Das Jahr der Frauen

Christoph Höhtker

Was ist zu tun, wenn man von allem endgültig genug hat, der Therapeut aber dennoch Vorsätze für das neue Jahr hören möchte? Frank Stremmer, Anfang vierzig, ausgebrannter deutscher Expat in Diensten einer illustren internationalen Genfer Organisation, rafft sich zu einem letzten Kraftakt auf: Zwölf Frauen in zwölf Monaten! Ohne Geld, ohne Versprechungen, ohne Perspektiven. Was als Witz, als müde Provokation gegenüber seinem Psychologen beginnt, entwickelt sich schon bald zur fixen Idee. Immer verbissener verfolgt der PR-Mann sein «Projekt», immer grotesker werden seine Annäherungsversuche. Denn am Ende, so hat Stremmer es sich vorgenommen, soll nichts Geringeres stehen als: Die Erlösung. Zwölf Frauen in zwölf Monaten bedeuten für ihn die «Legitimation» zum Freitod. Das Jahr der Frauen, das sind die amüsant-absurden Notate eines Besessenen. Sex als Sterbehilfe, Flirts im Endzeitmodus mit Judith Butler als Stichwortgeberin. Stremmers irrwitzige Jagd durch Online-Portale, Bars und Schlafzimmer endet jedoch nicht im Frieden leerer Schlaftablettenröhrchen, sondern im Chaos, im blutigen Staub eines afrikanischen Bürgerkriegsstaates. – Der finale, frauenlose Akt? Oder gar ein Neubeginn?

(Buchpräsentation weissbooks)

Der letzte Countdown

par Florian Bissig

Publié le 04/09/2017

Das «Jahr der Frauen», das dem Buch den Titel gibt, sollte Frank Stremmers letztes Lebensjahr sein, wenn alles gutgeht. So hat er es sich in den Kopf gesetzt, und so hat er es seinem Psychiater, in Form einer Wette, an den Kopf geworfen: «Ich sage, ich schaffe zwölf Frauen in einem Jahr, Sie halten dagegen.» Sein Ziel: «Wenn ich gewinne, darf ich mich anschliessend umbringen.» Das angebliche paradoxe Vorhaben, sich für eine erbrachte Leistung mit dem Selbstmord zu belohnen, ist der Aufhänger und Motor des Roman-Plots und zugleich sein Schwachpunkt.

Stremmer scheint zwar aus handfesten Gründen in psychiatrischer Behandlung zu sein. Er hat eine Vorgeschichte mit Drogen, einer gescheiterten Beziehung und macht vage Andeutungen über ein traumatisierendes Erlebnis. Dennoch steckt in dem draufgängerischen Kerl zu viel Lebensfreude und zu wenig Anzeichen von Suizidalität, als dass dieses Endmotiv glaubhaft würde. Stremmer bleibt stets an seinem Ziel dran, und straft dadurch – durch seine vielfältigen Affairen – das Ziel seiner Selbstauslöschung Lügen. Und so liest sich Das Jahr der Frauen als flotter, frecher Unterhaltungsroman über Sex, zu dem das absolut nicht lustige Ende nicht passen will.

Die Erzählperspektive gehört in Christoph Höhtkers Roman gänzlich Frank Stremmer, dem deutschen Expat in Genf, der Lesern seiner bisherigen zwei Romane bekannt ist. Frank Stremmer arbeitet in der Kommunikationsabteilung einer global tätigen NGO, der «Global Enhancement Foundation», für deren Ziele und Praktiken, und vor allem für deren Guru-artigen Gründer und Direktor er nur Hohn und Spott übrig hat. Just von diesem Herrn soll Stremmer aber eine – natürlich glorifizierende – Biographie schreiben.

Für die Aufgabe, stringente Biographien zu schaffen, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen, ist Stremmer genau der Richtige. Denn in ihm läuft ohnehin ein «Biographieproduktionsprogramm», das sich von selbst einschaltet, sobald er einen Menschen vor sich hat. So dichtet er den Leuten auf der Strasse oder im Flugzeug ein kleines Curriculum an, in dem meistens – Stremmer interessiert sich vornehmlich für das weibliche Geschlecht – das Äussere und dessen Wirkung auf die Männer eine Hauptrolle spielen.

So folgt man dem Protagonisten durch Genf, Zürich, Berlin, Wien, Mallorca und weitere Orte und erfährt, wie er hier eine Blondine, da eine Brünette und dort eine Rothaarige kennenlernt, beschwatzt und flachlegt. Stremmer gibt den Aufreisser, der nur das eine will, und seine unverblümte Ausdrucksweise – ein «Locker-Room-Talk» im Stil Trumps, nur eloquenter – weist ihn als prototypischen Macho aus.

Genüsslich scheint hier ein Autor die Gelegenheit auszukosten, seinen Protagonisten in politisch unkorrektester Manier über seine Mitmenschen herziehen zu lassen. Stremmer taxiert Körper mit «Aussehensnoten», demontiert die Umtriebigkeit von multinationalen Unternehmen und urbanen Karrierestrebern, macht sich über den Freudianismus und die immergleiche Fragerei des Psychiaters lustig, lästert über die fehlende Eleganz und die Sprache der Deutschschweizer («Als Gehörloser könnte ich hier leben.»), und nennt überhaupt allerhand tatsächliche wie vorgestellte Makel seiner Mitmenschen schamlos beim Namen.

Das ist lustig, denn der Erzähler Stremmer hat ein ebenso geschliffenes wie loses Mundwerk und ist mit einer blühenden Phantasie gesegnet. Doch das ist auch furchtbar oberflächlich. Und so tut Höhtker Recht daran, die Sache ein wenig doppelbödig aussehen zu lassen. Natürlich nimmt Stremmer eine Pose ein, natürlich trägt er eine Maske, natürlich gibt es auch in seiner Seele tiefere Stellen. Und, vielleicht das wichtigste, Stremmers erotische Abenteuer zeigen ihn als einen empfindsamen Mann. Stremmer bumst nicht bloss. Er schätzt die Gerüche der Frauen, die feine Berührung und das ausgedehnte, nichtfestgelegte erotische Spiel. Und wenn er in einem schwachen Moment auf die Lichter der Stadt blickt und sich wünscht, «endlich Teil von all dem sein zu können», oder wenn er seinem trashigen Nachbarn liebevoll ein Hochzeitsgeschenk (Zigaretten und Champagner) zusammenstellt: dann soll man sich wohl zusammenreimen, dass es auch für Frank Stremmer ein richtiges Leben im falschen geben könnte.

Doch ein Remake von «Täglich grüsst das Murmeltier», an dessen seriellen Plot sein Roman erinnert, mag Höhtker nicht machen. Am Ende wird nicht geheiratet. Der Misanthrop wird nicht geläutert. Oder vielleicht doch? Die unwahrscheinliche Charakterzeichnung und der überdrehte Unsinn, den Stremmer permanent redet, macht die Auslegung müssig. Was vom Roman – der auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis steht – bleibt, ist die Erinnerung an ein paar Stunden Unterhaltung und vielleicht einige gelungene Sottisen. Etwa: «Ich verstehe jetzt, wie richtig es ist, sich nicht nur zeitweilig, sondern permanent Herausforderungen zu konstruieren. Ich begreife, dass Menschen klug handeln, wenn sie sich zum Beispiel in Karrierekämpfen aufreiben.»