Schule der Indienfahrer

Friederike Kretzen

Ein Abend mit Engeln im Wald von Krofdorf, irgendwann in den siebziger Jahren, es schneit, ein Film wird gedreht. So beginnt das Buch, das eine Schule ist. Wer in sie eintritt, um den ist es geschehen. Denn die Schule der Indienfahrer ist wie das Leben – verwirrend, ungewiss und bis zuletzt gefährlich. Indien spielt dabei die Rolle des Monds, jenem trügerischen Verdoppler der Liebe und Sehnsucht. In seinem Licht mischen sich Zeiten, Lieder, Erinnerungen, werden Tänze fortgesetzt, tote Tiere leben auf, die Sterbenden sind da, wollen noch ein bisschen bleiben, die Leichtsinnigen folgen ihren Liedern und so fort. Wunderbar, sich in diesem Wirbel der Zeiten, der Geschichten, der Träume und Täuschungen auf ein Stück Himmelfahrt Richtung Osten mitnehmen zu lassen. So bunt, so grausam, so schön, so entsetzlich. Und immer wieder die Kinder, die von einst, die von heute, die einem ans Herz gehen.

(Buchpräsentation Stroemfeld)

«All das Phantastische, Aufgewühlte, Ungelebte, das uns ausmacht»: Friederike Kretzens «Schule der Indienfahrer»

par Daniel Rothenbühler

Publié le 26/06/2017

Der neue Roman von Friederike Kretzen, ihr neunter, erzählt eine Indienreise als «Schule der Indienfahrer» und ist selbst diese «Schule». Denn zu Schülern werden mit den sechs Indienfahrern im Roman auch wir, die ihn lesen: Statt 27 Kapitel präsentiert er uns 27 «Lektionen». Damit spielt die Autorin mit zwei Klischees unserer volldidaktisierten Gesellschaft: jenem vom Reisen in andere Kontinente, das angeblich bildet, und jenem vom fortdauernden Lernprozess, als den wir unser Leben betrachten sollten. Wer von den 27 «Lektionen» des Romans aber ein Curriculum in 27 Lernschritten erwartet (oder befürchtet), sieht sich enttäuscht (oder befreit). Dieses Buch lässt sich weder als programmierter Lehrgang noch als Bildungsroman lesen. Statt in Indien zu sich zu finden und sich zu entfalten, wie das noch den Hippies der 1970er Jahre vorschwebte, lernen Kretzens Indienfahrer vierzig Jahre später den mehrfachen Verlust, jenen ihrer selbst und derer, die ihnen nahestanden, und jenen einer Geschichte, die etwas anderes sein könnte als ein fortlaufendes Suchen. Ihre Schule – und damit auch unsere – ist ein Traum: «Denn wir können nicht mehr als träumen von so viel zurückliegender Zeit und davon, wie die uns noch immer mit einer Sehnsucht erfüllt, die grösser ist als alles, was je wir gewesen sein werden.»

Die Kunst, Zeit zu verlieren

Mit fünf anderen Indienfahrern, ihren einstigen Wohngemeinschafts- und Theaterkollegen, Kamal, «der uns filmt», Abdul, «der mit den Freaks spricht», Natascha, «der Hüterin der Feen», Camille, «die gerne ein Vampir gewesen wäre und Helmudo, unserem Ariel, dem irgendwann im Leben das Zaubern vergangen ist», fährt Véronique, die Ich-Erzählerin, nach Indien, ihrem einstigen Freund Alexander und ihrem einstigen Hochschullehrer Günther nach, die beide Ende der 1970er Jahre dorthin verschwunden sind. Zugleich gilt ihre Fahrt auch ihrem Vater, den sie damals verloren hat. Diese dreifache Suche nach Freund, Lehrer und Vater endet nicht im Finden, sondern im fortgesetzten Verlieren.

Und zu verlieren gilt es vor allem auch die Zeit: «Leben heisst, Zeit zu verlieren, das ist, was wir wiedergefunden haben; uns zu verlieren. Was für eine Schönheit, was für ein Wagnis. Adieu Zeit, Adieu ihr Wörter und Sätze.» Die Kunst, Zeit zu verlieren, steckt schon im ursprünglichen Sinn des Wortes «Schule», griechisch «schole», «freie Zeit, Musse». Und so ist die «Schule der Indienfahrer» vor allem ein Fallen aus der Zeit – auch für uns Lesende. Die Lektüre des Romans verlangt mehr Zeit, als es die 263 Seiten vermuten lassen. Man kann sich darin vertiefen wie in ein Gedicht. Die Schönheit und das Wagnis des Verlierens seiner selbst und der Zeit verbindet die Ich-Erzählerin mit dem Adieu an Wörter und Sätze, weil diese nicht unmittelbar preisgeben, was sie bedeuten, sondern «uns rufen, wie Vögel sich rufen». In dieser Poesie sollen sie jene «zerbrechliche Schönheit» ausdrücken, «die sich nicht erhält, eine des Aufbruchs, der Unbestimmtheit, der Vagheit. Eine, die mir fehlt und deren Fehlens wegen ich mich auf die Suche gemacht habe.»

