützungsrunde auf wemakeit um jährlich erneuerbare Patenschaften für die einzelnen Figuren oder für die Katze, die Herr Brechbühl sucht?