Eine solche Schönheit sucht Friederike Kretzen seit ihren Anfängen als Autorin. Dabei ging es ihr nie um einen abgehobenen Ästhetizismus. Für diesen jüngsten Roman gilt das mehr denn je. Noch radikaler als sonst gründet ihr Schreiben und dessen zerbrechliche Schönheit hier in einem «Gefühl von einem ungeheuren Fehlen». Dieses Fehlen ist der ganzen Generation der Autorin und ihrer Indienfahrer eigen. Sie wurden in den 1950er Jahren in ein Deutschland geboren, das die Schrecken und Leiden des kaum vergangenen Krieges dadurch leugnete, dass es seine Auferstehung im Erfolg des Wirtschaftsbooms suchte. Die Nachkriegskinder konnten diesem Leugnen keine Wirklichkeit entgegenhalten, aber sie spürten sie: «überall in uns, an uns, um uns», und all «die Toten der Kriege, die nicht tot waren, sie lasteten auf uns, wir waren ihre Kinder und Kindeskinder, wir lebten von ihnen.»

Platische, packende Bilder

Dieses Fehlen und diese Last trieb diese Generation in den 1960/70er Jahren in den Aufstand, für Véronique und ihre Gefährten den Aufstand im Theater und im Film. Alexander, der Schweizer, der filmte, gesellte sich zu ihnen, weil in seinem Land für ihn ein anderer Krieg stattfand: jener in den Familien. Sein Weggang aus der Schweiz führte ihn Ende der 1970er Jahre nach Indien, wo sich seine Spur verlor. Als einziges Zeugnis bleibt ein Film, den er zuvor mit den Indienfahrern gedreht hat: Die Verschwundenen. Die sechs Indienfahrer sehen den Film zum Schluss ihrer vergeblichen Suche nach Alexander in der schweizerischen Botschaft in New Delhi. Der Film spricht von derselben Generation wie der Roman. Wie dieser zeigt er die Indienfahrer als «Freunde einer gewissen Zeit, Hippiesympathisanten, die auf der Spur von ein paar Erinnerungen sich selbst zu vergessen beginnen, ihre Geschichte verlieren, vor allem vergessen, sie verloren zu haben.»

Diesem Verlust entspricht ein Erzählen in assoziierendem Beobachten und Erinnern. Dieses lässt die Ich-Erzählerin immer wieder zurückschreiten von der Gegenwart unserer Zehnerjahre in jene der 1970er und 1960er Jahre. Im freien Assoziieren ruft sie plastische, packende Bilder hervor. So zum Beispiel jenes ihres früh verstorbenen Vaters, der sich «gekränkt, mit kaputter Lunge als ein anderer durch sein Leben bewegte», oder jenes ihrer Freundin Elsemarie und deren behinderter Schwester Marielouise, eines Engels «aus der Familie der Walfische». Solche Bilder haben sie damals zum Aufstand und Widerstand bewegt, und sie lassen sie nun auf der Indienreise «all das Phantastische, Aufgewühlte, Ungelebte, das uns ausmacht, noch einmal haben, wiederhaben». Das wecken auch die neuen Bilder in Indien, jenes des «Schlaffelds» der Strasse zum Beispiel, auf der sich unter den am Boden Liegenden die Lebenden kaum von den Toten unterscheiden lassen, oder jenes der Tauben, die sich im Netz verfangen, das die Fassade des Hotelhochhauses schützt, so dass sich dem Blick der Gäste ein «Vorhang aus toten Vögeln» bietet.

So zeigt der Roman Indien nicht nur als lebendige Chiffre der Sehnsucht und Suche der Indienfahrer, «Schneegestöber unserer alten Wünsche, Raum des Irrtums», sondern auch als schmerzhaft gegenwärtige Realität. Der Roman ist deshalb beides: ein Buch über das Festhalten an widerständigen Phantasien und ein Stück aufwühlender Reiseliteratur.